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Goethe: eins, Theater Augsburg: null

Die B-Premiere von "Faust" in der Brechtbühne...

Wegen der Schließung des Großen Hauses gab's zwei Premieren von "Faust" in der Brechtbühne - die B-Premiere am Dienstag war aber nicht mal zweitklassig.

Okay, wir müssen leider mal wieder den Spielverderber geben, aber was die AZ als "Faust-Schmaus" bezeichnet, ist in unseren Augen doch eher ein Tankstellengericht der Marke "Heiße Hexe". Sprich: eine nicht mehr ganz frische Idee auf zwei Stunden ausgewalkt, dazu bisschen Lokalkolorit, bisschen Nazis, bisschen Trump und viel Technik. Mal wieder wird mit viel Meta-Theater-Klimbim aus der Mottenkiste ein Klassiker massakriert und die eigene Einfallslosigkeit nur äußerst mühsam kaschiert.

Der Ansatz von Regisseur Christian Weise ist schnell erklärt: "Faust" als "künstlerisches Reenactment", also "Befragung der Gegenwart mittels des Rückgriffs auf historische Ereignisse" (Programmheft). Eine "künstlerische Strategie" (ebenfalls Programmheft), die Monty Phython schon 1969 in einem Zweiminutensketch abgefrühstückt haben.

In Augsburg stehen die Schauspieler vor einer großen Leinwand und mehreren Bildschirmen und agieren parallel und leidlich synchron zu Ausschnitten aus der berühmten Verfilmung von 1960 mit Gustav Gründgens und Will Quadflieg. Dazu kommen eingespielte Interviews mit den beiden Schauspielern, die ebenfalls "reenacted" werden. Das ist beim ersten Mal und genau zehn Minuten lang ganz lustig, dann wird's schnell lächerlich und ist bald nur noch lästig.

Dass die Idee keine zwei Stunden trägt, hätte selbst die "Batley Townswomens' Guild" bemerkt, aber es wird nicht besser: Die Zuschauer freuen sich sichtlich, als Publikumsliebling Klaus Müller (noch ganz der "Oscar") als Frau auftritt und staunen ungläubig über Uraltscherze wie Spielunterbrechungen wegen ausgefallener Computer. Da hilft auch der larmoyante Live-Orgelsound nicht - eine weitere "Idee" aus Großvaters Zeiten.

Der Rest ist Kostümwechsel und Kulissengeschiebe, womit wir auch schon beim einzig bewundernswerten Aspekt der Inszenierung wären: Die geschickt konstruierte Theatermaschine funktioniert nahezu perfekt. Leider nimmt sie den Schauspielern jeden Raum, ihre Fähigkeiten auszuspielen. Wie Alexander Darkow als Faust seinem Text hinterherhetzen muss, ist genau genommen eine Frechheit, die eigentlich so tolle Jessica Higgins bleibt als zugekleisterter Mephistopheles ziemlich blass und Ute Fiedler als "nicht mehr taufrisches Gretchen" (AZ) mit Quallenperücke ist nur noch bemitleidenswert.

Von Goethes "Faust" wird man in zweihundert Jahren noch reden, von dieser Inszenierung spricht nach Aschermittwoch kein Mensch mehr. Ach so, außer dem Kritiker der AZ natürlich. Das Publikum bei der B-Premiere am Dienstag bewies mit seinem mehr als lauen Applaus deutlich mehr Gespür. (flo)

Im Bild oben: Jessica Higgins als Mephistopheles; unten: Ute Fiedler als Gretchen, Gruppe: Marlene Hoffmann, Klaus Müller, Jessica Higgins, Anton Koelbl, Gregor Trakis, Ute Fiedler; Oscar Olivo als "Lustige Figur" (Fotos: Kai Wido Meyer)

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