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Kultur

Die große Methode oder Brecht ohne Garantien!

Am 21.2. beginnt in Augsburg das Brechtfestival 2025

* 127. Geburtstag von Bertolt Brecht am 10.2.2025
* Brechtfestival der Stadt Augsburg vom 21.02. bis 02.03.2025
* Titel: „Die Große Methode“
* Zum Auftakt: „In C“ und Wrestling-Show
* Gesellschaftswissenschaftliche Tagung in Kooperation mit LMU München und Universität Zürich: „Die Große Methode – Brecht ohne Garantien“ (21./22.2.)
* UA am Staatstheater: „Deine Arbeit hasst dich, weil sie dich nicht braucht“ von Dietmar Dath (Regie: André Bücker), 22.2.
* Konzerte mit Blue Bendy, Fire! Orchestra, Die Sterne u.a., 22.2.
* Gastspiel „Josef K.“ von DasDas Istanbul, 1.3.
* Tanzmarathon „Die 48 Stunden von Augsburg“ (28.2.-2.3.)

Am 10. Februar wäre der Dichter und Theatermann Bertolt Brecht 127. Jahre alt geworden. In seiner Heimatstadt Augsburg feiert man seinen Geburtstag jedes Jahr mit einem großen Kunstfestival, dem Brechtfestival Augsburg. Künstlerischer Leiter ist von 2023 bis 2025 der Münchner Künstler, Musiker und Kulturanthropologe Julian Warner. Titel und Arbeitshypothese seiner letzten Festivalausgabe ist „Die Große Methode“. Der Schlüsselbegriff aus Brechts theoretischen Schriften begleitet Warners Arbeit seit 2023. Er steht für eine Herangehensweise, die gesellschaftliche Strukturen und deren Veränderbarkeit in den Blick nimmt.

Auch beim Brechtfestival geht es darum, aus Brechts Denken heraus ins Handeln zu kommen. Dies schließt insbesondere Allianzen mit zivilgesellschaftlich engagierten Gruppen ein, die mit ihrer Expertise aktiv zum künstlerischen Festivalprogramm beitragen. Zum Programm gehören auch internationale und mehrsprachige Produktionen.

Julian Warners Festival-Produktionen der letzten Jahre wie Wrestling-Show, Parade, Turnfest und dieses Jahr der 48-Stunden-Tanzmarathon sind gewissermaßen praktische Adaptionen und Versuche zur Theorie der Großen Methode. Eingeläutet wird das kommende Festival am 21. und 22.2. mit einer kultur- und gesellschaftswissenschaftlichen Tagung in Kooperation mit der LMU München und der Uni Zürich: „Die Große Methode: Brecht ohne Garantien“. Sie sucht die ernst gemeinte Auseinandersetzung mit der Gegenwart – gesellschaftlich, kulturell und politisch –, berührt Julian Warners praktische künstlerische Arbeit und setzt Impulse für die aktuelle politische und kulturpolitische Analyse. Beteiligte Expert*innen sind: Julian Warner, Moritz Ege, Alexander Gallas, Raul Zelik, Silke van Dyk, Michael Hirsch, Manuela Bojadžijev und Alex Demirović.

Nur wer tanzt, kann gewinnen: „Die 48 Stunden von Augsburg“
Höhepunkt des Brechtfestivals 2025 ist der zweitägiger Tanzmarathon: „Die 48 Stunden von Augsburg“ (28.2.-2.3.). Das Konzept stammt von Festivalleiter Julian Warner und der Dramaturgin Veronika Maurer. Inspiriert ist das Projekt von den Tanzmarathons der 20er und 30er Jahre in den USA und Europa, als die Weltwirtschaftskrise die Wettbewerbe mit den Geldgewinnmöglichkeiten populär machte.

Der Tanzmarathon ist Theater und Langzeitperformance. Er vereint Musik, Show und das Austesten körperlicher Grenzen mit Migrationsgeschichte und der ansteckenden Euphorie des Tanzens. Besonderes Merkmal des Tanzmarathons beim Brechtfestival sind die vielen beteiligten Augsburger Communities. Er findet in Brechts Kraftklub statt, einem großen, ehemaligen Möbelhaus am Augsburger Plärrer, wo sich schon im Vorjahr die Festivalzentrale befand. In einer eigens dort aufgebauten großen Tanzarena mit Zuschauertribünen und mehreren Bühnen wartet das Programm mit einer Vielzahl von Tanzstilen und -formaten auf. Es gibt zwei Tanzwettbewerbe, die zeitgleich stattfinden. Das Publikum kann jederzeit auch ohne Bewertung mittanzen, seinen Favoriten zujubeln oder auf den Tribünen Platz nehmen und zuschauen. Sei es beim Opernball, beim Techno-Rave oder bei der Kinderdisko.

Zu Eröffnung am Freitag um 20 Uhr, zur Halbzeit am Samstag um 20 Uhr und zum großen Finale des Tanzmarathons am Sonntag um 18 Uhr sind große Shows mit theatralem Charakter angesetzt: Hierbei kann das Publikum die tapferen Teilnehmer*innen des Langstreckenwettbewerbs näher kennenlernen. Dazu spielen die Rumpeljazzer der Münchner Hochzeitskapelle Brecht-Hits aus der Dreigroschenoper auf. Damian Rebgetz, schillernder Gastgeber und dem Publikum aus den vergangenen beiden Jahren bekannt, sowie die Berliner Puppenanarchisten von Das Helmi präsentieren Highlights des Tanzmarathons, berichten was bislang geschehen ist und worauf noch zu hoffen ist. Tanzmeisterin Katharina Mayer lädt das Publikum zum Wechseltanz.

Weitere Veranstaltungen:

Festivaleröffnung am 21.2.: Konzert und Wrestling-Show in Brechts Kraftklub
Das Minimal Music-Stück „In C“ von Terry Riley gilt als richtungsweisendes Beispiel dafür, wie sich demokratische Prozesse in Musik widerspiegeln. Es kann mit unterschiedlich vielen Musizierenden und mit beliebigen Instrumenten aufgeführt werden, klingt jedes Mal einzigartig und ist praktisch nicht wiederholbar. So auch die Version, die zur Festivaleröffnung am 21.2. erklingt. Ein rund fünfzigköpfiges Ensemble, bestehend aus jungen Musikerinnen und Musikern aus Augsburg und Schrobenhausen, Studierenden des Leopold Mozart College of Music sowie Augsburger Musikprofis, ist an dem Projekt beteiligt. Die Veranstaltung ist eine Kooperation des Brechtfestivals mit dem Staatstheater Augsburg und Mehr Musik!

Auf den durchschlagenden Erfolg von „Kampf um Augsburg“ beim Brechtfestival 2023 folgt nun die Fortsetzung des vom epischen Theater inspirierten Wrestling-Formats: Beim „Kampf um die Stadt“ von Veronika Maurer und Julian Warner wird in Brechts Kraftklub aus Kulturkampf wieder Klassenkampf. Wie geht es aus, wenn sich die Kleinen Leute aus den Fängen der Mächtigen befreien? Auf zum großen Showdown! Und danach? After-Show-Party mit DJ Gerald Donald.

Musiktheater, Schauspiel und Uraufführung mit dem Staatstheater Augsburg
Das Staatstheater Augsburg bringt Brecht‘sche Praxis auf seine Bühnen im Ofenhaus und im martini-Park. Neben Aufführungen von „Mutter Courage und ihre Kinder“ und „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ feiert das Auftragswerk „Deine Arbeit hasst dich, weil sie dich nicht braucht“ – ein Lehrstück für das 21. Jahrhundert von Dietmar Dath – beim Festival als Uraufführung am 22.2. Premiere (Regie: André Bücker). Ein temporeicher und visionärer Abend rund um KI und den leibhaftigen Bertolt Brecht. Unterstützt von Plan A und in Kooperation mit Aka:Nyx e.V. sowie dem Brechtfestival entsteht das Stück „Importbräute - Mein Schleier, das Henna und ihre Tränen“ von Merve Kayikci und Dorothea Schroeder, das am 23.2. als Stationentheater zur Uraufführung kommt. Die Stückentwicklung erzählt Geschichten von Frauen, die aus einem fremden Land nach Deutschland kamen, vertraut nur mit ihrem Ehemann.

Brechtnacht in der Arena am 22.2. mit der Band „Die Sterne“
Das Line-up der Brechtnacht kombiniert Neuentdeckungen mit Klassikern und lokale Musikszene mit internationalen Stars. Die Band „Die Sterne“ um Frontmann Frank Spilker verpackt ihre gesellschaftskritischen Texte seit den frühen 1990ern in funky Indie-Rock und elektronische Sounds. Beim Brechtfestival teilen sich die Hamburger die Konzertarena mit „Blue Bendy“ – (noch) ein Geheimtipp, der aufblühenden Indie- und Postpunk-Szene im Süden Londons entsprungen. Das sechsköpfige Kollektiv um Sänger Arthur Nolan entfaltet eine ambitionierte Klangpalette, die von weitreichenden Pop-Arrangements bis zu überraschenden, unkonventionellen Wendungen reicht.

Mats Gustafssons „Fire! Orchestra“ kollaboriert für die Brechtnacht mit erfahrenen Musikschaffenden sowie Newcomern aus Augsburg und Umgebung. Aus den Riffs und Melodien des „Orchestra“ erschaffen sie gemeinsam bis dato nie gehörte Arrangements zwischen Avantgarde Jazz und Prog Rock. Local Heroine „Josy“ spielt in ihren experimentellen Songs mit R&B, Industrial und Electronica. Die britische Musikerin, Sängerin und Produzentin Annika Henderson alias „Anika“ fesselt das Publikum mit ihrer eindringlichen Stimme und schafft sphärische Klangwelten zwischen hypnotischen Melodien und experimentellen Klängen.

Starke Handschrift: „Josef K.“ mit dem DasDas Theater Istanbul
Mit der Deutschlandpremiere von „Josef K.“ präsentiert das Brechtfestival nach 2024 zum zweiten Mal eine starke künstlerische Handschrift aus der Türkei. Tom Basdens düster-humorvolle Bühnenadaption des Kafka-Romans „Der Prozess“ katapultiert dessen Protagonisten Josef K. ins 21. Jahrhundert. Sein Endgegner dort ist ein gesichtsloses Rechtssystem, dessen Unberechenbarkeit den persönlichen Kampf um die Freiheit zu einem absurden Unterfangen werden lässt.

Die Große Methode: Werkzeug und praktische Lehre
Zum Auftakt mit Brecht ringen und beim Abschluss tanzen, als würde es kein Morgen geben: Das ist die Warner‘sche Klammer beim Brechtfestival und seine Lesart von Brechts „Großer Methode“.

„Brecht schreibt: »Die große Methode ermöglicht, in den Dingen Prozesse zu erkennen und zu benutzen. Sie lehrt Fragen zu stellen, welche das Handeln ermöglichen.« Ich verstehe das als einen methodischen Auftrag: kuratorisch und künstlerisch. Denn wenn die Gesellschaft sich ändert, die Festivalbesucher und ihre tradierten Geschichten und Bräuche vielfältiger werden, die technologischen Mittel sich entwickeln und die materiellen Bedingungen sich verändern, so ändert sich zwangsläufig das Verständnis von Theater.“, erklärt Festivalleiter Julian Warner.

Folgerichtig besteht Warners kuratorisches Selbstverständnis nicht darin, ein Programm nach dem Privatgeschmack eines Kurators zusammenzustellen – vielmehr schafft er durch seine Herangehensweise vielstimmige Begegnungsräume, in denen Menschen mit ihren unterschiedlichen Geschichten aufeinandertreffen und diese untereinander teilen. So spinnen Düzgün Polat und Hüseyn Yildiz mit ihrer literarischen Collage „Brecht-Hikmet“ einen fiktiven Dialog zwischen Bertolt Brecht und dem türkischen Dichter Nâzım Hikmet. Schülerinnen und Schüler aus Augsburg und Ljubliana setzen sich in einer Ausstellung mit den Rechten von Kindern auseinander, die Autorinnen Emma Braslavsky aus Berlin und Regina Kanyu-Wang aus China tauschen Science-Fiction Utopien aus. Eine wissenschaftliche Tagung durchleuchtet die Handlungsoption „Brecht ohne Garantien“. Beim „Volksentscheid der Lebewesen“ diskutiert Club Real mit dem Publikum die Mitbestimmungsrechte der Lebewesen in den welterbegeschützten Kanälen Augsburgs.

Podcast-Präsentation: „Liebe Tante Helli“
Der Podcast „Liebe Tante Helli“, eine Initiative des Brechtkreises und des Jüdischen Museums Augsburg, beleuchtet die Beziehung zwischen Helene Weigels jüdischer Familie und ihrem Augsburger Stiefsohn Frank Banholzer. Podcasts soll man eigentlich hören, da gibt es normalerweise nichts zu sehen. Hier machen wir eine Ausnahme: Der neue fünfteilige Podcast über Frank Banholzer und Helene Weigels Familie wird nur angespielt. Die Beteiligten geben im Gespräch und anhand von Bildern und Dokumenten Auskunft über die Hintergründe. Frank Banholzers Halbbruder Gerhard Gross hat jahrzehntelang über Frank und die Familie von Helene Weigel recherchiert, teils auf Bitten der Brechtforschung, teils aus eigenem Antrieb. Daraus ist – zusammen mit Dr. Carmen Reichert, Leiterin des Jüdischen Museums Augsburg Schwaben – schließlich die Idee zu diesem Podcast entstanden, realisiert von der Rundfunkjournalistin Kristina Dumas.

Präsentation im Gespräch von Kristina Dumas mit Gerhard Gross, Halbbruder von Frank Banholzer, Prof. Erich Unglaub, Brecht-Experte, Dr. Carmen Reichert, Jüdisches Museum Augsburg Schwaben, Natalie Hünig, Schauspielerin, Staatstheater Augsburg, Dr. Michael Friedrichs, Brechtkreis, am 23.2.2025 um 17 Uhr in der Brechtbühne, Am Alten Gaswerk 8.

Weitere Infos: www.brechtfestival.de

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