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Verdun auf der Wippe

Wenn man eine Premiere nach dem anschließenden Diskussionsbedarf im Publikum bewertet, bekommt die Inszenierung von "Oleanna" im Sensemble Theater die volle Punktzahl...

Wenn man eine Theaterpremiere nach der anschließenden Diskussionenfreudigkeit des Publikums bewertet, bekommt das neue Stück im Sensemble die volle Punktzahl - kaum ein Entrinnen gab es am Samstagabend, weder auf dem neuen Nicht-nur-Raucher-Balkon noch im Foyer, in der Bar oder an der Theke.

"Oleanna - ein Machtspiel" wurde bereits 1992 uraufgeführt, trifft aber offensichtlich einen Nerv: Wo beginnt Sexismus, sexuelle Belästigung und wie wird Macht ausgeübt und empfunden in persönlichen Verhältnissen allgemein und hier speziell in der Kombination Studentin-Professor? Wie können im Prinzip harmlose Aussagen, Angebote oder Formulierungen ausgelegt werden, wenn wir ihnen in einem "neutralen" Gesprächsprotokoll wieder begegnen? "Wir können das Verhalten der anderen nur interpretieren durch den Filter, den wir selber schaffen", schreibt Autor David Mamet. Eine verzwickte Lage, deren Unauflösbarkeit die Qualität des Stücks darstellt.

Das beeindruckende Bühnenbild im Sensemble zeigt zunächst einen überdimensionalen Schreibtisch, der schließlich zu einer Mischung aus Wippe und Waage wird, die allerdings eher dem Teufelsrad auf einem Volksfest gleicht. Ein schwieriger Untergrund also, auf dem die beiden Protagonisten nach "dem Vorfall", der im Unklaren bleibt, konsequent aneinander vorbeireden und dabei Zentimeter für Zentimeter um Deutungshoheit ringen, Verdun auf der Wippe quasi. Auf der einen Seite steht die berufliche und gesellschaftliche Existenz des Dozenten auf dem Spiel, auf der anderen kämpft entweder eine engagierte Studentin "im Namen unserer Gruppe" gegen institutionalisierten Sexismus - oder eine Fanatikerin mit schlechten Noten um ihre Karriere. "Together they make a very dangerous combination", schrieb einmal ein US-Literaturprofessor in seiner Interpretation des Stückes. Der deutsche Verlag preist "Oleanna" mit den Worten an: "Ein Stück vom rechten Gebrauch und vom rechten Verständnis der Worte."

Dass genau diese Worte bisweilen im Eifer des Gefechts auf der Bühne untergehen, ist dann auch der einzige Vorwurf, den man der Inszenierung von Gianna Formicone machen kann. Raphaela Beier in ihrem ersten Stück im Sensemble und Florian Fisch leisten Beeindruckendes in dem 90minütigen Wettstreit, der hin und wieder sogar eine humorvolle Sentenz einfließen lässt: "Interessiert Sie das?" – "Nein, ich schreibe mit."

Witzigerweise stellt in den Zuschauerdiskussionen kaum jemand die Frage nach dem Titel des Stücks. Die Protagonisten heißen Carol und John, also keine Oleanna weit und breit. Es ist der Name einer Stadt und eines Songs norwegischer Einwanderer, die in den 1850er Jahren mit ihrer Gesellschaftsutopie in den USA scheiterten. In dem umfangreichen Rahmenprogramm ab 01.11. wird zwar nicht gesungen, aber dem großen Redebedarf reichlich Platz eingeräumt – das Sensemble Theater macht auch hier alles richtig. (flo)

Weitere Termine: 26.10., 01., 02., 08., 09., 15., 16.11.

Foto: Sensemble Theater

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