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Die 100 Sekunden Story

Die Regel: Hundert Sekunden Zeit für eine Geschichte. Diese hundert Sekunden aus dem wirklichen Leben müssen reichen. Auf der Facebookseite „Die 100 Sekunden Story“ könnt ihr vorschlagen, wo die nächste Geschichte stattfinden soll. Diesmal: im Kino.

Augsburg, 18.05.2013, 23:28 Uhr, in einem Kino in der Innenstadt, kurz vor Filmstart.

Das schöne Mädchen vor mir schnäuzt sich die Nase. Die Kartenabreißerstimme vorne will das Schnäuzmädchen und ihren Begleiter nicht in den Film lassen. Die Schlange staut sich, das Popcorn wartet. Der Kartenabreißer ist renitent, man ahnt, wieso. Schönes naseschnäuzendes Mädchen in nicht dezenter Duftwolke mit Typen, will ins Kino, FSK 18. Sie ist zu hübsch für die Unglücklichkeit seiner Kartenabreißerstimme, deswegen die kleine Rache, der Zweifel an ihrem Alter.

Seh ich denn aus, als wär ich unter 18?

Will das Schnäuzmädchen kokett wissen. Im Grunde ein Kompliment, irgendwie aber auch nicht. Bekannte Zwickmühle. Dabei schaut der rothaarige Kartenabreißer in den Ausschnitt vom Schnäuzmädchen, stumm daneben steht ihr Freund. Hinten in der Schlange wartet ein dürrer Endvierziger und sagt traurig zu seiner Begleiterin:

Der Mann war glasse, kennt au in der zwoidn Bundesliga spielen. Dann, Freundschaftsspiel. Auf Kunschtrasen! Dr andere schlägt a Flanke, Ball is scho weg, aber der zieht nadirlich trotzdem voll aufn Fuaß von unserm beschten Mann. Der fällt aus. Meisterschaft im Arsch!

Der widerspenstige Kartenabreißer bleibt standhaft, will den Ausweis vom Nasenschnäuzmädchen sehen. Der Freund beobachtet die Szene fasziniert wie ein Kind, das im Fernsehen einen Horrorfilm sieht. Natürlich hat sie keinen Ausweis dabei. Der rothaarige Kartenabreißer lächelt hämisch wie die allermeisten Rothaarigen, kein Wunder, dass man sie früher verfolgt hat.

Was isch jetzt da vorn los!?

Will der traurige Endvierziger wissen und ruft es in die Runde, wie ein Kommando auf dem Fußballplatz.

Ich brau-che ei-nen Aus-weis! Jammert der Kartenabreißer publikumswirksam in die Runde.
Seh ich echt aus, als wär ich keine acht-zehn Ja-hre ? Wiederholt das Nasenschnäuzmädchen ungläubig.

Während wir wegen eines verschnäuzten Mädchens unbestimmten Alters mit großen Brüsten oder wegen eines rothaarigen Kartenabreißers dumm rumstehen, verpassen wir die ganze Werbung in Kinosaal 3, und das Popcorn sowieso. Salzig, süß, oder süß-salzig? Angeblich mögen Ausländer es lieber salzig, Deutsche lieber süß. Ist das ein rassistisches Vorurteil? Kann natürlich auch andersrum sein, oder durcheinander, oder überhaupt nicht feststellbar.

Lassens doch uns vor und klärens des mit dem Mädle danach!

Schlägt der traurige, aber gewitzte Endvierziger versöhnlich vor. Alle schauen jetzt auf und halten inne. Der Vorschlag hat ja auch Hand und Fuß, soll der Rothaarige sich doch mit dem Nasenschnäuzmädchen herumschlagen, gerne auch mit dem stummen Freund. Das Schnäuzmädchen aber riecht den Braten. Wissend, dass die Ungeduld der drängenden Schlange (Schlange ist etwas übertrieben, es sind: Schnäuzmädchen, stummer Freund, Erzähler der Geschichte, trauriger Fußballmann, Begleiterin des traurigen Fußballmannes) ein Vorteil für sie ist.

Hey, im Ernst, seh ich jetzt echt wie eine unter achtzehn aus?

Will das Schnäuzmädchen ultimativ wissen und klingt dabei schon etwas irritiert und an der Grenze zur Hysterie. Wahrscheinlich ist ihr der Film gar nicht mehr wichtig. Sollen die sich ruhig niedermetzeln und vögeln, also im Film. Es geht ihr jetzt sicher nur noch darum, ob sie echt wie eine unter achtzehn aussieht, oder ob sie nicht doch, wie man gleich erkennen müsste, wie eine über achtzehn aussieht. Das Ganze könnte zu einer Art griechischen Tragödie oder Göttersage werden, ähnlich wie bei Sisyphus.

Das Nasenschnäuzmädchen wird auf Ewigkeit vor dem ungnädigen rothaarigen Kartenabreißer stehen. Er wird immer wieder lustvoll nach ihrem Ausweis fragen. Sie wird immer wieder die verzweifelte, die wehklagende, die kreischende Frage stellen:

Sehe ich denn aus, als wäre ich unter achtzeeeeeeehhn?

Und immer wird der rothaarige Sadist ungnädig zurückfragen:

Nasen-schnäuz-mäd-chen, wo ist dein Aus-weis?!

Und so würde es immer weitergehen, das Schnäuzmädchen würde langsam altern, und mit ihr der Kartenabreißer. Beide würden sie allmählich ergrauen, aber standhaft bleiben. Das rote Haar des Kartenabreißers würde immer mehr an Leuchtkraft verlieren, er würde Falten bekommen, einen Buckel, die Stimme würde nach der Art alter Männer krächzig werden. Dem Nasenschnäuzmädchen würde es nicht besser gehen. Ihre Brüste würden welken, ihr Haar ergrauen, ihr Gesicht faltig, ihre Stimme brüchig werden. Und das alles wegen so was. Aber irgendwann hätten die sadistischen Obergötter ein Einsehen und würden den dummen-stummen Freund des Nasenschnäuzmädchens mit ihren obergöttlichen Fingern anstupsen und ihm würde ein Lichtlein aufgehen und er würde sagen:

Äh, haha, deinen Ausweis habe ja ich!

Und in dem Moment würde das Antlitz des Freundes so hell strahlen, dass alle geblendet wären und er würde in seine Tasche greifen, den Nasenschnäuzmädchenausweis hervorholen, ihn dem greisen Kartenabreißer in die arthritischen Hände legen, dieser würde schauen, sehen, erkennen, lächeln und sanft sagen:

Der ist ja längst abgelaufen.

(me)

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