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"Was tun, wenn's drohnt?"

Bundesverkehrsminister Dobrindt reagiert auf den Drohnenhype...

Nachdem die Sache mit der Maut in die Hose gegangen ist und das Vertrauen in die deutsche Autoindustrie nur noch geringfügig über dem eines Hütchenspielers in der Fußgängerzone liegt, kann sich Bundesverkehrsminister Markus Dobrindt (CSU) den wirklich wichtigen Dingen widmen. Zum Beispiel der Lektüre in der Neuen Szene.

In unserer Oktoberausgabe berichteten wir über die zunehmenden Zwischenfälle mit Drohnen und den wachsenden Sorgen vor Verletzung der Privatsphäre durch fliegende Kameras. Nur wenige Wochen später reagiert Dobrindt: "Ich werde die Nutzung von Drohnen deshalb neu regeln: Drohnen sollen zukünftig registriert werden, um den Eigentümer identifizieren zu können", so der Minister vor wenigen Tagen auf der Homepage des Bundesverkehrsministeriums. Was er nicht sagt: Wann die Neuregelung in Kraft treten soll. Wir freuen uns trotzdem ein bisschen und stellen aus diesem Anlass unseren Artikel hier nochmal ein.



Angriff der fliegenden Augen

Wer schon immer geahnt hat, dass Drohnen die neue Pest am Himmel sind, findet auf der Website der Dedrone GmbH aus Kassel genug Futter. Hier werden Nachrichten über pikante Vorfälle aus aller Welt gesammelt, vom "Bankraub mit Drohne" über "schießende Drohnen" bis zu "Drohne bringt Drogen und Pornos ins Gefängnis". Das ist einerseits nicht verwunderlich, stellt das Unternehmen doch das Abwehrinstrument "Dronetracker" her, andererseits macht die Fülle der Berichte einigermaßen stutzig, da sie größtenteils aus seriösen Medien stammen.

Tatsächlich gehören Fastzusammenstöße mit Flugzeugen und verunglückte Drohnen fast zum täglichen Nachrichtenangebot. Im September stürzte eine Drohne während eines Spiels der US Open in unbesetzte Zuschauerränge, in Frankfurt am Main meldete eine Cessna im Juni eine Begegnung in 450 Metern Höhe, in Westfalen musste im April ein Rettungshubschrauber einer Drohne ausweichen. Bereits 2013 hat die Piratenpartei eine Drohne vor die Füße von Kanzlerin Angela Merkel fallen lassen.

Die zwischen wenige Zentimeter und bis zu über ein Meter großen Hobbyfluggeräte, so genannte "Multicopter", sind mit vier bis acht Propellern ausgestattet, können über fünf Kilo wiegen und bis zu 5000 Euro kosten – und werden dank sinkender Preise und verbesserter Technik immer beliebter.

"Ein scheiß Gefühl"

Neben der Absturz- bzw. Kollisionsgefahr fürchten immer mehr Menschen, von Drohnen mit Kameras ausspioniert zu werden. So erging es auch unserem Büronachbar Thomas Hammerl, der eines schönen Abends ein solches Fluggerät die heimische Häuserzeile überfliegen sah. "Ein scheiß Gefühl ist das", so Hammerl, "man weiß ja nicht, wer die Drohne mit welcher Motivation hier rumfliegen lässt." Der Agenturbetreiber griff also zum Telefon und wandte sich erst mal an die Stadt Augsburg, die ihn allerdings nach München weiterleitet. Gängige Praxis, wie der städtische Pressesprecher Ulrich Müllegger bestätigt: "Dafür ist ausschließlich das Luftamt Südbayern zuständig, dorthin verweisen wir immer." Dass die Anfragen bezüglich Drohnen zugenommen hätten, kann er nicht bestätigen: "Wir bekommen circa eine pro Halbjahr", so Müllegger.

Im Luftamt Südbayern, angesiedelt bei der Regierung von Oberbayern, landet man dann im Normalfall bei Karl Oexler, verantwortlich für "Modellflug und unbemannte Luftfahrtsysteme". Die Unterscheidung ist wichtig, wie die Regierung auf Anfrage erklärt: "Der Begriff Drohne wird in der Zivilluftfahrt rechtlich nicht verwendet. Wird das unbemannte Fluggerät privat genutzt, spricht man von einem Flugmodell, wird es gewerblich oder für sonstige Zwecke genutzt, von einem unbemannten Luftfahrtsystem." Und fliegen darf man nahezu überall: "Der Luftraum ist grundsätzlich frei", so die Regierung.

Einschränkungen gelten laut einer Broschüre des Bundesverkehrsministeriums im Bereich von Flugplätzen und höher als hundert Meter sollte man auch nicht steigen. Und ganz wichtig: "Kein Betrieb über Menschen und Menschenansammlungen." Womit unserem Hausbesitzer allerdings nicht geholfen ist, schließlich tragen Drohnen kein Nummernschild. "Wird durch den Flug des unbemannten Luftfahrtsystems unzulässig in die Privatsphäre eingedrungen, kann die Polizei verständigt werden", so die Regierung lapidar, die von "Selbstjustiz" abrät.

Den Griff zur Steinschleuder oder Ähnlichem empfiehlt auch Siegfried Hartmann vom Polizeipräsidium Schwaben Nord nicht: "Ich würde es nicht machen", so der Pressesprecher vorsichtig. Diese Vorsicht hat einen Grund: "Die Lage ist nicht ganz einfach, wenn das Gerät den Luftraum über meinem Privatbesitz verletzt und ich wehre mich mit der Zwille, bin ich theoretisch rechtlich nicht belangbar." Die Betonung liegt dabei auf "theoretisch". "Wenn der Überflug zum Beispiel nur aus Versehen passiert, ist es Sachbeschädigung", ergänzt Hartmann. Er empfiehlt, zunächst einmal zu versuchen, den Piloten ausfindig zu machen, der ja immer Sichtkontakt mit dem Fluggerät haben muss. "Ansprechen, Bilder zeigen lassen. Falls die Privatsphäre betroffen ist, muss er sie löschen." Unangenehme Begegnungen mit Drohnen sind ihm zufolge zwar bis jetzt in Schwaben kaum vorgekommen, aber auch bei der Polizei geht man davon aus, dass die Problematik zunehmen wird.

Der Blick in Nachbars Garten

Etwas weniger seriöse Anbieter werben bereits mit dem Reiz des Verbotenen: "Mit diesem kleinen Spion werfen Sie auch mal einen Blick auf Nachbars Garten - ohne dass er davon etwas merkt!", schreibt drohnenprofi.biz und bietet die "private Flugaufklärung" per Quadrocopter mit HD-Kamera für 99,90 Euro an. Hürden gibt es für private Käufer keine. Gewerbliche Nutzer, also zumeist Fotografen, müssen eine Einzelerlaubnis für 30 Euro oder eine allgemeine für zwei Jahre und 120 Euro beantragen. Wobei "beantragen" fast schon zuviel gesagt ist, der Nachweis technischer Fähigkeiten oder gar ein Führungszeugnis werden nicht verlangt, lediglich eine Haftpflichtversicherung für etwa 40 Euro im Jahr.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Im Jahr 2013 wurden beim Luftamt Südbayern 203 allgemeine Erlaubnisse für unbemannte Luftfahrtsysteme unter fünf Kilogramm ausgestellt. 2014 waren es 440. Im laufenden Jahr sind es bereits 1419, "Tendenz steigend". Diese Verzehnfachung innerhalb von zwei Jahren deckt sich ziemlich genau mit der Umsatzentwicklung der Branche. Auf der Internationalen Funkausstellung Anfang September in Berlin war der Stand des chinesischen Weltmarktführers DIJ ein Star der Messe. "Drohnen entkommen 2015 der Nische und landen auf dem Massenmarkt", verriet DJI-Marketingleiter Martin Brandenburg dem Berliner Tagesspiegel. Ein Trend, den der Augsburger Fachhändler Modellbau Koch bestätigen kann: "Das ist momentan ein Riesenboom", so Geschäftsführer Jürgen Pröll. "Wir haben Drohnen für 22 Euro, davon verkaufen wir mehrere hundert pro Jahr, von den Modellen über 1000 Euro waren es dieses Jahr etwa 50 bis 60, das ist schon eine deutliche Steigerung."

Bitte recht freundlich!

Jetzt wollen wir so ein Ding aber mal in Aktion sehen. Wir laden den Fotografen Bernd Jaufmann ins Büro der Neuen Szene in der Stadtjägerstraße. Bernd hat seine erste Drohne vor gut einem Jahr gekauft – und kurz danach schon die zweite, denn die erste ist ihm abgestürzt, zum Glück in der freien Wildbahn. "Es war mein zweiter Flug, ich hatte die Kontrollleuchten nicht richtig im Blick wegen des Gegenlichts, da kam ein Windstoß...", und Bernd musste sein ramponiertes Fluggerät ein paar Stunden lang suchen. Normalerweise passiert das nicht so leicht, die Drohne hält sich selbst in Position per GPS und verfügt für den Notfall über eine "Return Home"-Funktion, mit der sie automatisch zum Abflugort zurückkehrt. Seit dem Fauxpas hat Bernd auch keine Probleme mehr gehabt, seine Fotos vom Hochablass, Rosenaustadion oder Kö sind absolute Hingucker und zunehmend gefragt.

Wir lassen seine rund 1200 Euro teure "Phantom" von unserer Dachterrasse steigen und knipsen aus verschiedenen Höhen, die Kamera bedient Bernd mit seinem Handy, das mit einem Clip an der Handsteuerung befestigt ist. "Das ist kinderleicht", sagt er. Phantomartig leise ist die Drohne zwar nicht gerade, aber ab einer gewissen Höhe hört man sie erstens nicht mehr, zweitens kann man sie schwer im Blick behalten. Will heißen: Wenn man nicht weiß, dass sie da ist, sieht man die Drohne höchstwahrscheinlich auch nicht. Als wir die Bilder später ansehen, stellt sich zwar eine gewisse Ernüchterung ein bezüglich der Details, aber dank der hohen Auflösung kann man relativ gut am Computer in die Fotos hineinzoomen. Und angesichts der rasanten technischen Entwicklung gehört das ein Jahr alte Gerät ja fast schon zum alten Eisen.

Wann kommt die Ansage von oben?

Dass die Situation am Boden momentan also eher unbefriedigend ist, bestätigt nahezu jeder, mit dem man spricht. Eigentlich wundern sich alle, dass noch nichts Schlimmeres passiert ist, sind sich aber sicher, dass es nur eine Frage der Zeit ist. Ansagen von oben bleiben bis jetzt aus, auch das Bundesverkehrsministerium ist auffallend zurückhaltend. Auf dessen Homepage stammt die letzte Pressemitteilung zum Thema Drohnen vom Januar 2010 und ist noch von Peter Ramsauer gezeichnet, dem Vorgänger des amtierenden Ministers Alexander Dobrindt. Die Broschüre "Kurzinformation über die Nutzung von unbemannten Luftfahrtsystemen" erschien Anfang 2014. Die europäische Luftfahrtbehörde EASA arbeitet zurzeit an "Vorschriften für den Betrieb von Drohnen in Europa". Und der Hersteller des "Dronetrackers" darf sich höchstwahrscheinlich noch über einige schöne Schlagzeilen freuen. (flo)

Fotos: Daniel Anzaldua; Drohnenaufnahmen: Bernd Jaufmann

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