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Daniel Biskup - Das Auge der Epoche
Den Beobachter beobachten – Zu Besuch bei Daniel Biskup, zwischen Weltgeschichte, Weltkunst und einer Tüte Butterbrezen.
Von Thomas Krones
Es ist 10:27 Uhr in einer ruhigen Wohnstraße in Neusäß. Eine Straße, die nichts von Weltgeschichte ahnen lässt. Wer hier parkt, erwartet Vorgärten und Mittagsruhe, aber nicht unbedingt die Geburtsstätte der ikonischsten Fotografien der modernen Zeitgeschichte.
Ich warte ein paar Meter vom Eingang entfernt, die Tugend der Pünktlichkeit im Gepäck, als ein weißer Smart um die Ecke biegt. Daniel Biskup steigt aus, erkennt mich sofort, lacht und schwenkt eine braune Bäckertüte.
Keine Allüren, kein Gefolge, kein kuratierter Künstlerhabitus. Der Mann, der Helmut Kohl in der privaten Strickjacke fotografierte, Angela Merkel erklärte, welche Sitzpositionen zu interessanten Fotos führen, und die ekstatische Geburtsstunde der Loveparade auf 50 Rollen Film bannte, trägt sein Weltbürgertum mit entwaffnender, fast nachbarschaftlicher Lockerheit.
Wir betreten das Haus. Wer hier ein privates „Best-of“ seiner berühmtesten Aufnahmen erwartet – das triumphale Brandenburger Tor, den jungen Putin – wird enttäuscht. Oder vielmehr: ehrfürchtig überrascht. Das Treppenhaus ist eine Galerie, aber nicht die eigene. Wände voller Kunstwerke, zeitgenössische Gemälde aus aller Welt. Es wirkt wie ein privates Museum über mehrere Etagen. „Ich hänge hier ungern eigene Fotos auf“, erklärt Biskup, während er mich durch Diele und Flur führt. „Ich habe schon vor sehr langer Zeit angefangen, Kunst zu sammeln. Das hier ist mein Rückzugsort, meine Welt.“ Es ist das erste Statement eines Mannes, der sein eigenes Ego konsequent hinter das Motiv stellt – und das Werk anderer ebenso ernst nimmt wie das eigene.
Das Radio als TikTok der Wendezeit
Wir setzen uns in ein Zimmer, das gleichzeitig Speiseraum, Galerie und Denkfabrik zu sein scheint. „Cappuccino, Kaffee, eine Butterbreze?“ Ich schalte das Aufnahmegerät ein. Biskup wirkt hellwach; morgen geht es nach Singapur. Diese Mischung aus Kreuzberger Dynamik – er hat dort seit 1989 eine Basis und lebt den Berliner Puls – und der Westheimer Stille scheint sein Geheimrezept für den „frischen Blick“ zu sein. „Berlin ist für mich kein Alltag“, sagt er. „Obwohl ich seit Jahrzehnten dort bin, sehe ich die neuen Sachen sofort. Wenn man nur dort ist, stumpft man ab. Die Mischung macht’s.“
Sein Weg zum Weltchronisten begann in Augsburg, bei einem Studium der Geschichte und Politik. Das Fundament für alles, was folgen sollte. „Das war die Grundlage für mein Handeln 1989“, sagt er heute rückblickend. Während andere auf Aufträge von Redaktionen warteten, sparte Biskup sein Geld für Filme und Reisen. Er war der Prototyp des „Self-Akkreditierten“.
Er erzählt von jenem schicksalshaften 10. September 1989 in Bremen. Eigentlich war er dort, um den drohenden Sturz von Helmut Kohl auf einem CDU-Parteitag zu dokumentieren – ein innerparteilicher Putschversuch von Leuten wie Biedenkopf oder Süssmuth. „An dem Presseabend kam die Nachricht: Die Ungarn machen die Grenze auf. Ich war zehn Tage zuvor in Budapest bei den Flüchtlingen gewesen.“ In diesem Moment entschied nicht ein Redakteur in einer fernen Zentrale, sondern Biskups innerer Kompass: „Ich habe das erste Flugzeug gebucht und bin zurück nach München geflogen, um an der Grenze zu sein, wenn die ersten DDR-Bürger westdeutschen Boden erreichen.“
Damals gab es kein Internet, keine Push-Nachrichten. „Das Radio war das TikTok von damals“, erinnert er sich. Ohne dpa-Ticker im Auto musste man warten, bis die Nachrichten im Rundfunk kamen. „Ich habe diese Informationen genutzt und sofort umgesetzt. Ich habe mich ins Auto gesetzt und bin hingefahren.“ Ohne festes Gehalt, ohne Spesenkonto. Man brauchte damals umgerechnet 100 Euro, um überhaupt loszufahren – für Benzin und Filme.
Jeder Mensch ist interessant
Biskup ist kein Jäger des billigen Augenblicks, kein Paparazzo des Zeitgeists. Wer ihn erlebt, merkt schnell: Ihn interessieren weniger Ereignisse als Menschen. Besonders deutlich wird das, wenn man mit ihm über die Loveparade spricht – jenes Phänomen, dem das Augsburger Textilmuseum tim gerade eine große Bühne bereitet. Er nannte das Spektakel einmal die „Suggestion einer klassenlosen Gesellschaft“. Ein großes Wort für eine Veranstaltung, die oft missverstanden wurde.
„Sicherlich haben da ein Viertel der Leute irgendwas eingeworfen“, räumt er schmunzelnd ein, „aber das war nicht der Kern.“ Biskup hat es überprüft. Er ließ sich damals Adressen aufschreiben, schickte den Leuten später Abzüge ihrer Fotos zu. „80 Prozent kamen aus der Fläche, aus kleinen Orten. Es waren die Leute, die anders sein wollten, die Interesse an anderen Formen der Darstellung hatten.“ Auf dem Berliner Asphalt spielte die Herkunft keine Rolle. „Vom Intellektuellen des Berliner Ensembles bis zu Leuten aus der tiefsten schwäbischen Provinz – da war wirklich alles anwesend.“
Was ihn von vielen Kollegen unterscheidet, ist der tiefe, fast humanistische Respekt vor dem Gegenüber. „Jeder Mensch ist für mich interessant, egal was er tut“, sagt er. Er blickt auf den Obdachlosen mit der gleichen Ernsthaftigkeit wie auf den Staatsmann. Woher kommt das? „Ich glaube, das ist eine Frage der Erziehung. Ich habe das Glück gehabt, in solchen Umständen aufzuwachsen, in denen man Respekt lernt.“
Der Exot mit der Kamera
Dass er heute, im Zeitalter der totalen, gefilterten Selbstdarstellung auf Instagram und TikTok, zum „Exoten mit der Kamera“ wird, nimmt er mit Humor. „Ich werde von Jahr zu Jahr mehr zum Exoten.“ Er erzählt eine Anekdote, die viel über unsere Zeit aussagt: Junge Leute sprechen ihn in der Stadt an: „Hey, mach mal ein Foto von mir!“, einfach weil sie fasziniert sind von diesem mechanischen Gerät vor seinem Gesicht. „Viele Jugendliche kennen das gar nicht mehr, deren Eltern haben keine Kamera mehr im Haus. Das Smartphone hat alles geschluckt.“
Für Biskup stellt sich damit eine einfache Frage: Was ist noch wirklich? „Wenn ich fotografiere, verändere ich manchmal die Perspektive der Leute auf sich selbst. Jüngere haben heute oft diesen ganz spezifischen Selfie-Blick auf sich. Ich versuche, eine andere Perspektive anzubieten.“ Er sieht sich als Bewahrer einer analogen Ethik in einer digitalen Welt.
Wenn die Maske der Macht fällt oder Das Westerwelle-Phänomen
Wie schafft man es, dass ein Wladimir Putin, ein Michail Gorbatschow oder ein Helmut Kohl die mühsam aufgebaute Maske der Macht fallen lassen? Biskup nippt an seinem Wasserglas. „Es geht alles über Kommunikation. Mögen einen die Leute oder mögen sie einen nicht?“ Es klingt einfach, ist aber die höchste Kunst der Porträtfotografie.
Sein Ansatz ist radikal: „Ich habe die Leute immer mit Würde behandelt. Es war nie mein Ziel, auf den Moment zu warten, in dem jemand besonders tölpelhaft aussieht. Das ist auch keine Kunst. Und es gab eine Zeit lang in der Pressefotografie diesen Ansatz, das zu tun.“ Er aber wollte die Menschen so zeigen, wie sie sind, ohne sie zu verraten. Diese Ethik zahlte sich aus. Er erzählt, wie er Guido Westerwelle für ein Porträt an die Spree bat, weg von den sterilen Büros der Macht. Das Ergebnis? Zehn Jahre nach Westerwelles Tod nutzen die Leitmedien wie Zeit und Spiegel heute noch genau diese Bilder für ihre Rückblicke. „Es gibt Millionen Fotos von ihm, aber sie nehmen dieses eine entspannte Bild. Das verblüfft mich selbst.“
Vielleicht ist es genau diese Nahbarkeit, die ihm Türen öffnete, die anderen verschlossen blieben. Er war bei Gerhard Schröder zu Hause, bei Helmut Kohl saß er oft im Wohnzimmer. „Die kommen alle mit mir“, sagt er mit einer Selbstverständlichkeit, die nicht protzig klingt. Wer ihn hier in Neusäß erlebt, wie er über seine tiefe Dankbarkeit spricht, versteht es sofort. „Ich habe sehr früh die Schule verlassen, war nicht gut, bin zur Post gegangen. Im Nachhinein war alles wie an einer Perlenkette aufgereiht. Ich bin einfach dankbar für alles.“
Heimat, KI und die edition:schwaben
Doch Biskups Blick ist nicht nur von Nostalgie geprägt. Wenn er heute in sein Archiv schaut, ist er kein Pessimist, aber er ist hellwach. „Wir leben in einer sehr speziellen Welt. Ich hoffe, dass unsere Kinder diesen langen Frieden haben können, den wir hatten. Das ist in der deutschen Geschichte singulär.“ Er blickt mit Sorge auf die Ukraine, auf den Nahen Osten. Er zitiert eine junge Frau aus Tel Aviv, die vom Gefühl eines „neuen Dritten Weltkriegs“ sprach.
Auch die technologische Entwicklung beschäftigt ihn. Vor allem die Künstliche Intelligenz.
„KI ist ein großer Angriff auf die Wirklichkeit“, sagt er. Er selbst nutzt sie pragmatisch – als eine Art „Google 2.0“. Für seine Bilder bleibt er bei dem, was tatsächlich passiert. Dazu gehört auch sein Engagement für die Region. Ein Drittel seines Lebens widmet er mittlerweile der „edition:schwaben“. „Ich mache das sehr gerne, weil ich den Journalismus in der Region stärken will.“ Es ist seine Art, der Stadt und dem Umland etwas zurückzugeben, das ihn seit 40 Jahren beheimatet. Er sieht Augsburg nicht als Provinz, sondern als lebenswerte Großstadt mit einer halben Million Menschen im Einzugsgebiet, die kreativen Input verdient hat.
Das Urteil: Wahrheit vor Ästhetik
Zum Ende unseres Gesprächs wird es kurz und knackig. Die obligatorischen Entweder-Oder-Fragen, die „Shortfire“-Runde.
„Leica oder Smartphone?“, frage ich.
„Nikon“, schießt es aus ihm heraus. Er lacht laut. Wer Biskup kennt, weiß um seine Treue zu diesem Werkzeug.
„Stille im Archiv oder Trubel beim Shooting?“ – „Shooting.“
„Kanzleramt oder Loveparade?“ – „Beides.“
„Wahrheit oder Ästhetik?“
Hier überlegt er keine Sekunde. Die Antwort kommt leise, aber mit der ganzen Autorität seines Lebenswerks: „Wahrheit.“
Doch die Rollenverteilung klärt sich erst unmissverständlich, als es an das notwendige Foto für diesen Artikel geht. Ich bitte ihn, die Regie zu übernehmen – wer wäre ich, einem Weltklasse-Fotografen den Bildaufbau diktieren zu wollen? Biskup zögert nicht. Er instruiert mich präzise, korrigiert den Winkel, achtet auf das einfallende Licht. Anweisungen vom Profi. In diesem Moment ist er wieder ganz in seinem Element: Er überlässt die Bildwirkung nicht dem Zufall, auch wenn er selbst das Motiv ist.
Bevor ich schließlich gehe, reicht er mir noch ein Exemplar seines Buches ‚Rückblende‘. Er signiert es mit einer routinierten Geste und einer persönlichen Widmung – ein gewichtiges Konvolut aus Zeitgeschichte, das ich nun stolz mein Eigen nennen darf.
Draußen in Neusäß ist es immer noch ruhig. Daniel Biskup wird morgen in Singapur sein, danach vielleicht wieder in Berlin-Kreuzberg. Er wird weiter beobachten, weiter archivieren und jenen Blick bewahren, der ihn so weit gebracht hat. Ein Weltchronist mit einer Tüte Butterbrezen. Es ist diese totale Bodenhaftung, die seine Bilder so zeitlos macht. (tk)
Ausstellung 20.03. bis 19.11.26
Loveparade. Fotografien von Daniel Biskup
Staatliches Textil- und Industriemuseum (tim)






