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Hiob im Bahnhofstunnel

Ein Kommentar von Marcus Ertle

Wie viel darf ein Bahnhofstunnel kosten? Ist diese Frage schon polemisch?

Innerhalb von sieben Jahren hat sich der Preis für den ohnehin umstrittenen Tunnel von 71 Millionen Euro auf derzeit über 184 Millionen erhöht. Und man muss schon ein sehr großer Optimist, um nicht zu sagen Lügner sein, wenn man behauptet, dass es bis zum Jahr 2022 nicht noch viel mehr Geld kosten wird.

Nun ist die ganze Materie sehr komplex. Wahrscheinlich muss man Baujurist, Architekt, Betriebswirt und Großprojektplaner in Personalunion sein um das alles zu verstehen. Vielleicht muss man als verantwortlicher Entscheider auch ein sehr guter Schauspieler sein, um Überraschung zu zeigen, wo man mehr weiß als man zugibt. Jetzt bin ich aber, wie die allermeisten auch nur eine Art staunendes Kind, das in ein sehr großes Loch schaut und sich wundert, wie viel Geld in ein solches Loch passt.

Dabei frage ich mich gar nicht, ob es dieses Loch, den Bahnhofstunnel, überhaupt braucht. Irgendeinen Sinn hat ein Tunnel ja immer. Es gibt Fluchttunnel, es gibt Rettungstunnel, es gibt Alpentunnel, Krötentunnel, für einen Bankraub graben manche einen Tunnel. Alle diese Tunnel haben einen Sinn. Sie führen von A nach B, unterirdisch, weil es überirdisch halt nicht geht, das ist immer schwieriger und teurer und auf was man unten stößt, weiß man erst, wenn man sehr tief gegraben hat.

Man kennt das aus der Kindheit, wenn man im Sandkasten einfach mal los gegraben hat und dachte:
Ich grab jetzt so lange, bis ich einen Schatz finde!

Diesen geheimen Wunsch hatten die Verantwortlichen der Stadt vielleicht auch, ohne dass es ihnen bewusst war. Man könnte auch fragen: Ist das Graben nicht immer auch ein Selbstzweck? Denn auch wenn man keinen Schatz findet, man ist immerhin beschäftigt und für irgendwen rentiert es sich schon. Wenn man einmal damit anfängt, wird es zur Leidenschaft, man bekommt den berühmten Tunnelblick und wer fragt da bitte kleinlich nach Zahlen? Ab einer Millionen wird es eh arg abstrakt, man hat halt so selten mit so großen Summen zu tun.

Ich sinne mal nach. Welche Summen und Größenordnungen der letzten Zeit die Stadt so beschäftigt haben, vielleicht versteht man es in der Relation. Nehmen wir mal den Kulturbereich. Die Künstler zerfleischen sich gegenseitig wegen eines städtischen Zuschusses an Bluespots Productions in Höhe von 15.000 Euro, die Angestellten des Klinikums Augsburg werden zu Sparopfern, weil 2-3 Millionen Euro Verlust nicht akzeptabel sind, es wird sogar über Privatisierung geredet. Diese Diskussionen werden mit großem Ernst geführt und sind für die Betroffenen oft von existentieller Bedeutung. Gleichzeitig könnte man mit einem kleinen Bruchteil des Tunnelgelds die gesamte Kunstszene Augsburgs zum blühen bringen und über die Verlustzahlen des Klinikum-Haushalts nur milde lächeln. Das tut man aber nicht. Weil die kleinen Zahlen vorstellbarer sind als die ganz großen.

Die ganz großen Zahlen, das ist wie mit mächtigen Menschen, jagen uns Respekt ein. Wir wagen nicht an ihnen zu zweifeln, eben weil sie groß sind. Stattdessen stehen wir verwundert vor dem Bahnhofstunnel und warten darauf, dass neue Hiobsbotschaften aus ihm zu uns dringen. (me)

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