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DIY am Beckenrand oder ein Versuch der bleiben soll
Ein Freibadkiosk ist normalerweise ein Ort für Pommes, Capri-Sonne und Sonnencreme. Ein Ort, an dem Kinder mit nassen Füßen Schlange stehen und Eltern Kleingeld zählen. Im Freibad Lechhausen soll er gleichzeitig Bühne, Treffpunkt, Nachbarschaftszentrum und Kulturort sein. Zu Besuch bei Georg Heber und Crew.
Von Tanja Moosrainer
Georg Heber und Jucilene Santos Costa sitzen im Schatten hinter dem Kiosk, irgendwo zwischen Werkzeug, Getränkekisten und halbfertigen Aufbauarbeiten. Immer wieder kommt Julien Kneuse le Ray vorbei, der Holzlatten durch die Gegend trägt. „Wir sind wirklich eine bunt gemischte Crew aus Freund:innen, Kulturleuten und Quereinsteiger:innen“, sagt er.
Etwa 20 Menschen gehören zum erweiterten Kreis hinter dem Kiosk. Keine klassische Gastro-Crew, kein Festival-Kollektiv, kein Verein im herkömmlichen Sinn. Eher ein loses Netzwerk aus Leuten, das Konzerte organisiert, Räume bespielt oder sich irgendwo zwischen Kunst, Kultur und DIY bewegt. Viele davon sind seit Jahren in der Kulturszene aktiv.
Wie aus einem Leerstand ein Treffpunkt wurde
Die Idee für den Kiosk ist nicht neu. Schon Jahre zuvor gab es ein Konzept, sogar Überlegungen für eine kollektive Organisationsform. Nach Jahren des Leerstands öffnete der Kiosk im Sommer 2025 erstmals wieder – von Anfang Juni bis Ende August, zeitgleich mit dem städtischen Freibad Lechhausen, das direkt nebenan liegt.
Seitdem versucht die Crew hier etwas aufzubauen, das sich bewusst nicht wie ein klassischer Kulturort anfühlen soll. „Uns hat interessiert, was passiert, wenn Kultur an einen Ort kommt, an dem sowieso schon viele verschiedene Menschen zusammenkommen“, sagt Heber. Der Ausgangspunkt: „Nicht zuerst einen Kulturort schaffen und anschließend nach Publikum suchen, sondern andersherum – dabei jedoch stets mit der nötigen Sensibilität und dem Bewusstsein, dass im Freibad bereits eine lebendige Community besteht, die wir wahrnehmen und wertschätzen.“
Das Freibad Lechhausen eignet sich dafür erstaunlich gut. Der Eintritt ist frei. Junge Familien kommen her, ältere Stammgäste ziehen ihre Bahnen, Jugendliche hängen am Beckenrand, Kinder essen Wassereis, Frauen im Burkini sitzen neben pensionierten Lechhauser Dauerschwimmern.
Zwischen Stadtbiotop und Nachkriegsmoderne
Zwischen Berliner Allee, Proviantbach, Wohnblocks und Straßen wirkt das Bad fast wie ein Zufallsbiotop. Überall Grün, Vögel, alte Bäume. „Hier laufen Igel rum“, sagt Heber und schaut kurz Richtung Wiese. Von der Seite hört uns ein Rotkehlchen zu.
Dazu kommt die Architektur. Das Bad wurde 1952 gebaut, entworfen vom damaligen Nachkriegsstadtbaurat Walther Schmidt. Vieles davon ist bis heute nahezu unverändert erhalten. Heber interessiert sich seit Jahren für Nachkriegsarchitektur und brutalistische Orte in Augsburg – also genau für jene Gebäude, die selten Postkartenmotive werden und oft erst dann Wertschätzung erfahren, wenn sie kurz vor dem Abriss stehen. „Mich interessieren nicht nur die ganz alten Gebäude“, sagt er. „Sondern auch die jüngeren, die oft nicht geschützt werden.“
Handwerk und Improvisation statt Businessplan
Im vergangenen Sommer lief der Kiosk zum ersten Mal wirklich über eine ganze Saison. Viel improvisiert, viel selbst gebaut, vieles gleichzeitig. „Wir kommen halt aus dieser DIY-Kultur“, sagt Heber. „Wir machen viel selber, mit Freund:innen, Künstler:innen und Handwerker:innen.“
Der Sommer sei schwierig gewesen, vor allem der verregnete und kalte Juli. Viele Tage hätten sich kaum kalkulieren lassen. Veranstaltungen halfen dabei, das Projekt überhaupt zu tragen. „Juci und ich waren letztes Jahr komplett unbezahlt hier“, sagt Heber. Ob das langfristig wirtschaftlich funktioniert, könne derzeit niemand sicher sagen. Ein gewisses Risiko bleibt.
Wo Menschen zusammenkommen
Das alltägliche Miteinander ist der eigentliche Kern des Projekts. Juci erzählt von älteren Besucherinnen, die seit Jahrzehnten hier schwimmen. Von Menschen, die ihr Geschichten über die Eröffnung des Bades erzählten. Von Jugendlichen, die erst skeptisch waren und dann doch blieben. Und von einem kleinen Jungen, der beim Eis klauen erwischt wurde. „Die großen Brüder meinten erst: Ist doch egal“, erzählt Juci. „Und wir haben gesagt: Leute, wir versuchen hier gerade echt einen coolen Ort für alle zu machen.“ Am Ende wurde das Eis bezahlt. Kein großes Drama, keine Polizei, kein Rauswurf. „Ich glaube, das Menschliche ist das Entscheidende“, sagt sie.
Ein Ort ohne ideologische Schubladen
„Wir versuchen uns eigentlich komplett aus diesen Identitätsdebatten rauszuhalten, das ist zurzeit alles so überdreht“, findet Heber. „Wir wollen einfach ein Ort für alle sein.“ Das bedeutet nicht, unpolitisch zu sein. Aber eher im praktischen Sinn. Neben Eis und Fritten gibt es auch vegane oder glutenfreie Optionen und halal Würstchen. Die Preise werden möglichst so kalkuliert, dass auch hier keiner zu kurz kommt und jeder individuell Zugang findet. Auch die Programmgestaltung spiegelt die Haltung des Kiosks wider.
Heber spricht viel über öffentliche Orte. Über Freibäder, Supermärkte oder Plätze, an denen Menschen sich zufällig begegnen. „Ich glaube, solche Orte werden immer wichtiger“, sagt er. „Orte, an denen unterschiedliche Menschen einfach gleichzeitig existieren können.“ Während viele klassische Kulturorte um Publikum, Förderung und steigende Kosten kämpfen, versucht der Kiosk einen anderen Weg: niedrigschwellig, offen und mitten im Alltag.
Ein Versuch, der bleiben soll
„Ich glaube total daran, dass sich hier etwas entwickeln wird“, sagt Heber. Vielleicht ist das Freibad Lechhausen deshalb gerade einer der interessantesten Kulturorte der Stadt – gerade, weil es sich gar nicht wie einer anfühlt.
Zwischen Pommesfritteuse, Vogelgezwitscher und Freibadbecken entsteht hier vielleicht genau die Art von Ort, die Städten oft fehlt: ein Ort, an dem Menschen einfach zusammenkommen, ohne vorher entscheiden zu müssen, ob sie überhaupt zueinander passen. (tm)
Über das Programm:
Die Freilichtbühne im Freibad Lechhausen zeigt ein Open-Air-Programm zwischen Konzert, Club und Live-Performance. Das Programm reicht von regionalen Bands bis zu internationalen Projekten aus Jazz, Folk, Noise, elektronischer und traditioneller Musik. Im August bündelt das Blechhausen-Festival verschiedene Blasmusik-, Crossover- und Ensembleformate sowie internationale Gäste.
Freibad Lechhausen:
Täglich vom 1. Juni bis 31. August, 12:00 –19:00 Uhr
Kiosk:
Täglich vom 1. Juni bis 31. August (montags Ruhetag), 12:00 – mindestens 19:00 Uhr. Bei Veranstaltungen länger geöffnet.
Die Crew: Susi, Sandra, Nazli, Lena, Julien, Martha, Franzi, Farhad, Filippo, Hasib, Michi, Sia, Varun, André, Ivo, Steffi, Jo, Haggi, Hanna, Elena, Manne, Roland, Mike, Sandro, GT, Farouk, Marijam, Deniz, Fikri, Almut, Wolfi, Laura, Cheikh, Nici, Micha, Marta, Paul, Monique, Patrick, Lili, Chris, Johannes, Zihanath.






