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"Es liegt an uns, Gesicht zu zeigen"
Die Vorfreude auf das Brechtfestival 2017 steigt. Mit zwei Theaterstücken startet am Freitag der zehntägige Event: In der Brechtbühne gastiert Tatort-Kommissarin Eva Mattes mit dem inklusiven Theater RambaZamba Berlin und im Gaswerk inszeniert Selcuk Cara die Eigenproduktion "Die Maßnahme".
Die Inszenierung des umstrittenen Lehrstücks von Bertolt Brecht wurde eigens für die Gebäude auf dem Gaswerkgelände konzipiert – ein Novum in der Geschichte des Festivals. In den verlassenen Denkmälern des Industriezeitalters folgt das Publikum den Spielern durch die Stationen des Dramas an mehrere Orte auf dem Areal.
Zum Inhalt: Vor dem Parteigericht, dem sogenannten "Kontrollchor", müssen sich vier russische Agitatoren für die Tötung eines Genossen verantworten, der während ihrer Propagandareise in China die Verbreitung der kommunistischen Ideen durch sein mitmenschliches Handeln gefährdet hatte. Also spielen sie die Situationen nach, die zu dieser extremen "Maßnahme" geführt haben.
Die Uraufführung von "Die Maßnahme" löste 1930 so heftige Kritik aus, dass Brecht ein Jahr später eine neue Fassung schrieb, die von kommunistischer wie bürgerlicher Seite nicht weniger angegriffen wurde. Vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs untersagte er 1945 selbst, das Stück weiter spielen zu lassen.
Für Regisseur Selcuk Cara, der bereits auf der Programmpressekonferenz im Januar die Ansprüche an sich selbst mit markigen Worten formuliert hatte: "Wenn ich hier versage, habe ich nicht als Künstler versagt, sondern als Mensch", hat das Stück auch knapp 90 Jahre nach der Uraufführung nichts an Aktualität verloren.
"Übertragen wir dies nun auf unsere aktuelle Situation, namentlich auf die unserer EU: Es hat nicht Jahre gedauert, sondern Wochen, um ein Klima der Menschenverachtung zu schaffen. Das Leid an den Außengrenzen hören wir nicht mehr, sondern nur die unmenschlichen Grenzüberschreitungen des Inneren: 'Auch wenn wir jetzt einige Wochen ein paar harte Bilder aushalten müssen, unser Ansatz ist richtig', so Innenminister Thomas de Maizière. Was wollen mein Innenminister und meine EU von mir (von uns)? Sie wollen, dass ich für das große Ganze, für das System, für die EU meinen Begriff der Mitmenschlichkeit und des Mitleids auf bürokratische Art neu definiere. Es liegt an uns, Gesicht zu zeigen, oder stumm und ohnmächtig der Auslöschung unseres Gesichtes zuzustimmen", so Cara auf der Homepage des Festivals.
Es spielen Katharina Rivilis, Luise Wolfram, Dagmar von Kurmin, Florian Mania sowie der bekannte Schauspieler, Komiker und Musiker Volker Zack Michalowski. Musikalische Leitung: Geoffrey Abbott.
Termine: 03.03. (19.30 Uhr), 04.03. (18.00 Uhr), 05.03. (18.00 Uhr), es gibt einen Bus-Shuttle vom Theater ins Gaswerk und zurück.
Info: brechtfestival.de
(flo)
Fotos: Christian Menkel






