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Eintagsfliege

Deutschland wird irre

Jeden Tag ein anderes Extrem. Wir können einfach nicht normal sein...

Ich glaube, Deutschland befindet sich gerade einfach in einem emotionalen Ausnahmezustand. Es schwankt zwischen der Angst vor Flüchtlingsströmen und dem beglückenden Gefühl, Menschen in Not zu helfen. Das ist tatsächlich typisch deutsch. Wir können einfach nicht normal sein. Entweder wir halten uns für Nazi-Erben und fürchten bei jedem Aufmarsch unterbelichteter Rechtsextremer deren Machtergreifung. Oder wir halten uns für so was wie neugeborene Christen, die nach dem Sündenfall der Nazi-Zeit zum besten, liebsten und fürsorglichsten Volk auf dem Planeten auserkoren sind. Aber eines sind wir, wenn es Probleme gibt, nie: ganz normal.

Wieso muss es immer so extrem sein? Man muss nur Zeitung lesen oder den Fernseher einschalten und schon erkennt man den hysterischen Wesenskern der deutschen Mentalität. Überall Katastrophen, dauernd steht der Weltuntergang bevor und wenn er am Ende doch ausbleibt, dann nur, weil wir die kollektiv guten Deutschen alle so toll sind. Eben sehen wir das Land noch in Flammen aufgehen und keine zwei Tage danach berauschen wir uns an den Bildern von Flüchtlingen, die am Münchner Hauptbahnhof von freundlichen Menschen willkommen geheißen werden.

Ich will nicht falsch verstanden werden. Auch mir kommt das Kotzen, wenn ich die Hooligans in Heidenau sehe, auch ich war irgendwie beglückt, als ich am Bahnhof einem jungen Flüchtling aus Afghanistan mein Handy geliehen habe. Was ich aber grausam finde, ist diese kollektive, mediale Übertreibung des Schlechten und des Guten. Johannes B. Kerner moderiert eine zweistündige Willkommensgala für Flüchtlinge, die wie gutmütig-hilflose Teddybären vorgeführt und geknufft werden. In Sondersendungen werden uns weinende Kinder gezeigt. In anderen Sondersendungen sehen wir die hasserfüllten Fratzen der Ausländerfeinde. Jeden Tag ein anderes Extrem.

Wieso treten wir nicht einen Schritt zurück und sagen: Eine Woche lange befassen wir uns ganz nüchtern mit der Flüchtlingsthematik? Wir zeigen keine weinenden Menschen, wir zeigen keine pöbelnden Pegidas. Wir beruhigen uns. Das heißt ja nicht, dass wir herzlos sein sollen. Vielmehr würde uns diese Ruhe zu der Erkenntnis bringen, dass zwischen irrationaler Angst und Hass und außerhalb des Überschwangs auch noch andere Gefühlszustände existieren, die uns nicht zu Arschlöchern machen. Es gibt zum Glück nicht nur "Nazis" oder "Gutmenschen". (me)

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