Jürgen Enninger trat am 01.10. sein neues Amt in Augsburg an

Der Netzwerker

Im Gespräch mit Jürgen Enninger, neuer Referent für Sport, Welterbe und Kultur

Neben dem Referat für Soziales und Pflege wurde auch das für Kultur, Welterbe und Sport nach den Wahlen im März öffentlich ausgeschrieben. Die Wahl fiel auf Vorschlag der Grünen und mit großer Zustimmung der CSU auf Jürgen Enninger, einen studierten Religionspädagogen und Diplom Kulturwirt. Wir hatten die Gelegenheit, den 51-jährigen Netzwerker aus Niederbayern kurz vor seinem Amtsantritt im Oktober kennenzulernen.
Text und Fotos: Markus Krapf

Schön, dass sie uns schon vor ihrem Amtsantritt die Gelegenheit zu einem Gespräch geben. Das ist nicht selbstverständlich und wir wissen das sehr zu schätzen. Wie groß ist denn die Vorfreude auf ihre neue Aufgabe?
Ich komme mit großem Respekt vor der Aufgabe, großer Spannung und großer Vorfreude in die Fuggerstadt. Es ist eine ganz besondere Aufgabe, denn Augsburg hat ein unglaubliches Potential, sowohl in der Kultur als auch im Sport. Es ist beeindruckend für mich, wie viele Akteure hier unterwegs sind, Projekte anstoßen und ihre Themen mit einem großen Engagement vertreten. Ich freue mich darauf, diese alle zukünftig unterstützen zu dürfen.

Wird ihre Vorfreude nicht durch die coronabedingten Umstände getrübt?
Es wäre falsch zu sagen, dass man jeden Tag ganz locker ins Büro geht. Corona ist eine große Herausforderung, gerade auch bei allem, was öffentlich stattfindet. Auch was Hygienekonzepte betrifft oder die Entwicklung von Lösungsformen. Die Situation der Clubs beispielsweise ist etwas, das mich sehr umtreibt. Wie kann man diese wieder zugänglich machen, wie kann man Strukturen bauen, dass es auch hier endlich wieder nach vorne geht.

Ihnen eilt der Ruf voraus, ein erfahrener Netzwerker für Kultur und Kreativwirtschaft zu sein und sie waren zuletzt im Auftrag der Stadt München tätig. Warum zieht es sie jetzt ausgerechnet nach Augsburg?
Augsburg ist eine Stadt, die außerordentlich reich an historischem Erbe und dadurch eine Stadt voller Vielfalt ist. Auf der einen Seite steht die große Geschichte der Freien Reichsstadt, auf der anderen gibt es aber auch die Geschichte der Arbeiter*innenstadt, die mich immer sehr beeindruckt hat. Die Mischung macht es aus. Und da ich aktuell in der Verwaltung arbeite, freue ich mich jetzt auf die Möglichkeit, Projekte anzugehen, Menschen zu begleiten und eigene Ideen zu entwickeln. Und dazu konnte ich einfach nur mit großer Begeisterung „Ja, das mache ich!“ sagen.

Ist es auch ein Karrieresprung?
Das ist es auf jeden Fall. Ein großer Karrieresprung und eine riesige Herausforderung, auf die ich mich sehr freue, und auf die ich mich gut vorbereitet fühle

Gab es bereits vorher Berührungspunkte mit der Fuggerstadt oder kommen sie sozusagen unbeleckt und damit mit einer unvoreingenommenen Objektivität von der Isar an den Lech?
Als Vorsitzender des Musikwirtschaftsverbands in Bayern und Baden-Württemberg durfte ich die Augsburger Musikszene kennenlernen und ich war fünf Jahre lang regionaler Ansprechpartner für Kultur- und Kreativwirtschaft in Bayern, wo ich auch regelmäßig Sprechtage hier in Augsburg abgehalten habe. Vom Kompetenzteam in München aus haben wir einige Projekte mit Augsburger Künstler*innen gemacht, es gab also schon mehrere Berührungspunkte hierher. Unbeleckt bin ich also nicht, aber es ist sicher kein Nachteil, wenn man schon vor Arbeitsbeginn ein bisschen Kontext hat und einige Akteure kennt

Ihr Referat hat den Bereich Sport dazubekommen. Diese Maßnahme traf vor allem bei den Kulturschaffenden Augsburgs auf wenig Gegenliebe. Warum war diese Entscheidung dennoch richtig?
Aus dem Kultur- wie Sportbereich drangen einige kritische Stimmen an mich heran. Meiner Ansicht nach ist es aber nachvollziehbar, diese beiden Bereiche zusammenzunehmen, weil sie beide existentiell für das Gelingen einer Stadtgesellschaft und beide auch von einem starken ehrenamtlichen Engagement geprägt sind. Gleichzeitig muss man natürlich auch sagen, dass Sport und Kultur getrennt voneinander gedacht und entwickelt werden müssen. Das Selbstbewusstsein der Kulturstadt Augsburg und der Sportstadt Augsburg sind also zwei zentrale eigenständige Pfeiler, die man nicht mischen darf. Gleichzeitig macht es aber strukturell und inhaltlich Sinn, beide Bereiche in einem Referat zusammenzulegen, weil es sich von der Kernmotivation her um sehr ähnliche Ausgangspositionen handelt. Die politische Diskussion auf Bundesebene geht übrigens in dieselbe Richtung. Es gibt auch hier einige Studien, Papiere und Beispiele, wie man Kultur und Sport parallel miteinander entwickeln kann.

Verstehen sie trotzdem die Bedenken der Kulturschaffenden und der Sportbegeisterten?
Ich möchte den Akteur*innen beider Bereiche die Angst nehmen. Es wird auch in Zukunft nichts vermischt und auch keinem etwas weggenommen werden. Beide Bereiche werden lediglich verwaltungsseitig zusammengedacht. Unser Auftrag wird es sein, die Menschen durch gute Rahmenbedingungen in ihrer Kernmotivation zu stützen und ihnen nicht irgendwelche Programme überzustülpen. Deshalb ist meine Anfangsaufgabe, mit den Akteuren des Sports und der Kultur ins Gespräch zu gehen und Vertrauen zu erarbeiten.

Kultur war und ist sozusagen ihr Baby, das sie durch all ihre bisherigen Aufgaben begleitet haben. Ist der sportliche Bereich komplettes Neuland für sie?
Ich bin in Niederbayern auf dem Land aufgewachsen, und da gehört der Sportverein unbedingt dazu, weil man dort Leute kennenlernt, und sich gemeinsam Ziele setzt. Ich war als Jugendlicher im Schützenverein, gehe laufen, mache Fitness und gehe mit meinem Mann regelmäßig Fahrradfahren oder mit Freunden zum Kegeln. Ich weiß also, wie wichtig der Sport für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist und wie wichtig es ist, vor allem das Ehrenamt zu unterstützen.

Zuletzt wurde beschlossen, dass in der Fußball-Bundesliga alle Clubs einer einheitlichen Regelung bei den Heimspielen mit 20 Prozent der Zuschauerauslastung unterliegen. Wie ist ihre Ansicht als Sportreferent zu diesem Thema?
Ich glaube, wir müssen uns sehr streng an die Sicherheits- und Hygienekonzepte halten, weil wir eine große Verantwortung für alle Bürger*innen haben. Man hat in der letzten Saison bei den Championsleague-Spielen von Atalanta Bergamo in Norditalien gesehen, wie schnell Fußballspiele zu Superspreadern mutieren. Der Verantwortung müssen wir gerecht werden und vielleicht auch in den sauren Apfel beißen, wenn die Zuwachsraten den vorgegebenen Wert übersteigen. In München war das ja gleich am ersten Spieltag der Fall und ich fand die Entscheidung richtig, ohne Zuschauer zu spielen. Verstehen sie mich nicht falsch, ich habe große Sympathien für das weitere Öffnen im sportlichen und kulturellen Bereich. Aber eben nur verbunden mit einem hohen Verantwortungsbewusstsein.

Ihre Kollegen Weber und Barth haben zuletzt die Hoffnung geweckt, dass die Zuschüsse für Kultur und Sport trotz Corona nicht gekürzt werden sollen.
Es ist ein wahnsinnig wichtiges Signal, dass sich die Stadtspitze hier so eindeutig positioniert hat. Denn es zeigt, dass auch in einer Krisensituation diese Aufgaben Priorität haben. Es ist aber auch klar, dass bei einem Einbruch des Wirtschaftswachstums um fast 10 Prozent vieles nicht mehr so ist wie zuvor. Darauf muss man die Menschen auch ehrlicherweise vorbereiten, denn die Karten werden im nächsten Jahr neu gemischt werden. Aber wir werden verantwortungsvoll und erfreulicherweise mit klaren Prioritäten mit der neuen Situation umgehen.

Eine große Diskussion gibt es um die Sanierung des Staatstheater Augsburg. Wie beurteilen sie die aktuelle Situation, die für die Zeit bis zur Wiedereröffnung des Großen Hauses geschaffen wurde?
Aus München betrachtet war ich begeistert, wie professionell und schnell diese beiden Übergangsspielstätten organisiert wurden. Und damit wurde ja auch das umgesetzt, was Theater ausmacht, nämlich seine Wirkung in die Stadt hinein konkret fassbar zu machen. Das war eine Meisterleistung, auch die beeindruckende Qualität übrigens, mit der die Bühnen dann bespielt wurden. Aber es ist halt alles nur ein Übergang und kann keine Lösung auf Dauer sein, weil auf den Interimsspielstätten schon allein aus logistischen Gründen vieles gar nicht möglich ist. Dabei haben wir noch gar nicht über die Mietkosten dieser Spielstätten, über Personalrecht oder Umweltschutz gesprochen.

Es ist also richtig, die große Theaterlösung trotz explodierender Kosten weiter voranzutreiben?
Die drittgrößte Stadt Bayerns braucht dieses Staatstheater, einen herausragenden Ort für Theater in Augsburg. Und das neue große Haus wird dann durch die Planungen und Umbauten auch mehr denn je für die Bürger*innen und die Freie Theaterszene geöffnet sein. Diese Öffnung des neuen Hauses wird auch die Aufgabe des Theaterintendanten sein, welche ich gerne unterstütze und vorantreibe. Das war bei der Bürger*innenbeteiligung zum Staatstheater dezidiert gewünscht. Das neue Theaterzentrum bietet klar die Möglichkeiten neue Gruppen fürs Theater zu begeistern. Augsburg ist eine Stadt der Vielfalt. Es ist mein Wunsch, dass das auch im Theater abgebildet wird.
Das Staatstheater gehört zur Identität einer Reichsstadt, zum Selbstbewusstsein der Bürger*innen, zum Selbstverständnis der Stadt. Ich freue mich jedenfalls sehr auf die Chancen und Möglichkeiten des großen Hauses nach der Wiedereröffnung.

Sie haben die Freie Theater-Szene in Augsburg angesprochen. Mit welchen Ensembles oder Bühnen hatten sie bisher bereits Kontakt?
Da fallen mir sofort die Bluespots Productions ein, weil sie Kreativpiloten Deutschlands geworden sind. Mich hat begeistert, auf welche Weise sie Theater und Verwaltung zusammen denken. Natürlich kenne ich auch die Augsburger Puppenkiste, das Junge Theater Augsburg oder das Sensemble Theater. Auch das Theater Ensemble im City Club wurde mir schon empfohlen. Alle anderen Freien Theater werde ich dann ja in nächster Zukunft kennenlernen.

Wie wichtig ist das Modular Festival für das popkulturelle Image unserer Stadt?
Das Modular ist ein besonderer Leuchtturm für Popkultur in Bayern und sogar weit darüber hinaus. Wir haben aus München immer rübergeschaut und gesagt, sowas wollen wir auch. Das Modular ist ein unglaublicher Markenkern für popkulturelle Veranstaltungen und ich hoffe sehr, dass wir nächstes Jahr wieder gut einsteigen können.

Gerade beim Modular werden viele Aufgaben auf ehrenamtliche Schultern verteilt. Sie halten große Stücke auf ehrenamtliches Engagement, ist es aber in den letzten Jahren nicht immer schwieriger geworden, Menschen zum Mitmachen zu bewegen?
Das hätte ich vielleicht vor ein paar Jahren so noch unterschrieben, aber mittlerweile habe ich das Gefühl, dass durch den Zuwachs von Populismus die Energie zurückgekehrt ist. Jugendliche engagieren sich gerade in den Bereichen Klimaschutz, gegen Rassismus oder auch bei Neugründungen von Parteien. Wir müssen nun von Kultur- und Sportseite Angebote machen, um die jungen Menschen auch hier aktiviert zu bekommen und von kruden politischen Richtungen fernzuhalten. Das ist eine große politische Herausforderung, diese frische Energie in einer demokratieunterstützenden Weise weiterzuentwickeln.

Haben sie auch die Club- und Kulturkommission in Augsburg schon wahrgenommen?
Durch die Livestreams während Corona hat die CUKK ein großes Ausrufezeichen setzen können. Augsburg war hier der Vorreiter und wir haben uns in München manchmal verwundert die Augen gerieben, wie schnell die Dinge hier umgesetzt wurden. Zuerst im Stream und dann auch bei Live-Konzerten.

Sie sind ein erfahrener Netzwerker für die Kultur und Kreativwirtschaft. In wiefern wird Augsburg von ihren Kontakten profitieren können?
Wenn ich etwas nicht weiß, dann weiß ich, wen ich anrufen muss. Man kann sich nämlich immer nur im Verhältnis zu anderen weiterentwickeln. Es ist wichtiger denn je, in Netzwerken zu denken und gemeinsam in Netzwerken Kompetenzen zu entwickeln. Große Städte haben hier übrigens eine Verantwortung in der Entwicklung bestimmter Themen gegenüber den kleineren. Wissen ist für mich nicht etwas, das ich für mich behalte, sondern das System insgesamt und das Miteinander stärkt. Deswegen hoffe ich auch, dass Augsburg von dem profitieren wird, was ich vorher gemacht habe.

Gibt es konkret Konzepte aus ihrer Arbeit in der Landeshauptstadt, die man auf Augsburg anwenden oder übertragen kann?
Ich habe viel im Themenfeld Zwischennutzungen gearbeitet. Das geht bei der Bereitstellung von Schaufestern los bis hin zur Vermittlung großer Büroflächen seitens der öffentlichen Hand oder künstlerischer Interventionen im öffentlichen Raum. Aber auch private Immobilien wurden für kultur- und kreativwirtschaftliche Projekte genutzt. Zuletzt habe ich die Themen Kreativareal-Entwicklung oder Crowdfunding zur Unterstützung und Sichtbarkeit kultureller Projekte begleitet. Das sind alles Themen, die ich mit nach Augsburg bringen werde.

Was werden die dringendsten Aufgaben für ihre ersten Monate als Kultur-, Welterbe- und Sportreferent sein?
Covid, Covid, Covid! Wir müssen es ganz schnell schaffen, dass die Menschen wieder an den Angeboten von Stadt und Vereinen partizipieren. Und dies muss unter sicheren Voraussetzungen geschehen. Außerdem stehen in Augsburg einige tolle Ereignisse an, welche es vorzubereiten gilt. Die Kanu-WM, die im Jahr 2022 in Augsburg stattfindet, steht ganz oben auf meiner Agenda. Aber natürlich auch das Fugger Jubiläum 2021 und das Brecht Jubiläum 2023, neben der weiteren Ausgestaltung des Welterbetitels. Sie sehen, es stehen viele spannende Projekte an. Und ich freue mich, wenn ich dabei mitarbeiten darf, Augsburg als Sport- und Kultur- und Welterbestadt voranzubringen.

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