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Die Verteidigung der Schwiegermutter
Im Rahmen des Friedensfestprogramms las der Schriftsteller Saša Stanišić am Mittwochabend im Theaterfoyer aus seinem mehrfach preisgekrönten Roman "Vor dem Fest".
Es waren zwei Versprecher, die den kurzweiligen Abend treffend einläuteten: Die Einführung übernahm Bettina Banasch von der Uni Augsburg und abgesehen von dem Fauxpas, sich selbst nicht vorzustellen bzw. vorgestellt zu werden, bot sie eine kluge und ausgefeilte Einführung in Werk und Person des Autors, der nur einen Meter von ihr entfernt saß und sich sichtlich freute. Es muss ein seltsames Gefühl sein, regelmäßig in einer anderen Stadt von einer anderen Person über sich selbst und sein Schaffen zu hören, aber das nur am Rande.
In ihrer Rede stolperte Banasch zunächst über Stanišić' Erstling, aus seinem Erfolgsroman "Wie der Soldat das Grammofon repariert" wurde "Wie der Roman das Grammofon reparierte" und kurz darauf wurde eine seiner Figuren vorgestellt mit: "Frau Kranz malt ein Bier von hier, pardon, ein Bild von hier." Womit der gutgelaunte bosnische Autor, sein Werk und sein Vortrag überaus passend charakterisiert wären. Es geht sehr humorvoll um ein Stück Heimat, oder "Weltliteratur aus der Uckermark", wie die FAZ schrieb, und ist gleichzeitig eine sehr lakonische Prosa, die nie belanglos wird und immer ein sympathisierendes Menschenbild offenbart. Damit ist er näher am angloamerikanischen Erzählstil als an deutschen Traditionen. Saša Stanišić mag seine Figuren, wie er selber sagt, sehr gerne sogar. Das merkt man in jeder Zeile, die der Schriftsteller engagiert und mitreißend vorträgt. Und er scheut auch nicht vor witzigprägnanten Formulierungen zurück, da lautet ein Satz schon mal: "Der Fährmann ist tot, es lebe der Bootsverleih." Anders gesagt: "Vor dem Fest" und sein Autor haben eine Kraft, die tatsächlich Grammofone reparieren könnte.
Dass ihm die Titanic aufgrund seines Aussehens "Schwiegermütterliteratur" vorwirft, geschenkt. Saša Stanišić ist 36 Jahre alt, hochdekoriert, bestens ausgebildet, hat am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert und bewegt sich nach eigenen Angaben in einem Kreis befreundeter Autoren, die sich gegenseitig auch mal die Texte zerpflücken. Und er gibt offen zu: Ohne deren Hilfe und die seiner Freundin, die glücklicherweise Lektorin ist, hätte er das Buch nie zu Ende gebracht. Zuletzt habe er über 600 Seiten Manuskript gehabt, der Roman hat 320.
Saša Stanišić kratzt an unserem gerne so gepflegten "Bild des einsamen Genies" und ist erfrischend unprätentiös. Richtiggehend emotional wird er in seiner Weigerung, als "Migrantenautor" auf entsprechende Thematiken festgelegt zu werden. Er floh 1992 mit seinen Eltern aus dem bosnischen Višegrad (Literaturfans bestens bekannt aus Ivo Andrić' "Die Brücke über die Drina") nach Heidelberg und verwendet in dem Zusammenhang übrigens den Begriff von "Leuten, die das Zuhause gewechselt haben". Das ist angesichts vieler Flüchtlingsschicksale sicherlich eine Art von Verharmlosung. Aber auch eine Umschreibung, die den sprachlichen Eiertanz umschifft und in einen größeren Zusammenhang stellt.
Und apropos größerer Zusammenhang: Wenn das Schwiegermütterliteratur ist, liebe Titanic, gehe ich gerne mit den Damen unter. Mit wehenden Fahnen und die Band spielt "Der Fährmann ist tot, es lebe der Bootsverleih" auf die Melodie von "Nearer my god to thee"! (flo)
Fotos: Christian Menkel, weitere Bilder hier. Und danke an Gregor Rudat für den Hinweis mit der Titanic!






