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Der Hass auf das Fremde
Verzweifelte Flüchtlinge, überfüllte Zeltstädte, hasserfüllte Rechtsradikale – all das schmerzt den fühlenden und denkenden Betrachter. Das Schlimme daran: Wir werden uns an diese Bilder gewöhnen. Nicht weil wir herz- und gedankenlos sind, sondern weil die Flüchtlingswelle eben keine Welle ist, die wieder verebbt. In Wahrheit ist es ein Flüchtlingsstrom, der sich in Zukunft mal stärker und mal schwächer in Richtung Europa und Deutschland bewegen wird. Es wird nicht Wochen, Monate, auch nicht Jahre dauern, bis dieser Strom versiegt, es werden, Jahrzehnte sein.
Das zu wissen ist wichtig, denn daraus ergibt sich eine neue Perspektive. Die Flüchtenden sind weder eine kurzzeitige Ausnahmeerscheinung, die wir problemlos integrieren, noch sind sie störende Schmarotzer, die wir mit Grenzzäunen fernhalten können.
Zu einer ehrlichen Betrachtung der Lage gehört, dass man die Herkunft und die Motive der Flüchtenden benennt. Es ist wahr, dass niemand aus Langeweile aus seinem Land flüchtet und auch Armut kann die Hölle sein. Das Asylrecht ist aber für politisch Verfolgte gedacht, für Arme gibt es kein Asyl.Das Asylrecht zwingt zur Auslese. Wer Syrer ist, Iraker, Afghane, Eriträer, der hat sehr gute Chancen als politisch Verfolgter anerkannt zu werden. Wer vom Balkan vor der Armut flieht, hat so gut wie keine Chancen auf Asyl. Ist das gerecht, kann man human sein und zugleich arme Menschen zurück in ihre Länder schicken? Wahrscheinlich nicht. Die Antwort auf diese moralische Zerreißprobe fällt von Links wie Rechts meist unbefriedigend aus.
Das rechte (aber noch demokratische Spektrum), verschweigt, dass sich die Flüchtenden wohl nicht durch noch so strenge Abschreckungsmaßnahmen von ihrer Flucht nach Deutschland abhalten lassen. So hoch kann kein Grenzzaun sein und so niedrig keine vertretbare Versorgung von Flüchtenden, dass diesen Deutschland und Europa nicht doch als gelobtes Land erscheint, verglichen mit ihren Herkunftsländer.
Das linke Spektrum verschweigt, dass es eben doch Grenzen der Aufnahme- und vor allem der Integrationsfähigkeit gibt. Gerne wird eine Statistik gezeigt, die besagt, dass der Libanon und Jordanien pro Kopf unendlich mehr Flüchtlinge aufnimmt als das reiche Deutschland. Das ist statistisch richtig, aber der Vergleich ist unsachlich. Der Libanon und Jordanien grenzen direkt an Syrien und es sind Länder wenigen Einwohnern, zudem gibt es in der Region viele Familienbande, die über die regionalen Grenzen reichen. Man kommt bei Verwandten unter oder in Flüchtlingslagern, die seit Jahrzehnten bestehen. Knapp 1 Mio Menschen sind auch in einem hochentwickelten Land wie Deutschland nicht ohne Probleme unterzubringen.
Sicher, die Lage ist nicht katastrophal, aber problematisch. Dramatisierung ist angesichts dessen ebenso ungut wie Verharmlosung.
Wie reagieren die Deutschen auf diesen Flüchtlingsstrom? Man kann sagen: Er spaltet das Land. Viele geben sich dem Mitgefühl hin und nehmen an, dass allen Flüchtenden eine Heimstatt geboten werden kann. Die Bilder weinender Kinder lassen niemanden mit einem Herz kalt. Aber alle Flüchtenden wird auch das reiche Deutschland nicht aufnehmen können. Andere sagen, oft hinter vorgehaltener Hand, dass man nicht die ganze Welt aufnehmen könne und die meisten Flüchtenden „nur“ Wirtschaftsflüchtlinge seien.
Es wird dann auch damit argumentiert, dass Deutschland Einwanderer benötigt, dass es ohnehin einen Fachkräftemangel gibt. Aber dieses Argument ist nicht durchdacht. Die wenigsten Flüchtlinge sind industrielle Fachkräfte und die, die es sind, müssen nicht illegal einreisen. Die zunehmende Digitalisierung wird in Zukunft zudem zahlreiche Jobs für gering qualifizierte dahinraffen. Und was ist eigentlich mit denen, die überhaupt nicht arbeiten können? Mit alten, seelisch und körperlich Verletzten? Verdienen sie weniger Hilfe und Mitgefühl als die, die unserer Wirtschaft gut tun?
Eine große Leistung ist es bereits, wenn man allen politisch Verfolgten Asyl gewährt, auch wenn das heißt, dass man den sogenannten Armutsflüchtlingen keine Zukunft bieten kann.
An dieser Frage werden wir aller Voraussicht nach moralisch scheitern. Die Zahl der Notleidenden ist zu groß und auch die beste Entwicklungshilfe wird die politischen und wirtschaftlichen Ursachen der Flucht kurzfristig nicht beseitigen. Immer wieder werden Leichen aus dem Mittelmeer geborgen werden, immer wieder werden, wie heute, tote Menschen, die in LKWs auf europäischen Autobahnen erstickten finden.
Doch auch wenn man viele der Flüchtenden in ihre Heimatländer zurückschicken wird müssen – man kann dies mit einem Mindestmaß an Humanität tun. Man kann ihnen menschenwürdige Unterkünfte zur Verfügung stellen, gesundheitliche Versorgung, Nahrung, Respekt. Das ist weniger als viele sich wünschen, aber doch sehr viel mehr, als die hasserfüllten Ausländerfeinde den Menschen gönnen. Gerade jene, die Flüchtlinge als „Dreck“ und „Viehzeug“ beschimpfen, die Flaschen, Steine und Feuerwerkskörper auf Menschen werfen, wie der Mob in Heidenau, oder auf Kinder uriniert, wie gerade in Berlin, der hat kennen Anspruch auf Dialog oder Verständnis. Diese Menschen sind die größten Feinde der Zivilgesellschaft. Die Medien und die Politik haben sich bei den Pegida-Protesten redlich bemüht sachlich zu bleiben und sich mit den Protestierenden argumentativ auseinanderzusetzen. Wenn aber die Grenze zum Menschenhass so eindeutig überschritten ist, gibt es keine Gesprächsbasis mehr. Man diskutiert auch nicht mit Vergewaltigern oder Brandstiftern über ihre Beweggründe. (me)
Foto: Christian Menkel






