Damit Sie auch morgen noch kraftvoll zubeißen können...

Im besten Sinne Luft nach oben ließ der Auftakt der Bayerischen Theatertage am Freitag. Es mag der Nervosität der Veranwortlichen bei Theater und Stadt Augsburg geschuldet sein, aber es ist ebenso unverständlich wie bedauerlich, dass die Eröffnungsveranstaltung im Textilmuseum von größtenteils uninspirierten Reden geprägt war. Ausnahmen bildeten lediglich die auswärtigen Vertreter, Bayern Kultusminister Wolfgang Heubisch und der Präsident des Deutschen Bühnenvereins, Klaus Zehelein. Die in Augsburg so selten gehörte "Erinnerung an die Marie A." lassen wir mal als Friedenspfeife für den ebenfalls anwesenden Leiter des Brechtfestivals, Joachim Lang, durchgehen.

Eine gewisse Berührungsangst war auch beim ersten Stück der Theatertage auf der Brechtbühne zu spüren. In der durchaus interessanten Inszenierung von "Effi Briest" des Landestheaters Dinkelsbühl schienen zwei engagierte Darsteller den Lösungsknopf der Handbremse nicht zu finden. Passend zur Anklage gegen CSU-Stadtrat Schley wurde im Großen Haus zeitgleich "Die Räuber" gegeben, und OB Gribl sah sich gezwungen, noch nach der Vorstellung im Biergarten in der Kasernstraße gegenüber der Presse "klare Verhältnisse" in der Augsburger CSU zu fordern. Andererseits hatte unser Stadtoberhaupt genug Zeit dafür, die Getränkeausgabe im Doppeldeckerbus ist zwar hübsch anzuschauen, schien aber nicht mit allzu vielen Gästen gerechnet zu haben.

Die Brechtbühne bewies daraufhin beim Auftritt der Augsburger Indierockband King The Fu ihre Tauglichkeit als Konzertort - aber leider auch eine offensichtliche Hilflosigkeit bzw. Befremden der Theaterverantwortlichen gegenüber allem anderen als eben Theater und Theaterpublikum. Es ist schwer zu verstehen, dass ein nagelneuer Bühnenboden, der vor einer Stunde noch munter bestiefelt und von Bühnenelementen zerkratzt wurde, plötzlich keinen Rotweinfleck mehr aushalten soll, warum nach Kassenschluss selbst zahlungswillige Nachzügler keinen Einlass mehr finden in den nur halbgefüllten Veranstaltungsraum oder bei der Zugabe das Saallicht eingeschaltet bleibt. Muss ja nicht gleich zum "Brechtclub" werden, das gute Stück, aber ein bisschen mehr Rock'n'Roll hat noch keinem geschadet. Wie gesagt, wir wären auch nervös, wenn kurz nach Bezug der neuen Wohnung der halbe Freistaat durchs frischgestrichene Wohnzimmer latscht...

Es bleibt zu hoffen, dass das Theater Augsburg die Chance erkennt: Selten zuvor war das Interesse der jungen Szene an den Augsburger Bühnen so groß wie zurzeit. Und entgegen vieler Vorurteile ist besagte Szene sehr sensibel - aber auch schnell zu begeistern, wenn die Arme der Institution nicht nur auf Pressekonferenzen und Stadtratssitzungen geöffnet sind. Damit Sie auch morgen noch kraftvoll zubeißen können.

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