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Kultur

Ganz toll? Gerne!

Der neue Leiter des Brechtfestivals hat das diesjährige Programm vorgestellt...

Der neue Leiter des Brechtfestivals, Patrick Wengenroth (ganz links), bei der Programmvorstellung der diesjährigen Ausgabe

Okay, das ein oder andere "ganz toll" hätte sich Patrick Wengenroth ruhig verkneifen dürfen. Nichtsdestoweniger war die Pressekonferenz am Montag zur diesjährigen Ausgabe des Brechtfestivals (03.-12.03.) geradezu erfrischend, nicht nur im Vergleich zu seinem Vorgänger. Der neue Ansatz zeigte sich schon am Ort der Pressekonferenz: Eher gemütlich als förmlich gab Wengenroth im Sensemble Theater einen sehr unterhaltsamen Überblick über das Programm.

Dass der in Hamburg geborene und in Berlin lebende Regisseur und Darsteller von manchen Augsburger Stadträten und Brechtkennern kritisch beäugt wird, kann man sich gut vorstellen, doch zumindest sein Chef steht offensichtlich voll hinter ihm: Kulturreferent Thomas Weitzel (ganz rechts) betonte bei der Begrüßung nicht nur, "wie wichtig so ein Festival" angesichts der Weltlage sei, sondern auch, dass man dessen Wert "nicht nach Quoten und Zuschauerzahlen" beurteilen dürfe.

Wengenroth leitete seine Programmvorstellung mit den Worten ein: "Es tut sich einiges, die Menschen lassen ihre Masken fallen." Ideale Voraussetzungen also für den Vollbluttheatermann, der sogar die Schließung des Großen Hauses als Chance begreift, die seinem Ansatz, Theater "nicht von der Kanzel" zu machen, durchaus entgegenkommen dürfte.

Der zehntägige Veranstaltungsreigen spannt sich über die ganze Stadt, vom Gaswerk ins Parktheater, vom Sensemble bis ins Abraxas mit Abstechern ins Grandhotel, den Provino Club, Brechts Bistro, Brechthaus, Kresslesmühle, Liliom, Jazzclub, Bungalow und natürlich die Brechtbühne. Der Hoffmann-Keller wird vorübergehend zum "Brechtkeller" und zumindest einer Art Festivalzentrale und im Stadttheater wird auch gespielt, wenn auch nur auf der Probebühne.

Das Brechtfestival 2017 startet am 03. März mit der Eigenproduktion "Die Maßnahme" des ebenfalls anwesenden Regisseurs Selcuk Cara, der die Latte in seiner eindrucksvollen Rede gleich mal ganz hoch anlegte: "Wenn ich hier versage, habe ich nicht als Künstler versagt, sondern als Mensch", so Cara. Parallel dazu ist der erste "Stargast" zu sehen: Eva Mattes im Gastspiel "Der gute Mensch von Downtown" des inklusiven Theater RambaZamba Berlin. Das Konzert von Konstantin Wecker im Gaswerk zum Auftakt der Langen Brechtnacht am 04.03. ist bereits ausverkauft, doch Gäste wie u.a. Isolation Berlin, Sarah Lesch, Dakh Daughters aus der Ukraine, Käpt'n Peng und Erobique lassen die "Traditionspreziose Brechtnacht" (Wengenroth) auch ohne "Wecker trifft Brecht" kräftig leuchten.

Der 05.03. widmet sich schwerpunktmäßig dem Thema Feminismus mit Gästen wie der Britin Laurie Penny, der Inszenierung "Gap" aus Hamburg und der Performance "First black woman in space" von Simone Dede Ayivi.

Die zweite Eigenproduktion, "Krise ist immer" von Friederike Heller, feiert Premiere am 08.03., am selben Tag ist die deutsch-dänische Zusammenarbeit des Augsburger Ensembles Bluespots Productions zu sehen. Die Brechtrevue "Die Welt ist schlecht und ich bin Brecht" - inszeniert vom Festivalleiter persönlich, der auch mitspielt ("wahrscheinlich als Brecht, vielleicht auch als Helene Weigel") - steigt am 09. und 11.03. Das internationale Projekt des Sensemble Theaters, "Brot des Volkes", gibt's am 10. und 12.03. Der beliebte Slam "Poetry dead or alive" steigt wieder im Parktheater (07.03.)

Darüber hinaus gibt's einen Brechtkongress, Lesungen, Diskussionen und "Lectures", Gespräche, Schülerwerkstatt und -workshop, Brecht und Kafka, Brecht und Benjamin, Brecht und Chaplin, einen Poesiebrunch sowie Konzerte von Zimt und Ein Quantum Horst.

"Das Brechtfestival muss auch für die Künstler einen Mehrwert haben", so Wengenroth, der gleich ersten Bedenken entgegentrat, sein Programm könnte "zu diskursiv" sein. Andererseits kam eines seiner Lieblingszitate, "Es gibt kein Menschenrecht auf Nichtüberforderung", gleich zweimal zur Anwendung. Das Festival sei dann gelungen, wenn es am Ende hieße: "Anstrengend, aber es hat mir weitergeholfen bei meiner Sicht auf die Welt", so Wengenroth.

Das Festivalprogramm verspricht auf jeden Fall mal wieder spannend zu werden, das ist man nach den zunehmend ermüdenden Vorjahren gar nicht mehr gewohnt. Und wenn es nur halb so unterhaltsam wird wie die Pressekonferenz, dürfte auch das mit den Besucherzahlen kein Problem werden. Die Kartennachfrage ist auf jeden Fall schon mal hoch: brechtfestival.de. (flo)

Foto: Michael Friedrichs

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