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Ein Stück zum und übers Küssen

Feuerwerk im Sensemble: Die Bühnenfassung des Erfolgsromans "Gut gegen Nordwind" begeistert zu Recht...

"Gmaade Wiesn", "Wohlfühltheater" - das Urteil schien bereits gefällt, als am Samstag der Vorhang aufging zur Theaterfassung von Daniel Glattauers Erfolgsroman "Gut gegen Nordwind" im Sensemble Theater. Und ja, stimmt alles, aber ein gepflegter Rasen macht noch lange kein gutes Spiel und wenn Wohlfühltheater bedeutet, neunzig Minuten lang auf hohem Niveau bestens unterhalten zu werden, dann gerne mehr davon.

Schon von der ersten Sekunde an wirken Kerstin Becke als Emmi, zum ersten Mal im Sensemble zu sehen, und Ralph Jung, der zuletzt den Ankläger in der umstrittenen Brecht-Persiflage gab, als wäre "Gut gegen Nordwind" eigens für sie geschrieben worden. Zweite Auffälligkeit: Kein Laptop weit und breit! Damit war bei dieser E-Mail-Liebesgeschichte auch nicht unbedingt zu rechnen. Doch kein nervendes Tastaturengeklapper stört das Kammerspiel, in dem Regisseur Jörg Schur seine beiden Protagonisten erstaunlich leichtfüßig auf der kleinen Bühne nebeneinander, hintereinander, übereinander agieren lässt. Nie blicken sie sich an, Spiel und Sprache sind meistens auf das Publikum gerichtet. Zwar benutzen die Darsteller dieselben Requisiten, sitzen auf denselben Möbeln, trinken aus denselben Gläsern, doch ihr Blick trifft sich nicht, schließlich besteht der Text nur aus geschriebenen Mails. Aber, wie es im Stück heißt: "Schreiben ist Küssen mit dem Kopf".

Glattauer hat eines der ältesten und nichtsdestoweniger spannendsten Themen der Menschheit "zauberhaft und klug", wie es der Spiegel formulierte, ins 21. Jahrhundert transferiert, die Bühnenfassung verdichtet den Roman zur hochreaktiven Essenz, keine Länge stört die spannende Annäherung der beiden, Witz und Tragik wechseln im Sekundenakt der E-Mails. Sensemble-Chef Sebastian Seidel hat gleich zweimal gutes Händchen bewiesen, mit der Wahl des Stückes und der Entscheidung für das Team Schur-Becke-Jung. Die gekonnte Inszenierung bereitet die Bühne für das Feuerwerk zweier Schauspieler, die man hoffentlich noch oft sieht. Ein sprühender, intelligenter Theaterabend, der vollkommen zu Recht ausgiebigst beklatscht wurde.

Wieder zu sehen am: 08., 09., 15., 16., 21., 22., 23.03., 05., 06.04., 31.05., 01.06.

Fotos: Sensemble Theater

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