Magazin

Kunst

Spätzle und die Liebesschlösser

Unsere Kunstkoryphäe Prof. Dr. Spätzle über Augsburgs jüngsten Import in Sachen Brauchtum...

Augsburgs 1000 Meisterwerke
Geistreiche Blicke auf eine verkannte Stadt
von Prof. Dr. Spätzle

Neulich spazierte ich, versonnen und doch nachdenklich, durch die Stadt. Es war kalt, aber nicht mehr so kalt, wie es schon war, nur der Wind ließ mich mehr frösteln als am Tag davor, die Sonne schien unverändert fröhlich oder auch gleichgültig auf mich herab. Ich vergrub die Hände in meinem Mantel und ging über eine Brücke, schaute auf den Fluss herab, blieb stehen und sah am Brückengeländer dutzende Schlösser hängen, manche mit Herzen drauf, andere mit den Initialien der Liebenden.

Da hängen sie also, die Liebesschlösser, dachte ich mir und seufzte. Ja, lieber Leser, ich seufzte und ich weiß, dass nicht wenige das jetzt als eine Einleitung in Richtung Kitsch deuten. Das ist nicht ganz falsch. Was ist denn überhaupt Kitsch? Es ist der Versuch, die Romantik in etwas Handgreifliches zu verwandeln, etwas, was der oft unromantischen Realität widersteht, sozusagen über ihr schwebt. Ein schönes Beispiel dafür sind die Liebesschlösser. Was treibt die Liebenden dazu, diesen eigenartigen Ausdruck ihrer Zuneigung an Brücken anzubringen? Und wieso an Brücken? Wieso nicht an Treppengeländern, oder Gullydeckeln? Ich glaube, es ist die Sehnsucht nach der ewigen Liebe, so lange wir leben.

Das ist freilich ein Wunsch, der bei den meisten Paaren nicht in Erfüllung gehen wird, aber ist der Wunsch deswegen lächerlich? Nein, er ist menschlich, allzumenschlich. Wir wollen, dass die Liebe nicht vergeht, wir wollen sie mit Schwüren, mit Symbolen festhalten, wir wollen sie verewigen. Ein Schloss ist dafür ja nicht das dümmste Symbol und dass es meist Brücken sind, an denen die Liebesschlösser befestigt sind – nun, das ist der Fluss des Lebens, die Vergänglichkeit in Reinform, darüber erhebt sich die Brücke als Menschenwerk, das die Vergänglichkeit überwindet. An sie schließen wir kleinen, liebenden, verlorenen Menschen uns an und wir hoffen, aus tiefster Seele, dass unsere Liebe mindestens so lange währt, wie unsere Schlösser. Ich wünsche es mir auch.

Weitere Kunst
Bild
wenn räume
Kunst
Aktuelle Ausstellung in der Galerie Noah: 22. Mai bis 19. Juli 2026
Bild
contemporary
Kunst
Barbara Herold und Florian Huth zeigen "Organic Feeling Terrain"
Bild
Schöne Felder Villa ON- von Bernhard McQueen.jpg
Kunst
Ein Raum für Kunst, Austausch und kreative Zusammenarbeit in 70 Räumen
Tagestipps
Bild
kleiner-goldener-saal-01-zoom.jpg
SONNTAG
14
T A G
E S T
I P P
Mi. 17.06.
Do. 18.06.
Konzert
Brunnenhof im Zeughaus
Fr. 19.06.
Konzert
Brunnenhof im Zeughaus
Fr. 19.06.
Klassik
Rokokosaal der Regierung von Schwaben