Die schwul-lesbische Revolution

Ein Blick in die Vergangenheit mit Karin Kaiser von WoManAct Augsburg

Karin Kaiser kann man ohne Übertreibung als Augsburger Pionierin der schwul-lesbischen Szene bezeichnen. Mit ihrer Veranstaltungsagentur „WoManAct” veranstaltete sie 1996 die erste „Gays, Lesbians & Friends Party und 1997 den ersten CSD in Augsburg. Was heute der Normalzustand ist, war damals ein revolutionäres Ereignis.

Karin, wo fangen wir denn bei dir an? Tief in den Neunzigern?
Ja, ganz tief.

Wie war es Anfang der Neunziger in Augsburg um die schwul-lesbische Szene bestellt?
Damals sind wir fast ausschließlich in München ausgegangen. Einerseits kannte einen dort niemand, andererseits gab es in Augsburg kaum Alternativen. Es gab die “Alte Münz” in der Altstadt, die war nicht so lesbenfreundlich und sehr schwul geprägt und das war´s dann eigentlich schon. Homosexualität existierte in dieser Zeit nicht im öffentlichen Raum, alles fand im stillen Kämmerlein statt, es gab dafür einfach keine Plattform. Für ein Outing war die Zeit damals eben noch nicht reif.

Wie habt ihr euren Verein WoManAct gegründet?
Ich saß mit meiner damaligen Freundin in einem Biergarten und dort kam uns die Idee, etwas auf die Beine zu stellen. Die ersten zarten Gehversuche waren ein Frauentanzabend im Frauenzentrum am Mauerberg und später in einer Gaststätte in Pfersee. Irgendwann habe ich den Vorsitzenden von der Augsburger Bubenkiste kontaktet und ihn mit der Idee konfrontiert, eine schwul-lesbische Party auf die Beine zu stellen. So kamen wir zusammen und es dauerte nicht lange, bis wir WoManAct auf die Beine gestellt haben. Aber es war alles ziemlich kompliziert und auch mit Angst verbunden.

Mit Angst?
Ja, denn einerseits war es wichtig, uns sichtbar zu machen, anderseits war uns aber klar, dass wir uns dadurch auch öffentlich machten. Aber wir waren so entschlossen, dass wir nach einer geeigneten Location suchten. Anfangs gab es nur Absagen, keiner wollte uns seine Räume für eine Party zur Verfügung stellen. Uns kam dann die Idee, im Kerosin anzufragen und das erwies sich als Glücksgriff. Dort war man sofort begeistert von unserer Idee und das war der Startschuss für alles, was dann noch folgen sollte.

Könnt ihr euch noch an die erste Party erinnern?
Die war am 31.10.1996 zu Halloween. Wir hatten ziemlich Bammel vor dem ersten Abend, weil wir überhaupt keine Ahnung hatten, wie es laufen würde.

War das die erste schwul-lesbische Party in Augsburg?
Nein, ein Jahr zuvor gab es eine Veranstaltung in der Kresslesmühle, das lief aber damals noch unter einem anderen Namen. Bei der ersten Party im Kerosin haben wir Flyer gedruckt und verteilt und sind also absolut in die Vollen gegangen. Es gab ja keine sozialen Medien wie heute, man musste damals also echte Überzeugungsarbeit leisten, vieles lief durch Mundpropaganda. Schwule und Lesben hatten damals Angst, in Augsburg auszugehen und womöglich erkannt zu werden. Aber irgendwann musste der Startschuss fallen.

"DIE GAYS-, LESBIANS & FRIENDS-PARTY WAR EIN STATEMENT“

Euer Motto war klar und deutlich. Also keine „Rainbow-Night” sondern eine „Gays, Lesbians & Friends-Party”
Genau, das war ein klares Statement und es war revolutionär, das gab es bis dahin überhaupt nicht. Ich glaube, das kann sich heute gar kein Mensch mehr vorstellen. Homosexualität galt damals bei vielen Menschen noch als etwas Perverses.

Die erste Veranstaltung schlug ein wie eine Bombe.
Als wir die Türe zum Kerosin um 21.00 Uhr geöffnet hatten, kam uns eine Menschenlawine entgegen, wir waren total baff, alle unsere Erwartungen wurden übertroffen. Es war ein wunderbares Gefühl, mit Gleichgesinnten ausgelassen feiern zu können. In anderen Städten gab es schließlich immer wieder mal Übergriffe auf Homosexuelle. Wir waren anschließend etwas zögerlich, wie es weitergehen sollte. Aber das Kerosin hat uns dazu ermutigt, eine regelmäßige Veranstaltung daraus zu etablieren, was wir dann auch erfolgreich und für viele Jahre geschafft haben.

Wie war denn das Verhältnis Schwule, Lesben, Heteros auf den Partys?
Anfangs waren es so um die 60 Prozent Männer, 40 Prozent Frauen und davon etwa 10 Prozent Heteros, was sich im Laufe der Jahre aber ziemlich gewandelt hat. Gerade bei Heterofrauen waren unsere Partys ziemlich beliebt, weil sie dort feiern und tanzen konnten, ohne von irgendwelchen Typen blöd angemacht zu werden.

Eure Partys waren für die schwul-lesbische Community die Kontaktbörse schlechthin.
Absolut, heute datet man ja über irgendwelche Onlineportale, aber damals musste man eben ausgehen, um jemanden kennenzulernen. Daraus sind im Laufe der Jahre auch viele Lebenspartnerschaften und Ehen entstanden. Ich habe meine Ehefrau Dominique zwar 1994 kennengelernt, aber ein Paar wurden wir erst im Kerosin.

Ihr habt als Veranstalter einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, im Laufe der Jahre Homophobie abzubauen.
Mit Sicherheit, wir haben Sichtbarkeit in die Stadt gebracht, unsere Partys waren nicht nur ein Tralala, bei uns haben sich Lesben und Schwule emanzipiert und auch den Mut aufgebracht, sich zu outen.

Mit Proud Events kam dann später ein weiterer Veranstalter auf das rosarote Parkett.
Nachdem beide Veranstaltungen im Kerosin stattfanden, gab es für mich nur eine Lösung: Zusammenarbeit statt Konkurrenzgebaren. Letztendlich ging es um die Sache und nicht um irgendwelche Egos und schließlich hat das jahrelang auch sehr gut funktioniert. 1998 und 1999 haben WoManAct und Proud Events zusammen die „Come Together-Partys” im Stadttheater organisiert, die ebenfalls durch die Decke gegangen sind. Wir haben sogar das Theater von außen in Regenbogenfarben beleuchtet, der damalige Intendant Peters war so angetan, dass er diese Idee auch Jahre danach noch übernommen hat.

Und ihr habt auch den ersten CSD in Augsburg veranstaltet.
Das war 1997, eine dreitägige Kombination aus Party und Messe, wir konnten dabei über 1.000 Leute mobilisieren. Es gab sogar einen kleinen Empfang vor dem Rathaus und wir sind mit einer angemieteten Straßenbahn durch die Stadt gefahren, um uns auch bemerkbar zu machen. Schirmherrin war damals Claudia Roth, die uns von Beginn an sehr supportet hat. Wenn wir uns heute beim Rosa Montag auf dem Plärrer sehen, reden wir immer noch über die Anfänge.

Wie hat sich die Community in den letzten zwei Jahrzehnten entwickelt?
Alles ist offener und liberaler geworden. Was ich an Augsburg immer geschätzt habe, ist das gute Zusammenleben der vielen Nationen und Kulturen. Hier funktioniert es einfach!

Man kann dich ohne Übertreibung als die Pionierin der Szene titulieren.
Ja, das stimmt schon, ohne mich jetzt größer zu machen zu wollen, als ich bin. Aber ich hatte auch das Glück, Menschen um mich herum zu haben, die meine Motivation mitgetragen und mich unterstützt haben.

2015 war dann Schluss!
Ja, 2015 war dann Schluss! Neue Veranstaltungsreihen waren dazugekommen und damit eine neue Generation. Wir haben 20 Jahre mit Herzblut Partys und viele CSDs organisiert, doch irgendwann muss man im Leben auch mal loslassen können. Aber im meinem Kopf drehen sich schon wieder die Zahnräder und ich habe für die Zukunft auch einige Ideen, ohne jetzt schon etwas verraten zu wollen.

Interview: Walter Sianos

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