Wir sagen: Servus, mach´s guad!

Zehn Jahre war er mit Serien wie dem Kleinen Weltuntergangsinterview, den Warten auf … Zufallsinterviews, den 10-Euro-Reportagen, Prof. Spätzles 1.000 Meisterwerken und unzähligen anderen Texten einer der eifrigsten Schreiber und Interviewer der Neuen Szene. Jetzt sagt er Servus und darf sich zum Abschied einmal selbst interviewen. Von und mit Marcus Ertle.

Wie fing alles an?
Lustigerweise mit dem Weltuntergang, besser gesagt mit dem Kleinen Weltuntergangsinterview. Inspiriert zu der Serie hat mich der mediale Trend, sich in apokalyptische Ängste hineinzusteigern und in der Berichterstattung ständig mit Superlativen biblischen Ausmaßes zu hantieren. Wenn es mal geschneit hat, war es eine Winterkatastrophe, wenn die Bahn streikte, versank ganz Deutschland im Chaos ... Zum Glück hatte ich die Idee vor Trump, vor Corona, vor der immer deutlich sichtbareren Klimaerwärmung. Heute wäre die Lage der Welt zu bedrohlich für so ein satirisches Format. Aber 2010 hatte ich Glück. Ich habe Walter Sianos eine Beispielausgabe geschickt, die Idee gefiel ihm, ich kam in der Redaktion vorbei, wir haben kurz über das Honorar verhandelt, wurden uns einig und schon hatte ich meine erste eigene Interviewserie. Wenn ich damals bei der Augsburger Allgemeinen mit dem Weltuntergangsinterview angeklopft hätte, hätte ich nicht mal eine Antwort bekommen. Mir fallen jetzt auch keine Handvoll Magazine in Deutschland ein, wo ich so viel Raum für Ideen bekommen hätte.

Wie war das für dich?
Traumhaft, ich bin in einer goldenen Zeit für Stadtmagazine aufgewachsen. Wer journalistisch noch keine größeren Erfahrungen hatte und was machen wollte, was spannender als die Lokalzeitung war, der versuchte für ein Magazin wie die Neue Szene zu schreiben. Dort hatte und hat man unendlich mehr Möglichkeiten, anarchische, wilde Texte und Ideen auszuprobieren als in irgendeinem anderen Medium. Allein schon die Redaktionssitzungen …

Wie waren die?
Du konntest mit einer Wundertüte von Ideen ankommen, die Ideen rausholen und der Chefredakteur sagte: Klingt, gut, mach mal! Oder: Ich kanns mir zwar nicht vorstellen, aber probier´s einfach mal aus. Peng! So lief das und das ist eigentlich Journalismus, wie man ihn sich idealerweise vorstellt. Das ist jetzt auch keine Schönmalerei, es gab natürlich auch manchmal Zoff.

Wann denn?
Konkret, wenn ich mal wieder die Deadline gerissen habe. Das war in den zehn Jahren ein Dauerbrenner und einige graue Haare von Walter Sianos kann man sicher darauf zurückführen. Sehr allergisch hat er auch reagiert, wenn man zu spät zur Redaktionssitzung kam, da gab es schon eine klare Ansprache, aber danach war man auch wieder gut miteinander, das war im Grunde sehr sportlich und lehrreich. Die Szene war für mich das ideale Sprungbrett und die beste Schule, weil es eben einerseits schon professionell zuging, aber auch nicht so streng wie bei einem größeren, konservativeren Medium, wo du mit ordentlichem Jackett zur Redaktionssitzung antrittst und du schon als Punk giltst, wenn das oberste Knopfloch vom Hemd offen steht.

Was war deine spannendste Geschichte?
Das war wahrscheinlich der Text über den Vorsitzenden des Integrationsbeirats und Peter Grab. Ich sollte eigentlich nur ein Interview mit dem Mann führen und sprach ihn deswegen an. Aber er war so arrogant, so von oben herab und verachtete alles, was Presse ist so offensichtlich, dass ich mir dachte: Dich schnapp ich mir. Also habe ich ein bisschen recherchiert, mit Leuten geredet und es kam raus, dass er Verbindungen zu rechten türkischen Gruppierungen hatte und Peter Grab ihn, obwohl er davon wusste, politisch förderte. Gute Geschichte, aber richtig spannend wurde es, als einen Tag vor Druck, kurz vor Weihnachten ein Schreiben der Anwälte von Peter Grab bei der Szene landete, in dem sie mit einer hohen sechsstelligen Schadensersatzklage drohen, wenn diese Behauptungen über ihn veröffentlicht werden. Leider wollte meine Hauptquelle, ein hochrangiger Augsburger Polizist, seine Informationen nicht öffentlich bestätigen, wir mussten einige Stellen des Artikels also schwärzen. Und das war das Beste, was uns passieren konnte.

Wieso?
Weil wir dadurch viel mehr Aufmerksamkeit bekamen, als wenn der Artikel einfach so erschienen wäre. Das war in der politischen Stadt plötzlich Thema Nr.1 und wurde von anderen Lokalmedien aufgegriffen. Davon träumst du als Autor eines Stadtmagazins, das sich neben den größeren Medien immer behaupten und seine Ernsthaftigkeit unter Beweis stellen muss.

Hast du dich bei Peter Grab später dafür bedankt?
Das nun nicht. Wenn dir einer anwaltlich mit einer so hohen Summe drohen lässt, ist sein Hintergedanke ja nicht, dass er damit dein Standing als Journalist befördert. Da kriegst du schon ein bisschen Schiss. Andere hätten die Geschichte still und leise einkassiert, einfach aus Angst vor den finanziellen Folgen, aber die Herausgeber der Szene, Walter, Danny, Charly und Pit hatten einfach Mumm, als es drauf ankam. Davon abgesehen war Peter Grab natürlich höchst unterhaltsam, auch wenn es nicht die Art von Unterhaltsamkeit war, die ihm vorschwebte. Solche Typen sind für Journalisten natürlich super, weil sie zuverlässig und meistens unfreiwillig Stoff liefern.

Wurde es auch mal gefährlich?
Ich wurde nie bedroht, außer einmal vielleicht bei einer Versteigerung des Fundamtes. Da wollte ich Fotos machen, aber die Anwesenden waren, sagen wir mal, etwas lichtscheu und auch der Auktionator wollte lieber keine Presse im Raum haben und so wurde ich unter Beschimpfungen des Saals verwiesen. Das war in dem Moment bisschen unangenehm, aber als Geschichte schon wieder unterhaltsam.

Was hat am meisten Spaß gemacht?
Ganz allgemein: dass ich meine Neugier befriedigen durfte und dafür auch noch Geld bekommen habe. Ich habe interessante Menschen kennengelernt, die ich als Normalbürger so nicht kennengelernt hätte, habe hinter Kulissen geschnuppert, die mir sonst nicht zugänglich gewesen wären. Dem OB gegenübersitzen und freche Fragen stellen, sich von einer strengen Gefängnisdirektorin durch den Knast führen lassen, fremde Menschen auf der Straße ansprechen und sie spontan interviewen, einfach weil sie was an sich haben, was einen anspricht.

Was waren die besten Gespräche?
Am beeindruckendsten war das Gespräch mit einem Obdachlosen. Der Mann war einerseits intelligent und reflektiert, hatte ein empfindsames Gesicht wie ein Musiker, aber gleichzeitig hat ihm die Kraft gefehlt, sich aus dem Sumpf, wie er es selbst formuliert hat, zu befreien. Das war zugleich auch ein schwieriges Gespräch, weil du ihm auch die Würde lassen willst, aber natürlich auch ein bisschen bohren musst, um seine Geschichte zu erfahren. Oder ein Gespräch mit einem fast 100-jährigen älteren Herren, der Gedichte schrieb und auf Poetry-Slams auftrat und dessen Tragik es ein bisschen war, dass er erst ganz spät den Mut gefunden hat, seine lyrische Ader auch auszuleben.

Erinnerst du dich an deine höchste Spesenrechnung?
Das waren 100 Euro. Ich hatte ja die Serie 10-Euro-Reportage, wo ich immer irgendwas mit 10 Euro anstellen musste. Zur Jubiläumsausgabe war der Chef sehr spendabel und hat mein Budget verzehnfacht. Ich habe mir dann erstmal ein paar Drinks im 3M genehmigt, danach ein Taxi genommen, mich aus Spaß durch die Stadt chauffieren lassen, unterwegs eine Anhalterin mitgenommen, ihr und dem Taxifahrer bei McDonalds paar Burger spendiert und als das Geld fast aus war, endete der Ausflug in einer schummrigen Kneipe in der Donauwörtherstraße mit Freibier für die Stammgäste. Also im Grunde das, was andere jeden Tag machen.

Was war deine größte Überraschung?
Das war eine Art Familienzusammenführung. Ich war erst seit kurzem an Bord und ging zur Weihnachtsfeier der Szene. Nach ein paar Stunden sprach mich dann ein langhaariger Typ an, Daniel Anzaldua, und wollte wissen wer ich bin? Ich sagte es ihm und es kam raus, dass wir verwandt sind. Seine Mutter war die Schwester meines Opas, hatte einen US-Soldaten geheiratet und war in die USA gezogen.

Wieso hörst du nach zehn Jahren Neue Szene auf?
So ganz höre ich ja nicht auf. Wer es zehn Jahre in dem Laden mit den Leuten ausgehalten hat, und sie mit einem, der gehört wahrscheinlich lebenslang dazu. Aber ich lebe, der Liebe wegen, seit fünf Jahren in Dresden und auf Dauer kannst du für ein Stadtmagazin einfach nicht aus der Ferne schreiben. Du musst vor Ort sein, die Menschen sehen, die Stimmung spüren und dann schreibe ich inzwischen auch vermehrt für überregionale Medien und Verlage, dadurch ist es auch eine Zeitfrage geworden. Die Tage, die ich immer wieder in Augsburg verbringe, gehört jetzt meinen Freunden, meinen Eltern und natürlich, wenn es wieder geht, dem ausgiebigen Kaffeehausbesuch und Herumstreunen.

Was wünschst du der Neuen Szene?
Dass sie im Zweifel immer anarchisch bleibt, sich nicht an weichgespülten Marketing-Journalismus anpasst, dass die Jungs und Mädels tapfer weiterkämpfen in einer Zeit, in der Printmedien es schwer haben.

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