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Schiller gespuckt

Nix für Feingeister der Abend, aber sehenswert: Das "postmigrantische" Erfolgsstück "Verrücktes Blut" in der Brechtbühne....

Nix für Feingeister der Abend, aber ehrlich gesagt hatte die Premiere von "Verrrücktes Blut" am Samstag auf der Brechtbühne auch nichts wirklich Erschütterndes oder allzu Provokantes. Muss ja auch nicht. Stattdessen ein einziges Klischee: Die nichtsnutzigen Migrantenschüler und die Near-Burnout-Lehrerin, der ihre Zöglinge (zu Recht) "auf die Eier gehen", sowie ein wie ein Außerirdischer im Sprachraum trudelnder Friedrich Schiller mitsamt seinen Räubern, die dann aber passen wie Faust aufs Auge, denn an Kraftausdrücken wird nicht gespart – wie man sie allerdings in jedem guten Rapvideo oder am Elias-Holl-Platz hören kann.

Daraus entsteht eine ziemlich energiereiche Darstellung altbekannter, aber nicht minder aktueller Themen, von Sarrazin bis Abdel-Samad, natürlich ohne Lösungsvorschlag, doch mit interessanten Wendungen. Und wenn einem die permanente Überzeichung "auf die Eier geht", retten gekonnt ein- und umgesetzte Gesangseinlagen den anderthalbstündigen Theaterabend.

Das "postmigrantische" Erfolgsstück aus dem Berliner Theater Ballhaus Naunynstraße könnte, ja sollte, auch in Augsburg ein Publikumsrenner werden, selbst die etwas älteren Premierenbesucher nahmen den derben Jugendsprech gelassen hin und rätselten krimigeschult über die Anzahl der Patronen, die so eine Pistole, wie sie die Lehrerin einem Schüler abnimmt, denn wohl enthalten könnte.

Zu brav also die Inszenierung? Ja. Eigentlich schon. Aber herrlich, wenn die Schüler ihre Konflikte in Schillers Worten mehr spucken als sprechen, herrlich, wenn sie selbst mit der Waffe in der Hand endlich ihre Meinung sagen können und herrlich, wenn die wilden Kerle der Lehrerin den Schiller geigen und ihr die Gefolgschaft in die – demokratische? – Selbstjustiz verweigern.

Der Spiegel schrieb 2010 über die Premiere in Berlin, die Zuschauer hätten sich gebogen, "bald vor Lachen und vor Grauen". Ein bisschen mehr Grauen hätte es schon sein dürfen – das vertragen mittlerweile in Augsburg auch die älteren Herrschaften in der ersten Reihe. Ansonsten: Bitte mehr so geilen Stoff, ey! (flo)

Fotos: Nik Schölzel

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