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Ganz anders toll

Weniger Zuschauer, aber deutlich mehr Euphorie - die Bilanz des Brechtfestivals 2017...

Big Bertolt is watching you - das Brechtfestival 2017 trat aus dem Schatten des großen Sohnes und munter rein ins Licht, in Fettnäpfchen und heiße Diskussionen

Zehn Tage, 6500 Besucher, so lautet die nüchterne Bilanz des Brechtfestivals 2017 in einer Mitteilung aus dem Pressebüro des Festivals. Darin erklären die Veranstalter den Rückgang um 3500 Zuschauer im Vergleich zum letzten Jahr mit dem Fehlen des Großen Hauses als Spielstätte. Das stimmt natürlich, allerdings muss man mutmaßen, dass der Saal im Theater des Öfteren erschreckend leer gewesen wäre, schließlich waren bei einigen Programmpunkten nicht mal die Brechtbühne oder die Probebühne wirklich voll.

Viele Augsburger haben sich offensichtlich doch abschrecken lassen vom Fehlen der ganz großen Namen bei gleichzeitigen thematischen Herausforderungen und sperrigen Stücken wie "Die Maßnahme" im ungeheizten Gaswerk. Symptomatisch dafür steht das "Augsburg Journal", das in seiner Märzausgabe dem Brechtfestival ganze zehn Zeilen widmet und zwei Seiten später das Filmprojekt des ehemaligen Leiters Joachim Lang in aller Breite anpreist.

Deutlicher kann man die Unterschiede zwischen den beiden Protagonisten eigentlich nicht zeigen: Hier der quicklebendige, respektlose und ohne Angst vorm Scheitern immer an der Grenze zur Überforderung agierende Wengenroth, dort der museale Lang, der Guido Knopp der Brechtrezeption, der mit Stars wie Tobias Moretti und Lars Eidinger Hochglanzprodukte für den erweiterten ZDF-Fernsehgarten produziert.

Augsburgs Theaterintendantin macht keinen Hehl daraus, welche Herangehensweise ihr mehr liegt: "Es war ein herrlich freches, verstörendes und animierendes Festival. Eine Werkstatt zu Brecht, die ihm und seiner Person gerecht wurde: seinem Arbeiten an so vielem gleichzeitig und an so vielen Formen", so Juliane Votteler über die diesjährige Ausgabe. Und natürlich hat die erfahrene Netzwerkerin nicht zuletzt erkannt, wie wichtig der Hoffmannkeller als Festivalzentrale war: "Sehr schön war der Kontakt der Mitwirkenden mit den Mitgliedern des Festivals in Augsburg. Man kam ins Gespräch, tauschte sich aus. Kompliment an alle, Dank an Patrick Wengenroth: Er hat der Stadt ein Geschenk gemacht!"

Ob der 40-jährige Regisseur und Schauspieler dieses Geschenk auch nächstes Jahr wieder machen darf, ist noch nicht entschieden. Am heutigen Dienstag steht ein erster "mündlicher Bericht" im Kulturausschuss zum Brechtfestival 2017 an. Kulturreferent Thomas Weitzel, der Wengenroth nach Augsburg geholt hat, lobt schon mal die Öffnung des Festivals: "Konventionelle Gattungsgrenzen wurden oftmals ganz im Brechtschen Sinne gesprengt. Das dabei zugrunde liegende inklusive Konzept hat dem Festival auch neue Orte und Publikumsschichten in der Stadtgesellschaft erschlossen."

Und was sagt der Chef dazu? "Das Brechtfestival 2017 war aus meiner Sicht als Festivalleiter ein für die Zuschauer, die Mitwirkenden und die Organisatoren in jeder Hinsicht herausforderndes und zugleich beglückendes Ereignis: polarisierend, bereichernd, streitbar, komisch, nachdenklich und facettenreich", so Wengenroth.

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Stellvertretend dafür die Aussage eines Theatertechnikers, der irgendwann im Laufe der zehn Tage zu späterer Stunde im Hoffmannkeller an Kulturamtsleiterin Elke Seidel herantrat und etwas schüchtern fragte: "Das Festival ist aber dieses Jahr schon eher ganz anders, oder?"

Viele haben dieses "ganz anders" sehr genossen, auch wenn nicht alles hundertprozentig gelungen ist. Hoffentlich hat das Rathaus den Mut, das Experiment weiter zu gehen. Nachdem eine Lieblingsformulierung von Patrick Wengenroth bei der Programmvorstellung im Januar "ganz toll" lautete, schlagen wir als gemeinsamen Nenner für das Brechtfestival 2017 ein versöhnliches "ganz anders toll" vor.
(flo)

Fotos aus "Krise ist immer": Christian Menkel

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