Aera Tiret - Der Weg in die 5. Dimension

AERA TIRET

Die 5. Dimension

Die Augsburger Formation Aera Tiret ist aktuell der Stern am Augsburger Electro-Himmel. Spätestens seit dem Auftritt im August auf der Freilichtbühne hat die Band um Mastermind Dominik Scherer eine gewaltige Duftmarke gesetzt. Das Erfolgsrezept: Elektronische Musik auf analogen Instrumenten. Damit entstehen Erlebniskonzerte, wie man sie bisher so nicht kannte. Walter Sianos traf Dinah Wiedemann und Dominik Scherer zum Interview.

Dominik, du bist schon lange in Augsburg als Musiker und Musiklehrer bekannt. Mit der deutsch-japanischen Art-Pop-Formation OSCA hast du dich sogar auf internationalem Parkett bewegt und warst u.a. auch in Japan auf Tour. Habt ihr die Band aufgelöst oder nur auf Eis gelegt?
Dominik: OSCA ist tatsächlich geparkt, weil wir derzeit alle sehr beschäftigt sind. Matthias Erhard ist Komponist und schreibt gerade für alle möglichen Theater, Yuka Otsuki ist eine wahnsinnig erfolgreiche Songschreiberin und produziert Tracks für Japan und Korea. Wir wollten dieses Jahr eigentlich sogar unser eigenes Theaterstück aufführen, aber das Projekt liegt derzeit wegen der Corona-Pandemie auf Eis.

Reden wir über AERA TIRET. Die Idee dazu soll bei dir schon vor sechs Jahren gereift sein?
Dominik: Das stimmt, ich hatte schon lange Bock auf eine Live-Electronic-Band. Anfangs dachte ich, man könnte das mit OSCA umsetzen, aber ich habe schnell gemerkt, dass das ein völlig anderes Format ist. Erst im Alleingang und dann im Duo habe ich alles mögliche ausprobiert, aber mir fehlte einfach das Zusammenspiel mit anderen Musikern. Eine echte Inspiration war übrigens die Netflix-Doku “Chef´s Table”.

Eine Kochsendung?
Dominik: Genau! Ich fand die Herangehensweise dieser internationalen Sterneköche unheimlich spannend. Es ging da nicht nur um das Kulinarische, sondern hauptsächlich um die Verpackung, also um die Präsentation. Da waren so abgefahrene Sachen dabei, warum soll das, was mit Essen funktioniert, nicht auch mit Musik möglich sein?

Du warst schon immer jemand, der für ungewöhnliche Performances steht.
Dominik: Die Optik kommt immer als erstes an, Licht ist nun mal schneller als der Schall. Das Visuelle ist also mindestens genau so wichtig wie die Musik selbst und es entstand die Idee, mit einer Dramaturgin zusammen zu arbeiten. So kam dann Dinah ins Spiel. Allein bei Spotify sind 4,8 Millionen Songs abrufbar. Es ist also unheimlich schwer, heute noch etwas Neues zu kreieren, aber genau das ist unser Anspruch.

Dinah, wie muss man sich das vorstellen, eine Dramaturgin als festes Bandmitglied? Das ist sehr außergewöhnlich.
Dinah: Ich bin in erster Linie für die visuellen Parts zuständig und versuche das, was die Musik beinhaltet, bildlich zu übersetzen. Ziel ist es, Komponenten wie etwa Licht, Nebel, Bilder oder Videos zu einem theatralen Stück zusammenzubringen. Dadurch wird ein Bogen vom Anfang bis zum Ende gespannt und möglichst auch eine Geschichte erzählt.

Diese Arbeit beschränkt sich nicht nur auf Videoproduktionen, die Performance findet auch live auf der Bühne statt.
Dominik: Dinahs Arbeit hat einen immens wichtigen Stellenwert bei uns und alles funktioniert letztendlich nur dann, wenn sie Teil der Performance ist. Da hilft es uns, dass sie bereits Erfahrungen bei den Münchner Kammerspielen und dem Theater Regensburg gesammelt hat.

Wie habt ihr euch eigentlich gefunden?
Dominik: Ich habe immer nach Leuten gesucht, die mehrere Instrumente beherrschen. Ich wollte kreative Mitstreiter, die auch komponieren können, Studioerfahrung mitbringen, aber auch einen marktwirtschaftlich Plan haben, die etwas von Optik verstehen und auch grafisch arbeiten können. Anfangs hatte ich Bedenken, ob sich das auch tatsächlich realisieren lässt, letztendlich ging dann aber alles unfassbar schnell.
Dinah: Dominik und ich kennen uns schon länger und hatten immer wieder mal vor, etwas zusammen zu machen. AERA TIRET war letztendlich das perfekte Tool dafür, bei den anderen Musikern war es ähnlich.

Wie lange habt ihr gebraucht, um in die Spur zu kommen?
Dominik: Innerhalb von nur vier Wochen waren viele Songs bereits im Kasten und auch die Videos dazu waren fertig. Ich habe allerdings viel vorgearbeitet, wir mussten also nicht bei Null beginnen. Einige Songs habe ich schon vor Jahren geschrieben. Und ich habe im Vorfeld abgecheckt, wie man alles vermarkten kann und welche Firmen uns da unterstützen und pushen können.

Mit Erfolg, denn die ersten beiden Singles sind in den iTunes-Charts bis auf Platz 1 hochgeschossen! Wie geht denn so was?
Dinah: Mit den ersten zwei Singles “AUGSBURG” und “KOEPENICK” gingen wir bereits am ersten Tag auf Platz 1 und konnten uns da auch wochenlang halten, mit “MONTPELLIER” sind wir auf Platz 2 gelandet. Anscheinend haben wir einen Nerv getroffen, aber wir haben vorher schon auch mächtig die Werbetrommel gerührt. Das hat zu vielen Vorbestellungen und damit zu den Erfolgen geführt.

Bisher waren alle Tracks rein instrumental. Bleibt das so?
Dinah: Nein, wir arbeiten derzeit an einem Song mit der wunderbaren Augsburger Sängerin Lienne, die halb auf türkisch und halb auf englisch singen wird. Sie hat wirklich eine außergewöhnliche Stimme und ist unglaublich talentiert.

Wie bringt man sechs Persönlichkeiten unter einen Hut? Gibt es keine Eitelkeiten bei so viel Virtuosität?
Dominik: Ganz und gar nicht, jeder kann sich völlig einbringen, frei entfalten und sich seinen Platz schaffen. Trotzdem stellt sich jeder in den Dienst der Band.

Ihr macht elektronische Musik mit rein analogen Instrumenten. Heißt das, ihr verzichtet komplett auf Computer oder Loops?
Dominik: Wir arbeiten schon mit Computern, aber wenn es vom Band kommt, ist es analog eingespielt, es wird live getriggert. Obwohl es vom Rechner kommt, wird es also live gespielt.

Ihr habt bisher erst eine Handvoll Shows gespielt, davon einmal im Kesselhaus und erst vor Kurzem auf der Freilichtbühne. Da ist in Augsburg kaum noch Luft nach oben, was die Locations betrifft.
Dominik: Das stimmt, normalerweise spielt man sich von unten nach oben, wir haben das Pferd bewusst von hinten aufgezäumt.

Funktioniert ihr bei dem großen Aufwand überhaupt auf kleinen Bühnen?
Dinah: Das ist eine berechtigte Frage. Aber wir haben drei Livekonzepte in der Schublade. Festivals mit Gastmusikern, Bar- und Clubgigs mit kleinerem Besteck sowie reine 5-D-Erlebniskonzerte.

5-D-Erlebniskonzerte? Wie kann man sich das vorstellen, sitzt das Publikum mit Brillen vor der Bühne?
Dinah: Wir wollen da noch nicht zuviel verraten, aber bei diesen Konzerten wollen wir einfach einen draufsetzen. Wie der Name schon sagt, ein Erlebniskonzert mit Gerüchen, Haptik, optischen Täuschungen und Theatralik.

Derzeit arbeitet ihr an eurem Debüt-Album.
Dinah: Genau, das Album soll spätestens im Frühjahr auf Vinyl erscheinen. CDs interessieren schon lange keinen mehr und nur online passt nicht in unseren Rahmen, weil wir viel mit Haptik, mit Geschichten und Fotos arbeiten. Leute, die Vinyl hören, nehmen sich Zeit und wir wollen, dass sich unsere Hörer Zeit nehmen. Jeder ist letztendlich für sein Publikum selbst verantwortlich.

Wird das Album auf einem Label erscheinen?
Dominik: Wir haben da einige Optionen. Wir hatten sogar zwei Angebote von Majorlabels, die wir allerdings abgelehnt haben. Auch eine Zusammenarbeit mit einem Management würde uns derzeit nicht weiterbringen. Wir haben alles selbst in der Hand und das ist gut so. Denkbar ist aber beispielsweise eine Zusammenarbeit mit einer Promotionagentur.

Ihr habt viel positives Feedback bekommen und vieles läuft in die richtige Richtung. Aber ich denke, ihr seid noch weit entfernt, von dem, was ihr noch erreichen wollt?
Dinah: Wir wollen das ganze natürlich wirtschaftlich rentabel machen, keine Frage. Corona hat uns, wie den meisten anderen Künstlern auch, ziemlich abgegrätscht. Wir hatten viele tolle Auftritte und Festivals gebucht. Diese sind zwar geplatzt, aber das wirft uns nicht aus der Bahn, wir sind eine erschreckend gut strukturierte Band. Die Musik selber macht derzeit vielleicht gerade mal 10 Prozent unserer Arbeit aus. Wir haben Lösungen, selbst wenn Corona uns noch länger im Griff haben sollte.
Dominik: So konnten wir die Zeit auch mit dem Release unseres MONTPELLIER-Videos abfedern. Vor der Veröffentlichung haben wir kurzerhand einen 3D Audio Mix eingebaut, um unsere Musik trotz Allem greifbarer in die Wohnzimmer unserer Fans bringen zu können.

Besetzung
Dominik Scherer (Schlagzeug, Trompete)
Dinah Wiedemann (Dramaturgie, Visuals)
Silvan Lackerschmid (Gitarre)
Johannes Kandels (Sound, Recording)
Felix Renner (Kontrabass, E-Bass, Synthesizer)

Weitere Infos unter: www.aera-tiret.com

Foto: Sophie Jesinghaus

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