"Inzwischen hat sich das Problem auf die ganze Altstadt verlagert!"

Der Geigenbauer Sam Rusch lebt und arbeitet im Schatten der Maxstrasse. Ein Situationsbericht.

Sam, du lebst und arbeitest im Schatten der Maxstraße. Auf Facebook hast du bereits öfter geschildert, was du in deiner Hood so alles erleben musstest. Wie waren die vergangenen Wochenenden für dich?
Vor drei Wochen kam ich abends aus dem Urlaub zurück, ich hab das Auto vor meinem Laden ausgeladen und da war die Stimmung schon sehr aufgeheizt. Direkt gegenüber standen ungefähr zehn Leute nebeneinander, die alle an die Wand des Römischen Museums hingepinkelt haben. Das ist jetzt leider kein Einzelfall, das passiert ständig. Besonders schlimm ist es am Butzenbergle, da urinieren ganze Horden und das geht dann bis früh morgens so weiter, inzwischen läuft schon ein beachtlicher Pissbach diese Gasse hinunter in die Altstadt, alles wird darüber hinaus vollgekotzt. Meine Freundin wohnt nur 50 Meter von meinem Laden entfernt und wir sitzen abends gerne mal an einem Tisch in der Dominikanergasse. In den letzten Wochen haben wir uns das aber verkniffen, weil ständig grölende, aggressive und betrunkene Jugendliche vorbeigezogen sind. Auch homophobe Anfeindungen sind keine Seltenheit, ein Freund von mir wurde massiv von einer Gang bedroht, nur weil er in ihren Augen schwul aussah. Er hatte großes Glück, dass er am Ende nicht zusammengeschlagen wurde.

Das Problem betrifft also nicht nur die Maxstrasse?
Ich selber gehe überhaupt nicht mehr dahin, das ganze Szenario verlagert sich aber inzwischen leider auf die gesamte Altstadt. Ich wohne unten bei der Komödie und auch da ist die Situation schon so angespannt, dass ich mich nachts kaum noch auf die Straße traue, obwohl ich jetzt echt kein ängstlicher Mensch bin. Das Problem ist auch, dass in der Maxstraße mehr kontrolliert wird als in der Altstadt. Dort wird auch der Müll schneller entsorgt, bei uns sind die Spuren eines Wochenendes auch Tage später noch zu sehen, weil vieles liegen bleibt.

Letzten Samstag ist die Situation dann völlig eskaliert.
Ich war auf dem Weg zu meiner Freundin, als mir ein paar Typen entgegen kamen, die mit voller Wucht Flaschen an die Wand warfen. An den Wochenenden kann ich gar nicht mehr mit meinem Hund raus, weil alles voller Glasscherben ist. Hinter meiner Wohnung ist ein kleiner Hof, in dem eine Tischtennisplatte steht. Dort ging es die ganze Nacht voll ab, circa 30 Jugendliche haben durchgehend geschrien und randaliert, am nächsten Morgen waren dort überall Blutspuren zu sehen.

Ist das, was letzten Samstag passiert ist, wirklich überraschend?
Die Aggression hat sicherlich durch den Lockdown noch einmal zugenommen. Die Jugendlichen müssen ja ihre Energien und ihren angestauten Frust irgendwo rauslassen. Und wenn man die letzten drei Wochenenden in unserer Gegend miterlebt hat, dann kommt das jedenfalls nicht völlig aus heiterem Himmel.

Du hast sechs Jahre in Berlin-Neukölln gewohnt. Das ist ein sehr dicht besiedeltes Viertel mit 47% Migrationsanteil, also durchaus mit Augsburg vergleichbar.
In Berlin musste ich nie Angst haben, was aber auch daran lag, dass die Szene dort wesentlich bunter gemischt ist. Das Maxstraßen-Klientel wurde in den letzten Jahren regelrecht herangezüchtet, viele Leute meiden die Straße inzwischen, sie ist leider ein Magnet für eine bestimmte Sorte von Menschen geworden.

Auf Facebook hast du gepostet, dass die Kultur über die B17 geschoben wird und man sich deswegen auch nicht wundern muss ...
Man hatte auf dem Goldene Gans-Gelände bei St. Ulrich eine tolle Chance, ein Kulturgebäude in der Innenstadt zu installieren, aber die Musik, Ausstellungen, Theater, alles wurde platt gemacht, man hat lieber seelenlose Würfel hingebaut. Die Innenstadt ist zu einem Ballermann mutiert, wer Kultur will, muss an den Stadtrand ausweichen.

Wären Ballermann-Partys auf dem Gaswerksgelände eine Lösung?
Eine Verlagerung auf mehrere Standorte könnte funktionieren, aber eine wirkliche Patentlösung habe ich jetzt auch nicht.

Wie siehst du die Zukunft?
Ein Alkoholverbot ist auch kein Allheilmittel, wer nur saufen will, schafft das sicher auch so irgendwie. Außerdem habe ich als Anwohner auch mal Lust, um 23.00 Uhr ein Bierchen in der Stadt zu trinken, aber muss man deswegen gleich seine Fäuste auspacken? Vielleicht wäre mehr Kultur und eine buntere Gastronomie eine Idee, damit sich das Publikum wieder besser vermischt.

Interview: Walter Sianos

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