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Ist Hochkultur scheiße?
So würde man eine Diskussionsrunde natürlich nie nennen, aber zu der Veranstaltung, die am Donnerstag im Zeughaus stattfand, würde der Titel irgendwie ganz gut passen. Nachdem AZ-Redakteur Richard Mayr mit seinem polemischen Artikel den Leitfaden zur Interkultur von Timo Köster (Büro für Frieden und, ja genau, Interkultur) und die Schlussfolgerungen für das Stadttheater kritisiert und damit ein Shitstürmchen ausgelöst hatte, rief Pro Augsburg zur Diskussion. Frage: Hochkultur und Interkultur – ein Widerspruch?
Dieser Titel barg schon ein wenig den Verdacht, dass am Ende ein versöhnliches Fazit stehen könnte, so nach der Devise: Nee, gar kein Widerspruch ! Höchstens ein kleines Kommunikationsproblem. Ganz so wir-haben-uns-alle-lieb-mäßig wurde es am Ende aber dann doch nicht, dafür waren manche Persönlichkeiten der Gesprächsrunde zu, sagen wir, inkompatibel. Dass man von der Diskussion allerdings auch nicht gerade behaupten kann, sie wäre übermäßig kontrovers gewesen, lag sicherlich auch an Moderator Jan Klukkert, der die nötige Zuspitzung gekonnt vermied.
Dabei hätte es ihm nicht an Material gefehlt. In einem offenen Brief von den Bluespots Productions-Machern wurde Mayr „Rechtspopulismus“ vorgeworfen, Kulturmacher Girisha Fernando war dieser Vorwurf noch etwas zu milde, er nannte den Artikel „latent rassistisch“, ohne freilich erklären zu können oder zu wollen, welche Aussagen rassistisch waren und was daran latent sein soll. Erst dieser Einsatz der Rechts-rassistisch-Nazi-Keule hatte der Diskussion ja ihre Schärfe gegeben, wieso Klukkert dann genau diesen Aspekt durchweg ignorierte – das wird wohl immer sein Geheimnis bleiben.
Dass die Verfasser des offenen Briefes nicht an der Diskussion teilnahmen, kann nur zweierlei bedeuten: Entweder man hat sie nicht eingeladen, was gewisse dramaturgische und logische Defizite verraten würde, oder sie wurden eingeladen, wollten aber nicht teilnehmen.
Die Diskussionsteilnehmer waren: Nora Schüssler, Regisseurin, derzeit in Berlin, der Hauptstadt von Multikulti und damit doppelt qualifiziert für die Thematik. Richard Mayr, Kulturjournalist, er sah an dem Abend aus wie ein Schüler, der vor dem Büro des Direktors sitzt und sich noch nicht sicher ist, ob er ein Lob oder einen Verweis erhalten wird. Polat Düzgün, Kulturmanager mit Migrationshintergrund. Juliane Votteler, Intendantin des Theaters Augsburg und damit unwillig wirkende Adressatin des Kösterschen Leitfadens. Peter Grab, Kulturreferent, und Tugay Cogal, Vorsitzender des Integrationsbeirates und engagierter Fußballmanager, zu Letzterem gleich mehr.
Die wirklich interessanten Fragen wären gewesen:
· Ist Mayrs Begriff von Hochkultur latent rassistisch, ist er rechtspopulistisch, ist er erzkonservativ?
· Wieso wird der Kampf um die Deutungshoheit in Sachen Hochkultur/Interkultur so aggressiv geführt ?
Wären, will heißen, diese Fragen wurden nicht beantwortet, konnten nicht beantwortet werden, weil sie nicht ausdrücklich gestellt wurden. Dafür kann man den Moderator kritisieren, man muss zu seinen Gunsten aber erwähnen, dass er kurzfristig für Anja Marks (musste von der Flut berichten) eingesprungen war und dass er zumindest einen sehr schönen Anzug trug.
Immerhin deutete Mayr in seinem Eingangsstatement an, dass er gegen die „Methoden, mit denen versucht wird, Interkulturalität zu erzwingen“ ist, leider blieb es bei dieser Andeutung. Peter Grab vermutete, wie er es grundsätzlich bei jedem Problem tut, dass es sich in Wahrheit um ein Kommunikationsproblem statt um ein inhaltliches Problem handeln könnte. Die tatsächlich spannende Frage könnte hier sein, ob Peter Grab selbst an die Existenz so vieler Kommunikationsprobleme glaubt. Auf jeden Fall bot er zum wiederholten Mal eindrucksvoll das Bild eines Politikers, der sich mit schlafwandlerischer Sicherheit fassungslos gibt. Entweder ist Grab wirklich so fassungslos, dass es schon an rührende Naivität grenzt, oder er ist eine virtuose Ein-Mann-Nebelmaschine, wahrscheinlich weiß er es selbst nicht so genau.
Eine recht klare und fachlich tiefe Vorstellung boten dagegen die beiden Vertreterinnen der Theaterseite, Votteler und Schüssler und bestätigten damit die Vermutung, dass es nicht von Nachteil sein muss, wenn man bei einer Diskussion über Theater und (Inter-Hoch)Kultur über beide Bescheid weiß. Einen eigene Betrachtung wäre übrigens das Mienenspiel von Votteler wert. Jedesmal wenn Peter Grab redete, schwankte ihr Gesichtsausdruck zwischen unendlicher Langeweile und Wurzelkanalbehandlung.
Die Vorstellung Polat Düzgüns war eine sympathische, allerdings etwas unscharfe. Am Beispiel seines Vaters, der noch nie im Stadttheater war, erklärte er die Fremdheit vieler Migranten gegenüber dem Theater. Wie diese Fremdheit aufgelöst werden könnte, blieb indes offen. Ob eine inhaltliche Interkulturquote sinnvoll wäre, das bezweifelten sowohl Votteler als auch Schüssler, Grab leugnete (fassungslos) die Existenz einer solchen Quote. Schüssler gab noch zu bedenken, dass ein politisch formulierter Leitfaden die künstlerische Freiheit des Stadttheaters berührt.
Am wenigsten zum Thema hatte Tugay Cogal zu sagen und man tut ihm sicher nicht Unrecht, wenn man mutmaßt, dass er an diesem Abend lieber bei seinem Fußballverein gewesen wäre (was ja auch irgendwie zu Ku.spo passt). Dass er eine Zuschauerin, die Grabs Theaterkenntnisse in Frage stellte, mit den Worten „Wir haben keine Zeit für Theater, wir müssen arbeiten!“, abkanzelte, ließ zumindest leise Zweifel an seinem Interesse bezüglich des Themas aufkommen. Überhaupt schien es, als würde Cogal viel lieber über Integration statt über Interkultur reden, was zwar keine völlig verschiedene Baustellen sind, aber eben auch nicht so ganz dasselbe, was man daran merkte, dass ihm die Diskussion über den Anteil politischer Mandatsträger mit Migrationshintergrund wesentlich wichtiger war als das ganze Gerede über Kultur. (Dass er selbst für die Partei Grabs in den Stadtrat einziehen will, sollte an dieser Stelle nicht verschwiegen werden).
Wäre da noch die Frage: Hochkultur und Interkultur – ein Widerspruch? Als Fazit könnte man sagen: Kommt drauf an. Das ist freilich keine zufriedenstellende Antwort, was daran liegen könnte, dass hier ein Gegensatz dargestellt wurde, der keiner ist, oder sein muss. Für die Theatermacher stellte sich die Frage vielmehr danach, ob Kunst Qualität und Freiheit hat und weniger danach, ob sie politisch korrekte Vorgaben umsetzt. Dass Interkultur inzwischen nicht selten zu einer Phrase geworden ist, mit der man erfolgreich an Fördertöpfe gelangt, diese Wahrheit wagte, aus denkbar verschiedenen Gründen, niemand in der Runde auszusprechen. Eben weil ein offener Diskurs durch drohende rechts-rassistische Vorwürfe von vornherein verhindert wird. Vielleicht findet zu dem Thema ja mal eine Diskussion statt.






