Zurück in die Zukunft mit Ivo Mannheim

Der Soundboy

Ein Blick in die Vergangenheit mit Ivo Mannheim

Eine der umtriebigsten Figuren in der Augsburger Musik- und Kulturszene dürfte Ivo Mannheim sein. Als Festival- und Konzertveranstalter, Booker und DJ hat er sich im Laufe der letzte drei Jahrzehnte einen Namen gemacht. Ihn kann man, ohne zu übertreiben, auch als den “Godfather” der Augsburger Reggaeszene bezeichnen.
Von Walter Sianos

Ivo, wo fangen wir denn bei dir an?
Da müssen wir wohl tief graben ...

Kannst du dich erinnern, wann du zum ersten Mal in das Augsburger Nachtleben eingetaucht bist?
Das war 1981, da war ich gerade mal elf Jahre alt. Ich bin im Spickel aufgewachsen und immer mit den älteren Jungs herumgezogen. Die haben mich dann auf ein Konzert der Münchner Punkband A&P ins Subway, das spätere Kerosin, geschleppt. Das Subway war der erste Punk- und New Wave-Schuppen der Stadt. Und mein zweite Begegnung war im selben Jahr das Konzert von Extrabreit in der Meitinger Gemeindehalle. Zu Ideal in die Alabamahalle nach München durfte ich nicht.

Du bist also mit Punk und New Wave musikalisch sozialisiert worden?
Kann man so sagen. Ich war zwar nie Punk, aber den Sound und die Attitude fand ich cool.

Warst du überhaupt jemals Teil einer Jugendbewegung?
Über den Punk bin ich eingetaucht, aber Bob Marley hat mir 1983 den Weg zum Reggae geebnet. Marley sang bereits 1977 “New Wave, new craze ...” in dem Song “Punky Reggae Party” und hat damit früh eine Hommage an die neue revolutionäre Musik geschrieben. Bands wie The Clash und The Ruts vereinten Punk und Reggae in brillanter Manier und überhaupt war Reggae in der englischen Punkszene Anfang der Achtziger sehr beliebt. Eine große Nummer war auch der britische Musiker, DJ und Filmproduzent Don Letts, er lebt bis heute die Schnittmenge zwischen Punk und Reggae.

Reggae war aber Anfang der 80er in Augsburg eigentlich kaum existent.
Das stimmt, das ging erst Ende der Achtziger richtig los. Die ersten zarten Gehversuche in diese Richtung fanden einige Jahre zuvor im Spickel statt. Und zwar im Pfarrheim, denn dort haben wir uns oft getroffen und über Reggae und Rasta siniert. Das hat uns schon früh geprägt.

Der Spickel als Epi-Zentrum für Bayern in Sachen Reggae.
Mag komisch klingen, aber es war tatsächlich so. Richtig los ging es dann 1987 im Wespennest in Haunstetten. Dort fanden die ersten richtigen Partys mit Michael Schaddach statt. Die Veranstaltungen hatten nicht mal einen Namen, das hat sich so langsam entwickelt und irgendwann war die Hütte mittwochs immer brechend voll. Geschäftsführer im Wespennest war damals übrigens Thommy Lindner. Danach wurden die Hochzoller und die Wulfis auch aktiv.

Fünfzehn Jahre später war Augsburg dann die Hochburg und wurde sogar Rootsburg genannt.
Augsburg war tatsächlich eine Zeitlang ganz vorne mit dabei. Wir hatten über Jahre mehr Reggaebands als z.B. München. Den Begriff „Rootsburg“ hat die britische UK Roots-Legende Erroll Bellot nach einem Auftritt in Augsburg übrigens bei mir zuhause in der Küche kreiert.

Welche war denn dann die erste Augsburger Reggaeband?
Das war die Adams Family, eine Band, die aus lauter Asylbewerbern bestand. 1993 bin ich nach einem mehrwöchigen Jamaika-Aufenthalt nach Augsburg zurückgekommen und dieser Urlaub war dann die Initialzündung für unsere Band Seeds Shall Grow mit dem ersten Auftritt im legendären Bauernhof in Wulfertshausen.

Und daraus entstanden 1998 die I-Shen-Rockers, die wohl erfolgreichste Reggae- und Dancehallband der Stadt.
Die I-Shen-Rockers waren wesentlich moderner vom Sound her, wir haben Reggae, Dub und Dancehall gespielt und waren damit lange ziemlich gut im Geschäft. Wir haben auf sehr vielen wichtigen Festivals in ganz Europa gespielt und auf dem Balkan waren wir sogar kleine Stars. Als 2006 Schluss war, bin ich als “I-Shen-Sound” weiterhin getourt. Ich war u.a. in Moskau beim Outlock-Festival, dem größten Bassmusik-Festival in Europa und habe als einziger deutscher Soundboy im Amsterdamer Paradiso mit King Shiloh aufgelegt.

Es gab auch einen sehr kultigen Reggae-Plattenladen in der Stadt.
Ja, das war der Reggae-Corner im Kleinen Katharinengässchen. Das war für mich der beste Plattenladen dieser Art in ganz Deutschland und auch hier wurde vieles mit angeschoben. Die Jungs haben übrigens auf stayfm eine Radioshow. Check it!

Mit “Jah Army” hast du damals sogar ein Klamottenlabel gegründet.
Ich habe zum Spaß ein paar T-Shirts mit dem Slogan “Jah Army” drucken lassen und die Dinger wurden mir regelrecht aus der Hand gerissen, alle möglichen Künstler, u.a. Gentleman, wollten diese Shirts haben, sind damit aufgetreten und haben so Werbung für mich gemacht. Aber ich hatte keine Lust auf einen Versandhandel und habe die Firma einem Freund in Tübingen überlassen.

Keine Lust auf Kommerz also?
Bei mir muss immer der Spirit stimmen. Ich bin wie ein Schmetterling, ich fliege herum, setze mich und wenn alles blüht, ziehe ich weiter.

Du hast das erste Reggae-Festival der Region und auch viele Konzerte veranstaltet. 2001 fand das “x-large-Festival”, der Vorgänger vom Modular, statt. Es war das größte Jugendkulturfestival, dass Augsburg bisher erlebt hat, laut Polizeiangaben tummelten sich 400.000 Menschen in fünf Tagen auf dem Plärrergelände. Du warst einer von zwei Bookern, die für das musikalische Programm verantwortlich waren.
Es war eine großartige und tolle Erfahrung, bei der ich viel gelernt habe. Wir hatten 100.000 DM für die Acts zur Verfügung, was sich im ersten Moment zwar viel anhört, wenn man die Kohle allerdings auf fünf Tage splittet, sieht das schon wieder ganz anders aus. Trotzdem konnten wir Bands wie Phoenix, Deichkind, The Skatalites, Donots, Tomte, Slut oder DJ Koze auf das Plärrergelände locken, insgesamt sind über 100 Acts aufgetreten.

Und dann begann für dich der Ernst des Lebens.
Kann man so sagen, ich war mit dem Studium fertig und habe nach x-large einige Jahre als Diplom-Sozialpädagoge beim sjr gearbeitet. 2012 habe ich dann die Leitung vom Jugendzentrum in Schwabmünchen übernommen. Mir hat es dort super gefallen, wir haben den Laden komplett umgekrempelt. Da war eine unheimlich engagierte Crew mit am Start, die richtig Bock hatte, etwas anzuschmeißen. Und dort entstand übrigens auch die Idee zum Singoldsand-Open-Air. Einer der Jungs, die damals federführend mit dabei waren, war Patrick Jung, der heutige Leiter des Modularfestivals.

Schwabmünchen ist tatsächlich eine sehr kreative Ecke.
Absolut, aus SMÜ stammen Anajo oder auto.matic.music und die sind nur die Speerspitze. Aber die Leute dort haben auch Humor. Wir haben als Juze-Projekt unser eigenes Bier “Länz-Bräu” herstellen lassen. Meine Vorgesetzten sind vor Schreck erst einmal in Deckung gegangen, aber der Bürgermeister hat mir bei der Präsentation vor Begeisterung ganz enthusiastisch die Hand geschüttelt (lacht).

Dazwischen habt ihr 2010 mit dem Kulturprojekt Jean Stein ziemlich viel Staub aufgewirbelt.
Diese Zeit war Punk, reine Anarchie. Jean Stein war ein temporäres Kulturzentrum, das nur für drei Monate konzipiert war. Uns, also Georg Heber, Manfred Hörr, Daja Zachow und mir, wurden auf dem ehemaligen Hasenbräu-Gelände in der Kapuzinergasse Räume zu einer günstigen Pacht angeboten und dieses Projekt ging bereits am Eröffnungstag voll durch die Decke. Jean Stein hat aufgezeigt, wie groß der Durst nach kreativen Zentren in der Stadt ist. Räume, in denen man sich künstlerisch austoben kann, wo es im Prinzip keine Grenzen gibt. Wir haben damals einfach losgelegt und die komplette Einrichtung mit originellen Aktionen zusammengeschnorrt. Wie etwa beim “Ersten Augsburger Stuhlgang”. Jeder Gast musste einen Stuhl mitbringen und auch da lassen. So hatten wir gleich mal 40 neue Sitzgelegenheiten.

Was beschreibt dich am besten? Idealist? Träumer? Weltverbesserer? Lebenskünstler?
Ich bin definitiv ein Idealist, das holt mich auch immer wieder ein. Ich brauche Visionen und Herausforderungen, bei denen man auch herumspinnen darf. Ich sehe mich als Zukunftskünstler.

Woher rührt dein Faible für exotische Länder?
Ich hatte in der Schule Erdkunde als Leistungskurs und mich haben durch Reggae, Afro und Co. diese Länder interessiert. Vor meinem Studium zum Pädagogen habe ich auch ein Semester Landwirtschaft und tropischen Landbau in Weihenstephan absolviert, weil ich tatsächlich einmal ernsthaft vorhatte, in die Entwicklungshilfe zu gehen.

Was treibt dich heute an?
In erster Linie meine beiden Töchter. Nach der Trennung von meiner Lebensabschnittspartnerin bin ich das, was man einen “The-Stay-At-Home-Dad” nennt. Von Sonntag bis Mittwoch kümmere ich mich immer Fulltime um meine Kinder und ab Donnerstag tauche in die Clubszene ab. Das heißt dreieinhalb Tage bin ich straight, dreieinhalb Tage Hippie (lacht).

Du legst heute noch auf?
Ich bin als DJ u.a. mit Lamborginy Disco aktiver denn je und bei stayfm habe ich eine eigene Radiosendung. Seit Mai veranstalte ich in einem leerstehenden Bungalow im Spickel die Reihe “Villa Mannheim”. “Listening Sessions” sind in Berlin, London, Barcelona derzeit ein angesagtes Ding, ursprünglich kommen sie aus Japan. Die Leute gehen gezielt zum Musikhören in Bars. Dort legen DJs auf Top-Anlagen irgendwelche Monsterplatten auf, die gar nicht mehr erhältlich sind und die Gäste hören hochkonzentriert zu.

Was hat sich in der Clubkultur in den letzten drei Jahrzehnten verändert?
Für mich war das Kerosin bis Ende der Neunziger die prägendste Zeit. Dort wurde jahrelang erwachsene Jugendkultur mit einem Programm auf Topniveau geboten. Für mich persönlich hat später kein Club mehr an dieses Level mehr anknüpfen können, auch wenn beispielsweise der City Club ein gutes Booking fährt. Anfang der Nuller ist Techno und Minimal in die Clubs eingezogen, aber ich hatte da nie einen wirklichen Zugang. auto.matic.music hat in der Stadt Pionierarbeit geleistet, aber danach wurde eigentlich nur noch bei den Jungs abgekupfert.

Was wünschst du dir mit 50 für die Zukunft?
Ich wünsche mir eine globale Ethik. Mehr Mitgefühl für alle Lebewesen. Meine absolute Priorität sind meine zwei Mädels. Ansonsten wäre ich offen für eine neue Beziehung. Das kannst du gerne schreiben...

Mach ich glatt. Mit Telefonnummer?
Ich bin bei Facebook oder Instagram zu finden (lacht).

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