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Es wird dunkel

Ein letztes Auftauchen aus dem "Brackwasser der Beliebigkeit": Georg Schramm auf Abschiedstournee im Parktheater....

Es ist noch hell, als Georg Schramm am Donnerstagabend pünktlich um halb acht die Bühne des ausverkauften Parktheaters betritt – mit Gewehr. Und es wird buchstäblich finster, als er sich drei Stunden später unter großem Applaus verabschiedet - mit Blumen. Dazwischen liegt ein Programm, wenig missverständlich als "Meister Yodas Ende" betitelt, das vor allem eines verdeutlicht: Nach dem Tod von Dieter Hildebrandt muss das deutsche Kabarett den nächsten großen Schlag hinnehmen. Georg Schramm ist auf Abschiedstournee.

Die Bühnenfiguren des 65jährigen sind Oldschool-Kabarett der reinsten Sorte und dürften bei der jüngeren Generation nur noch bedingt Anklang finden: der Rentner, der SPDler, der Oberst. Typen wie aus einer anderen Welt, und wie aus einer anderen Welt erscheinen bisweilen auch die Gedanken und Appelle Schramms, was ihnen nichts an Dringlichkeit nimmt, weder inhaltlich noch in der Form der Darstellung.

Die Sprache liegt dem gelernten Diplompsychologen am Herzen wie kaum ein anderes Sujet, eine schriftliche Antwort der Bundesregierung über den Einsatz in Afghanistan genügt, um gleich zu Beginn die "Sprache der Macht" zu entlarven, die nur einen Zweck hat: den Fragesteller davon abzuhalten, weiterzufragen. Und natürlich wird sein berühmter Satz über die Talkshows, die "emotionalen Pissrinnen der Politiker", auch beim hundersten Mal zelebriert wie der Höhepunkt einer Messe. Dazu prägen zwei weitere Aussprüche den Abend, einer von Papst Gregor aus dem Jahr 600 n. Chr. und ein Zitat von Max Horkheimer und Theodor Adorno aus dem vergangenen Jahrhundert. Womit Dimension und Spannweite von Schramms Programm auch schon wunderbar auf den Punkt gebracht wären.

Der Zorn - in bewusster Abgrenzung zur Wut – ist sein Schwert, er wettert gegen Habgier, soziale Kälte, mediale Verblödung, Spekulanten und Politiker und bringt nicht nur einmal handfeste Protestformen ins Spiel. Aktuelle Geschehnisse einzubauen fällt ihm ebenso leicht wie die Wünsche seiner Zuhörer zu erfüllen, um sie noch einmal aus dem "Brackwasser der Beliebigkeit" zu holen. Das alles mit der bitteren Selbsterkenntnis, der auch das bestens informierte und erfahrene Kleinkunstpublikum nicht entkommen kann, in 25 Jahren politischem Kabarett nichts erreicht zu haben. Wenn Schramm nichts erreicht hat – was hat dann sein Publikum in all der Zeit getan?

Ein Abend mit Georg Schramm ist Hochleistungssport für beide Parteien, er schenkt sich und seinen Fans kaum einen Millimeter Wohlfühlteppich oder Positiv-Denken-Krücke, die Anspielung auf den Kollegen Hirschhausen ist mehr als deutlich. Und selbst dieser Fels, dieser so wort- und darstellungsgewaltige Mann macht sich gegen Ende des Abends Sorgen um ein würdiges Altern bzw. den rechtzeitigen Abschied aus dem Leben. Schramms Konsequenz ist klar und dieser Satz vermutlich, zumindest wenn man Interviews von ihm kennt, nicht gespielt: "Ich werde die Hand beißen, die mich füttern will."

Nach der letzten Verbeugung appelliert er eindringlich an seine Zuhörer, am 25. Mai zur Europawahl zu gehen, um ein Zeichen gegen das Erstarken der nationalistischen Parteien in Ländern wie Frankreich oder Ungarn zu setzen: "Auch wenn ihnen dieses Europa nicht gefällt – mir gefällt es so auch nicht – überlassen wir es nicht den Rechtspopulisten!" Das hätte sicher nicht jeder seinen Kollegen auf Abschiedstournee so gehalten. Die Blumen lässt Schramm, zumindest zunächst, auf dem Tisch liegen. Es ist dunkel. (flo)

Foto: Achim Kaflein

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