Wir und der Papst

28.02.2013, gegen 19 Uhr: Wenn man sich der berühmten Schlagzeile der Bild-Zeitung von 2005 anschließt, sind wir noch eine Stunde lang Papst. Auch als keineswegs praktizierender und damit durchschnittlicher Katholik meiner Altersklasse berührt mich das Ende seiner Amtszeit, oder, um es klerikaler zu sagen, seines Pontifikats. Was besser klingt als der weltliche Begriff der Amtszeit, die ja bei Päpsten für gewöhnlich auch das Ende der Lebenszeit ist.

Ich habe mich vor dem Rücktritt Papst Benedikts manchmal gefragt, ob es mich berühren würde, wenn er einmal sterben wird, zu dieser Zeit sah ich das Ende seines Papstdaseins ja noch als gleichbedeutend mit seinem Tod. Ein Gedanke, der bei einem Mensch weit jenseits der achtzig nicht unstatthaft ist, denke ich. Beim Gedanken daran, dass er sterben würde, wurde ich vor allem melancholisch. Warum?

Vielleicht weil Papst Benedikt so sehr dem Bild eines gütigen, etwas weltfremden, durchaus liebenswürdigen Großvaters entsprach. Ein bemerkenswerter Gegensatz übrigens zum Bild des kaltherzigen Panzerkardinals Ratzinger, das vor dessen Wahl zum Papst allgemein gezeichnet wurde. Doch die Erinnerung an einen netten Großvater allein kann das Gefühl der Traurigkeit nicht erklären, gütige Großvaterfiguren gibt es viele und der Gedanke daran, dass sie einmal weg sein werden, macht nicht auf die Art traurig, die ich meine.

Wahrscheinlich liegt der Grund also tiefer verborgen, vielleicht in der eigenen Biografie. Die ist eigentlich nicht besonders katholisch geprägt, würde ich spontan sagen, eigentlich ist sie es aber doch. Wer in den Achtzigern und Neunzigern am Rande einer normalen bayerischen Vorstadt groß wurde, in einem normalen, nicht großbürgerlichen, nicht proletarischen Milieu, katholischen Milieu, der ist irgendwie immer katholisch geprägt.

Die Kirche, die Pfarrer, der Gottesdienst, das waren (und vielleicht sind sie es in manchen Milieus heute noch) Institutionen, die nicht grundsätzlich hinterfragt wurden. Wir sind und bleiben immer auch Kinder des Milieus, in dem wir aufwachsen.

Natürlich wurde auch über Pfarrer getratscht, etwa wenn das Auto der Haushälterin auch einmal über Nacht vor dem Pfarrheim gestanden haben muss, was aufgeweckte Geister am jungfräulich-reifenspurlosen Schnee in der Garageneinfahrt ablesen und verbreiten konnten. Natürlich war man nicht besonders fromm, wenn man vor allem aus sehr, sehr langer Gewohnheit heraus (auch Tradition genannt) und wegen der Nachbarn in den Gottesdienst ging. Dort lachte man nicht, dort kniete man.

Die Pfarrer waren warmherzig oder scheinheilig, aber vor allem waren sie immer Stellvertreter jener strengen Macht namens katholische Kirche. Diese Macht war und ist subtil, man könnte ketzerisch sagen, die Macht der Kirche ist vor allem die Macht der Gewohnheit. Eine selbstverständliche weiche, aber unduldsame Macht, die immer auch losgelöst von ihrem örtlichen Personal war, im Guten wie im Schlechten.

Da gab es den eigensinnig unbeugsamen Salesianer-Pater aus Polen, dessen Predigten man wegen seines starken Akzents so schwer verstand und der einmal vor Wut zitternd einen älteren Ministranten als Schwein beschimpfte, weil der einen jüngeren Ministranten (mich) gedemütigt hatte. Später wurde der Pater dann in die Tiefen des Bayerischen Walds versetzt, weil er für viele wohl doch zu eigensinnig war. Dann gab es den Pfarrer mit dem billigen Toupet, der im Religionsunterricht gerne Kopfnüsse verteilte (das war noch in den Neunziger Jahren und meines Wissens musste er sich dafür niemals entschuldigen) mit dem Abzeichen des Jägerverbands am Revers, der die kreativen Berufswünsche eines Mitschülers mit einem „Unsinn, wird’ doch Müllmann, du großer Kerl, da kannst du dir einen Mercedes leisten“ zu beenden versuchte. Die Kirche gab immer Nahrung für Hass und Nahrung für Liebe.

Beide Pfarrer gehörten zu dieser seltsamen Einrichtung namens Kirche und damit zur eigenen Geschichte, zur eigenen Identität. Zu dieser gehört somit auch der gütige sture Mann mit den müden Augen, der in diesem Moment schon nicht mehr Papst ist; wie wir.

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