Ein Festival in Augsburg, für Augsburg und mit Augsburg

Das Brechtfestival 2019 ist gestern zu Ende gegangen. Das Festival-Thema »Stadt« war Programm: Zehn Tage lang wurden 29 Orte im gesamten Stadtgebiet bespielt. Ob im Museum, im Theater, in der Tram, im Kino, im Techno-Club oder auf den Straßen: Das »Brechtfestival für Städtebewohner*innen« setzte Brechts Werk und Ästhetik in einen anregenden und vielstimmigen Austausch mit der Gegenwart sowie der Stadtrealität. Es ist das letzte der drei unter der künstlerischen Leitung von Patrick Wengenroth geplanten Festivals. Seine Nachfolge tritt das Regie-Duo Jürgen Kuttner und Tom Kühnel an.

Die Idee, ein Festival in Augsburg, für Augsburg und mit Augsburg zu machen ist aufgegangen – und noch mehr. Das Brechtfestival 2019 entpuppte sich als Plattform für einen lebendigen Dialog zwischen der Stadt und seinen Gästen aus dem gesamten Bundesgebiet, Österreich und der Schweiz: seien sie Künstler*innen oder Festivalbesucher*innen. Die Resonanz ist überwältigend. Die meisten der Veranstaltungen waren ausverkauft oder sehr gut besucht. Einige der lokalen Theaterproduktionen setzten wegen der großen Nachfrage bereits Zusatztermine nach dem Festivalzeitraum an. Die Themen der Veranstaltungen berührten das Publikum spürbar und nachhaltig, wie in Zuschriften und im persönlichen Austausch deutlich wurde (z.B. »Auf der Straße«, »Böse Häuser«, »Home is where the Heart is«, »Electronic City»).

Der Festival-Schwerpunkt mit performativem Theater und renommierten freien, teils im Kollektiv arbeitenden Künstler*innen-Gruppen, fand großen Anklang. Er zeigte anschaulich, sinnlich erfahrbar und auf ganz vielfältige Art und Weise Brechts Einfluss auf die Theaterästhetik der Gegenwart und wie sich das Epische Theater ins Heute weiterentwickelt hat (z.B. She She Pop, Turbo Pascal, Raum+Zeit, Andcompany&Co.).

Zum Abschluss des Festivals waren gleich zwei der zehn zum angesehenen Berliner Theatertreffen eingeladenen Theaterproduktionen in Augsburg zu erleben. »Oratorium« von She She Pop und die prominent besetzte Produktion »Unendlicher Spaß« in der Regie von Thorsten Lensing zählen für die Jury des Treffens zu den herausragenden Theaterproduktionen des Jahres und wurden weit vor ihrer Nominierung von Festivalleiter Patrick Wengenroth nach Augsburg eingeladen. She She Pop erhält 2019 außerdem den renommierten Berliner Theaterpreis, der damit erstmals an ein Kollektiv verliehen wird.

Brechts Werk mit den gegenwärtigen Entwicklungen unserer Lebensrealität zu kontrastieren war ein bestimmendes Ansinnen in Patrick Wengenroths Arbeit. Das politische Denken und die ästhetische Praxis standen im Mittelpunkt der künstlerischen Auseinandersetzung in Wengenroths Amtszeit von 2017 bis 2019. Das Festival öffnete sich für aktuelle gesellschaftspolitische Themen, wie z.B. Inklusion und Feminismus, sowie künstlerisch-ästhetischen Fragen, wie die Fortentwicklung des Epischen Theaters in den Performing Arts und kollektiven Arbeitsweisen. Neben Gastspielen, eigenen Produktionen und intensivem inhaltlichem Austausch mit lokalen Gruppen, tritt das Brechtfestival auch vermehrt als Koproduzent und mit internationalen Kooperationen in Erscheinung – was nur möglich ist, wenn die Leitung über mehrere Jahre hinweg planen kann. Das Brechtfestival leistete weitere Impulse zur Förderung der wissenschaftlichen Auseinandersetzung und schaffte Angebote für junges Publikum und Nachwuchsautor*innen.

»Patrick Wengenroth hat mit seiner Festivaltriennale in Augsburg auch überregional wahrgenommene künstlerische Impulse gesetzt. Sein Ansatz war genreübergreifend, multiperspektivisch, experimentell und stets am Puls gesellschaftspolitisch relevanter Themen unserer Zeit«, sagt Augsburgs Kulturreferent Thomas Weitzel. »Gerade bei den von ihm kuratierten Gastspielen konnte das Augsburger Publikum zahlreiche hochaktuelle Produktionen und neue ästhetische Ansätze aus der deutschen Theaterlandschaft erleben. Mit seinen inhaltlich fokussierten Themenschwerpunkten der letzten drei Jahre hat Patrick Wengenroth eine starke persönliche Handschrift hinterlassen, die das Brechfestival zu einer wichtigen Stimme in der Landschaft der relevanten deutschen Kulturfestivals gemacht hat.«

Patrick Wengenroth übergibt nach den geplanten drei Jahren seiner künstlerischen Leitung an das Regie-Duo Jürgen Kuttner und Tom Kühnel aus Berlin. Ihr Programm konkretisiert sich in den nächsten Monaten und wird im Lauf des Jahres vorgestellt. (pm)

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