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Kultur

Zwei Tage Love, Peace & Happiness

Das Singoldsand-Festival am 26. und 27.08. in Schwabmünchen – eine Erfolgsstory

Der ikonische Satz von Tocotronic, »Das haben sich die Jugendlichen selbst aufgebaut«, wird meistens eher abfällig gebraucht. Beim Festival »Singoldsand« in Schwabmünchen trifft er den Nagel auf den Kopf und vom Ergebnis wären sicher auch Dirk von Lowtzow und Kollegen begeistert. Innerhalb von fünf Jahren ist aus einem eintägigen Fest für die Jugend der 15.000-Einwohnerstadt ein zweitägiges Open Air für knapp 8000 Besucher geworden, das Fans aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz anzieht – das aber von der Struktur her gleich geblieben ist: Noch immer hat die Jugend das Heft in der Hand, noch immer wird der Löwenanteil an Arbeit ehrenamtlich geleistet und noch immer fließen die Erträge direkt in die Jugendarbeit zurück. Wie das geht, erklärten uns zwei der Organisatoren, Patrick Jung (27) und Sebastian Baiter (25), in einem ausführlichen Gespräch.

Landluft macht erfinderisch

Erste Erfahrungen hat die Kerncrew des Singoldsand bereits bei den bis 2009 laufenden »Landluft«-Open Airs sowie im Jugendzentrum Schwabmünchen gesammelt. Dann entstand die Idee, für ein richtig großes Festival alle Kräfte zu bündeln. Als Dachorganisation fungierte damals wie heute der Jugendbeirat der Stadt, ein zehnköpfiges Gremium, das von den 14- bis 24-Jährigen gewählt wird und innerhalb einer Wahlperiode von drei Jahren nicht nur die Politik berät, sondern auch ein eigenes Budget verwaltet. »Der Jugendbeirat bildet den Rahmen, der von den Vereinen mit Leben gefüllt wird«, erklärt Patrick das Konzept. »Wir wollten damit die Jugend der Stadt einen.«
Das Projekt wurde von Anfang an ein Erfolg. Geplant für 800 Besucher, zog schon die erste, eintägige Ausgabe im Jahr 2011 fast die doppelte Zahl Gäste an, beim zweiten Mal waren es 2000 an zwei Tagen, dann 2500. Im vergangenen Jahr durchbrach das Singoldsand mit 3000 Besuchern und Bands wie Bilderbuch und Fiva eine weitere Schallmauer – und das war weit über die Landkreisgrenzen hinaus zu hören. Für das diesjährige Festival am 26. und 27. August wird das Gelände noch einmal auf 3800 Besucher pro Tag erweitert. »Das geht nur, weil wir so eine große Akzeptanz in der Bevölkerung haben«, sagt Patrick.

Und eine sehr tolerante Bevölkerung muss das sein. Besucher aus der Fuggerstadt, darunter der Autor, staunten nicht schlecht letztes Jahr angesichts der für Augsburg unvorstellbaren Veranstaltungszeit mit Livemusik bis zwei Uhr nachts – und das mitten in Schwabmünchen auf dem Eisplatz, einer Art Stadtpark! Mindestens genauso erstaunlich sind die Eintrittspreise: Im vergangenen Jahr zahlten Besucher an der Abendkasse 20 Euro fürs Zweitagesticket, 2016 sind es 23 Euro, mit Camping 35 Euro.
»Wir sind gesund gewachsen«, so Patrick, der seit 2014 mit einem Kollegen aus dem Festivalteam selbst im Stadtrat sitzt. Die Kernmannschaft besteht aktuell aus etwa 30 Personen, die sich in sieben Fachbereichen ein Dreivierteljahr lang neben Ausbildung oder Beruf um das Singoldsand kümmern. Ab der Aufbauwoche sind schließlich rund 450 (!) Ehrenamtliche im Einsatz. Die Getränke- und Essensstände werden unter den ortsansässigen Vereinen ausgeschrieben, die mit dem Gewinn wiederum die eigene Jugendarbeit fördern. »Wir legen großen Wert auf Transparenz«, sagt Sebastian. So wurde nach dem Festival 2015 in der Lokalpresse ausführlich beschrieben, wie die Vereine mit dem Geld verfahren. »Wenn dann die Volleyballer ins Trainingslager gehen, neue Spielgeräte oder Trikots kaufen können, ist die Unterstützung natürlich groß.«
Trinken und Feiern für den guten Zweck, das versteht auch der böseste Nachbar: Die Lärmbeschwerden halten sich laut den beiden Organisatoren in engen Grenzen, außerdem sei das Singoldsand bisher immer sehr friedlich verlaufen.

Das Open Air bezahlbar zu halten, ist auch ein Wunsch von offizieller Seite. »Es ist nach wie vor ein Projekt der Stadt, die ganze Abrechnung läuft zum Beispiel übers Rathaus, was eine große Hilfe ist«, erklärt Patrick. Das Festival bewegt vom Gesamtvolumen mittlerweile eine sechsstellige Summe und hat doch seinen familiären Charakter nicht verloren. »Viele Helfer nehmen sich Urlaub, Weggezogene kommen extra wieder zurück für die Zeit«, berichtet Sebastian, der die Bindungskraft des Events weit über die heiße Phase hinaus betont. »Der Zusammenhalt ist fantastisch und wenn in einer Stadt solche Projekte verwirklicht werden können, hat das eine große Wirkung nach innen.« Auch für ihn selbst kommt trotz des Studiums in Augsburg kein Umzug in Frage, dasselbe gilt für Patrick, der gerade eine Ausbildung im Liveclub Kantine im Kulturpark West absolviert.
Die Verbindungen nach Augsburg sind sowieso zahlreich, auch zum Modular, das von seiner Organisationsstruktur mit den freiwilligen »Volunteers« und der preislichen Gestaltung einige Parallelen zum Singoldsand aufweist. In Schwabmünchen geht es freilich noch etwas familiärer zu, die Helfer übernachten zum Teil in der »Geyerburg«, dem ältesten Gebäude der Stadt, das während der Veranstaltung als Backstageraum, Küche, Lager etc. fungiert.

Es gibt viel zu sehen - nicht unbedingt zu fotografieren

Die Singoldsand-Mannschaft hat neben ihrem bewundernswerten Einsatz und Organisationstalent eine klare Vorstellung von ihrem Festival. »Klar schauen wir drauf, dass die Stände möglichst einfallsreich dekoriert und keine überteuerten Preise verlangt werden«, so Patrick. Auf der Homepage findet sich u.a. der höflich formulierte Hinweis, das Fest nicht hauptsächlich durchs Smartphone zu betrachten. »Wir haben selbst so viele Kamerateams im Einsatz, da ist Fotografieren gar nicht nötig«, meint Sebastian. »Das ist auch eine Art ’Erziehungsauftrag’, die Leute sollen das Fest genießen und zwei Tage komplett in diese Welt eintauchen.«
Um das möglich zu machen, wird großer Wert auf die Platzgestaltung gelegt. Mit der Erweiterung des Geländes um die Geyerburg herum und einer Verlegung der Hauptbühne sollen die Soundprobleme ebenso verschwinden wie die Engstellen, die vergangenes Jahr kurzzeitige Sperrungen notwendig machten. Aber keine Angst: Auch 2016 wird es erlaubt sein, vor der kleinen Bühne im Wasser der Singold zu tanzen. Die Entschlammung des Bachs war übrigens auch ein Anliegen der Festivalmacher, von dem die ganze Stadt profitiert.

Damit später kräftig getanzt wird, muss vorher aber erst mal vernünftig gebucht werden. Auch bei den Bands macht sich die »Miniideologie«, wie es Patrick und Sebastian nennen, bemerkbar. »Bei uns kann jeder seine Wunschbands vorschlagen, dann versuchen wir aber schon, nicht nur nach Namen zu buchen, sondern auch das Programm insgesamt interessant zu machen«, erklärt Patrick. Auf dem Singoldsand kann man noch Entdeckungen machen: »Künstler, die vielleicht noch nicht so bekannt sind, aber zum Festival passen und eine gewisse Abwechslung bieten«, wie Sebastian sagt.
In diesem Jahr glänzt der Freitag mit den Highlights Antilopen Gang, Isolation Berlin und Kid Simius, aus Augsburg kommen King The Fu dazu. Der Samstag bietet mit Bonaparte eine internationale Band, die zuletzt beim Brechtfestival für Begeisterung sorgte. Dazu gesellt sich u.a. Ex-Anajo-Frontmann Oli Gottwald.
Wie es Booker Patrick und seinen Mitstreitern Jahr für Jahr gelingt, so Hochkaräter wie Bilderbuch zu holen, bleibt ihr Geheimnis, sicher aber ist, dass sich das Singoldsand bereits einen Namen gemacht hat. »Wir sind ein Hotspot im Süden, das hat sich schon rumgesprochen«, sagt Patrick selbstbewusst. Und an Einfallsreichtum sind die Schwabmünchner sowieso kaum zu überbieten. Das beweist auch die Aktion Tickettausch: Als das Southside-Festival wegen Gewitter abgebrochen werden musste, konnten Kartenbesitzer aus der Region ihr Ticket gegen eines fürs Singoldsand eintauschen, was für einen (weiteren) kleinen Run sorgte. Es ist also auch bei der diesjährigen Ausgabe zu empfehlen, den Vorverkauf zu nutzen.
Spannend wird es bei der Zukunft des Open Airs. Insgeheim träumen die Macher von einem »richtigen« Festival, irgendwo auf dem Land mit mehr Besuchern und weniger Einschränkungen. Andererseits bietet die Anbindung an die Stadt zahlreiche Erleichterungen und eine große Unterstützung, auch von politischer Seite.
In welcher Form auch immer: »Das Singoldsand geht auf jeden Fall weiter«, betonen Patrick und Sebastian voller Überzeugung. Und es würde sicher niemanden verwundern, wenn tatsächlich mal Tocotronic in Schwabmünchen auf dem Eisplatz aufschlagen. (flo)

Line-up 2016:
Freitag, 26.08., ab 17.00 Uhr: Sleeping Tree, The Shady Greys, King The Fu, Isolation Berlin, Vimes, Antilopen Gang, Ex-Champion, Kid Simius, Automatic Music (DJs)
Samstag, 27.08., ab 15.30 Uhr: Stacia, Van Holzen, Das Ding ausm Sumpf, Oliver Gottwald, Darjeeling, Graham Candy, Iguana, Bonaparte, Loisach Marci, Pullup Orchestra, Golf, Yamanu & Samoa (DJs)
Tickets: singoldsand-festival.de

Foto: Christian Kruppe

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