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Bei Herrn Schmidt und Arco
Herr Schmidt ist weg.
Heute ging ich am Antiquariat Schmidt in der Dominikanergasse vorbei. Nicht wirklich vorbei, ich blieb stehen, als ich einen mir fremden Mann im Laden stehen sah, der einem Kunden gerade ein Buch verkauft hat. In dem Moment ahnte ich, dass eine Geschichte endgültig vorbei ist.
Die Geschichte beginnt in einem Sommer vor ungefähr acht Jahren. Ich fahre mit dem Rad durch die Parallelgasse zur Maximilianstraße und sehe auf dem Bürgersteig zwei Rollwagen mit Büchern stehen. Auf dem einen liegen Bücher für einen Euro, auf dem anderen welche für zwei Euro. Ich habe frei, steige ab und gehe zu den Büchern. Ratgeber für Eltern, Frauen und Singles, Atlanten, in denen für immer standhaft untergegangene Staaten zu finden sind, Groschenromane, Krimis natürlich, Wissenschaftliches - das übliche verzaubernde Durcheinander eines Antiquariats. Im nächsten Moment meine erste Begegnung mit Arco: ein Schäferhund, der sich neben mich stellt und mit einem stoisch-gutmütigen Blick anschaut, den nur Hunde haben können.
"Der macht nix."
Ruft mir ein Mann zu, der im Türrahmen steht. Er trägt eine Weste, darunter ein hochgekrempeltes Leinenhemd und lächelt. Er könnte aus dem Roman eines österreichischen Schriftstellers des 19. Jahrhunderts entsprungen sein. Nicht, weil er klassisch wirkt, zumindest nicht auf eine gewollt klassische Art. Er sieht aus wie ein sehr kluger Wiener Handwerker, der nach der Arbeit gerne im Kaffeehaus sitzt und der Welt mit spöttisch-melancholischem Gesichtsausdruck zuschaut. Er hat schmale Augen, und wenn er lächelt, sieht er ein bisschen aus wie ein vergnügter Asiate. Das ist meine erste Begegnung mit Herrn Schmidt. Ich weiß nicht mehr, welches Buch ich beim ersten Mal gekauft habe, es war aber eines vom Ein-Euro-Wagen.
Im Antiquariat selbst waren die restlichen Bücher. Ich muss diesen Raum beschreiben. Vielleicht 15 Quadratmeter groß, länglich, in der Mitte Schränke voll Bücher, die wertvolleren, manche mit Widmung. Später wird mir Herr Schmidt ein besonderes zeigen, seinen ganzen Stolz, eine Erstausgabe von Joseph Roths "Radetzkymarsch" mit Autogramm des Autors in brauner Tinte, unverkäuflich. Links und rechts hohe Bücherregale, nach Themen und Epochen geordnet, gleich rechts am Eingang die Österreicher: Schnitzler, Roth, Zweig, Kraus, eher weniger Bernhard und kaum Jelinek. Links Geschichte, ganz hinten Bildbände, die erotischen ganz unten. Und dann natürlich überall volle Kartons und Bücherstapel, an den Wänden spärlicher Platz, Kunstdrucke, bevorzugt Jugendstil, oder uralte Reklame. Auf dem Boden lärmschluckender Perserteppich, im Hintergrund klassische Musik. Kurz: Der schönste Raum, den es in der Stadt gab und (noch) gibt.
Wir freundeten uns an. Auf zurückhaltende Art. Ich kam schließlich regelmäßig bei Herrn Schmidt und Arco vorbei, anfangs kaufte ich nur eben ein Buch, und ging wieder, irgendwann stellten wir fest, dass wir dieselbe Schwäche für Wiener Autoren haben und mit der Zeit wurde das Antiquariat Schmidt eine Mischung aus freundlicher Plauderecke und literarischem Weltfluchtsort. Ich saß dann vor dem Regal mit den österreichischen Autoren auf einem Stuhl. Vor mir lag Arco, der ab und an halblaut jaulte. Die Tür zur Straße stand offen, Herr Schmidt saß an der Wand gegenüber auf seinem Stuhl, lesend, sich unterhaltend, bei jeder schönen Frau, die vorbeilief, gemeinsam auf- und nachschauend. Er war kein klassischer Intellektueller mit schmaler Brille und feingliedrig. In einem früheren Leben hatte er bei der MAN gearbeitet und sich, dank einem kleinen Lottogewinn, den Traum vom eigenen Laden erfüllt. Er war kein Einsiedler, er hatte eine schöne Frau und einen erwachsenen Sohn. Ab und zu kaufte ich bei der Metzgerei nebenan Wurstsemmel, für Arco Presssack, für Herrn Schmidt nichts, weil er seine Brotzeit immer dabei hatte. Ein kleines Paradies, bewohnt von einem Mann, der die Kunst beherrschte, fröhlich-resigniert zu granteln und dabei die Menschen zu mögen.
Manchmal kamen alte Männer mit ärmlicher Kleidung vorbei oder auch junge Frauen, mit traurigen Augen, sie brachten beschädigte, unansehnliche Bücher und boten sie Herrn Schmidt zum Kauf an. Und er kaufte die Bücher, auch wenn er gewusst haben muss, dass sich dafür niemals ein Kunde finden würde. Er nannte diese Menschen, wenn sie wieder den Laden verließen, "arme Seelen". Mehr musste man nicht sagen.
Sein Antiquariat war ohnehin ein Anziehungspunkt für ungewöhnliche Menschen. Betrunkene Dichter, Pensionäre mit Verfolgungswahn, jüdisch-britische Kunstexperten, traurige Professoren, viele kamen nicht wegen der Bücher und blieben lange, alibimäßig in einem Buch blätternd. Ein Chefarzt aus einem städtischen Klinikum kam jeden Mittwochnachmittag nur wegen Arco und brachte ihm Blutwurst mit, er saß dann bei ihm, fütterte und streichelte ihn, redete auf ihn ein, in einer Hand ein Buch, in der anderen die Wurst, die der Hund mit seinen traurigen Augen fixierte. Wenn Arco einmal nicht da war, musste der Chefarzt immer schnell weiter. Wenn einer der exzentrischen Kunden besonders abwegige Thesen aufstellte und Zustimmung von Herrn Schmidt suchte, zuckte der jedes Mal mit den Schultern, zog die Augenbrauen nach oben und murmelte: "Jamei."
Er war kein großer Redner, zum Glück, wer Bücher liebt, muss nicht viel reden. Er war ein einfacher, gerader Mann, der Bücher über alles liebte und ihren Inhalt mit den Worten zusammenfasste: "Liebe und Tod, darum geht's am Ende immer."
Diese Geschichte ist vorbei. Nicht weil Herr Schmidt tot wäre. Aber er ist krank. So krank, dass er sein Geschäft nicht mehr weiterführen kann. Das hat mir heute der fremde Mann in Herrn Schmidts Antiquariat erzählt. Seine geliebten Bücher werden bald von einem anderen Antiquar gekauft werden. Die Regale werden leer sein, der Teppich wird entfernt und die Bilder von der Wand genommen werden. Es wird keine klassische Musik mehr laufen, ich werde nie mehr auf dem Stuhl vor den österreichischen Autoren sitzen, nie mehr wird Arco auf dem Teppich liegen, nie mehr mir gegenüber der gutmütig-grantelnde Herr Schmidt sitzen, nie mehr. Diese Geschichte ist vorbei und das ist unendlich traurig.
Text und Foto: Marcus Ertle






