Am 23. Februar beginnt in Augsburg das Brechtfestival

Ich oder Wir? Egoismus versus Solidarität!
Am 23. Februar beginnt in Augsburg das Brechtfestival

Keine Angst vor Gegensätzen und offenen Fragen: Beim Brechtfestival in Augsburg treffen Hochkultur auf Popkultur, Unterhaltung auf Diskurs, Brechts Werk auf die Gegenwart und die Gegenwart auf Brecht. Das 10-tägige Festival läuft in diesem Jahr unter dem Motto »Egoismus versus Solidarität« und hat sich das Zitat »Ich glaub nicht, was ich denk« aus Brechts Fatzer-Fragment an die Seite gestellt. Es lenkt so den Blick auf die Frage, wie wir angesichts schwindender Gewissheiten und alltäglich gewordener Widersprüche zwischen Glauben und Denken, Wissen und Handeln eigentlich leben wollen. »Das Brechtfestival 2018 soll jedoch »kein jammervolles Echo der uns umgebenden Krisen sein, sondern vielmehr Lust darauf machen, diese Krisen durchstehen zu wollen«, so Festivalleiter Patrick Wengenroth.

Schwerpunkte auf Theater und Literatur: ABC der Solidarität

Zu den Gästen gehören u.a. das mehrfach ausgezeichnete Maxim Gorki Theater Berlin und das Theater Bremen. Auch zahlreiche Literaturformate begleiten das Festival, beispielsweise mit der Dramatikerin, Essayistin, Kuratorin und Romanautorin Sasha Marianna Salzmann. Das »ABC der Solidarität« am ersten Festivalwochenende (25.2.) diskutiert Thesen zu Egoismus und Solidarität heute: Ausgehend von Brechts Essay »Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit« verfassen die Autorinnen Kathrin Röggla, Stefanie Sargnagel und der Künstler und Kunsttheoretiker Bazon Brock kurze Texte, welche die Grundlage der Diskussion bilden. Der 82-jährige ehemalige Brecht-Meisterschüler B.K. Tragelehn ist Gast beim Werkstatttag am 3. März, der vom Theatermacher und -wissenschaftler Alexander Karschnia und dem Wissenschaftler, Künstler und Aktivisten Florian Schneider gestaltet wird.

Auftakt mit »Urstück« Fatzer – Popkultur mit Algiers und Antilopen Gang

Das Theater Augsburg als Kooperationspartner eröffnet am 23.2. das Festival mit »Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer« (Regie: Christian von Treskow). Im Anschluss an die Premiere findet eine öffentliche Feier in der neuen Spielstätte des Theaters im martini-Park statt mit einem Auftritt des Performers Johannes Dullin um 22.30 Uhr, sowie DJ-Musik und Tanz (Eintritt frei). Zur Eröffnungsproduktion sagt Intendant André Bücker: »In meinem ersten Jahr freue ich mich ganz besonders, dass mit 'Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer' ein sehr charakteristisches Werk von Brecht in einer ganz eigenen Fassung auf die Bühne im martini-Park kommt. 'Fatzer' kann man als Urstück sehen – es finden sich ganz viele Motive und Ansätze in anderen Stücken wieder.«

Bei der Langen Brechtnacht am 24.2. kann man rund 50 Künstler*innen in 10 Locations im Augsburger Stadtgebiet live erleben. Darunter die US-Band Algiers (Post-Punk-Soul) und die Düsseldorfer Polit-Rapper Antilopen Gang. Weitere Acts sind Wallis Bird (Irland / Folk-Pop), Martin Kohlstedt (Thüringen / Electro-Acoustic Ambient), Daniel Kahn & The Painted Bird (USA / Berlin / Klezmer-Folk-Punk), FIRE! (Schweden / Avantgarde Jazz) u.a.

»Radikale Positionen«: Eigenproduktionen beim Brechtfestival

Vom 23. Februar bis zum 4. März stehen beim Brechtfestival hochkarätige Theatergastspiele, Theaterpremieren, Konzerte, Lesungen, Literaturveranstaltungen, Podiumsdiskussionen und Workshops für Erwachsene und junges Publikum auf dem Programm. Neben Gastspielen und Beiträgen von lokalen Kulturakteuren und Brecht-Experten gibt es auch eigens zum Festival produzierte Inszenierungen und Programmpunkte wie die zweite Fatzer-Interpretation des Festivals »Fatzernation« (theter Ensemble, Premiere 28.2. im City Club) und »Der kalte Hauch des Geldes« (Sensemble Theater, Premiere 23.2.). Unter dem Titel »Radikale Positionen« präsentiert das Brechtfestival am 4.3. ein Double-Feature mit der Kantate »Die Mutter« von Hanns Eisler und Bertolt Brecht und dem mehrfach preisgekrönten Dokumentarfilm »Valentina« von Maximilian Feldmann und Luise Schröder. Beginn ist um 14 Uhr. Popkultur bietet nicht nur die Lange Brechtnacht. Festivalleiter Patrick Wengenroth zeigt am 3.3. mit Musiker Matze Kloppe und Radio Journalistin Anja Caspary die Live-Adaption eines Hörspiels mit Texten und Songs von PeterLicht mit dem Titel »Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends«.

Egoismus, Solidarität, Umbruch, Revolution beim Brechtfestival

Fragen, die sich zwischen den beiden Polen Egoismus und Solidarität auftun, durchziehen Brechts Werk. Sie sind aktueller denn je. Egal, ob man sie politisch oder psychologisch deutet. Wo liegt die Grenze zwischen Hingabe und Selbstaufgabe? Wie lassen sich unterschiedliche Interessen vereinen? Wieviel kann ich und will ich abgeben von dem was ich habe? Warum muss ich überhaupt etwas geben? Was, wenn jemand aussteigt, sich verweigert, einfach nicht mehr mitmacht? Und wie verhält sich all das zu Ideen von Revolution?

Das Festivalthema »Egoismus versus Solidarität« ist dabei im mehrfachen Sinne nicht nur Dekoration, es basiert auf grundlegenden gesellschaftlichen und persönlichen Fragen, mit denen sich Brecht befasst hat und die auch aktuell von dringlicher Relevanz sind. Viele der im Festival vertretenen Künstler*innen sind gleichsam persönliche Zeug*innen und Gestalter*innen des Komplexes von Egoismus und Solidarität, von Umbruch, Ungewissheit und Revolution. Der Brecht-Meisterschüler B. K. Tragelehn (Gast beim Werkstatttag »Revolution Revisited« am 3. März) wurde in der ehemaligen DDR für seine Arbeit als Regisseur verfolgt. Er verbrachte ein Jahrzehnt im politischen Exil im »Westen« und zog nach der Wende zurück nach Berlin. Die niederländische Regisseurin Alize Zandwijk (»Der gute Mensch von Sezuan« vom Theater Bremen am 25.2.) sah in ihrer zunehmend von rechtspopulistischer Politik geprägten Heimat keine Perspektive mehr für ihre Arbeit. Sie ist derzeit künstlerische Leiterin des Schauspiels am Theater Bremen. Sasha Marianna Salzmann (»Außer sich«, Lesung und Gespräch mit Deniz Utlu am 4.3.) wuchs in Moskau auf. 1995 emigrierte sie mit ihrer Familie als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland. Die Regisseurin Yael Ronen und das Exil Ensemble des Maxim Gorki Theaters zeigen die Stückentwicklung »Winterreise« (4.3.), die eine künstlerische und persönliche Auseinandersetzung mit Brechts Gedicht »Über die Bezeichnung Emigranten« darstellt.

Das gesamte Programm und begleitende Informationen unter: www.brechtfestival.de.

Rubrik: 

Weitere News zum Thema

Theater "Fritz und Freunde" mit buntem Programm

Verfasst von Neue Szene am 23.06.2018

Auf der Provinowiese gibt es bis 1. Juli Aufführungen für die ganze Familie...

„Der zerbrochene Kelch“ – Neuauflage im tim

Verfasst von Neue Szene am 22.06.2018

Bühnenstück zur Arisierung eines Augsburger Unternehmens...

„Augsburger Wassertag“ - Für Familien mit Kindern

Verfasst von Neue Szene am 22.06.2018

Am 01.07. Experimente aus der „Wasserkiste“ und Flößerei in den Wassertürmen...