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Flucht vor den Taliban
Menschen, die auf dem Weg nach Europa im Mittelmeer ertrinken, überfüllte Asylunterkünfte, Städte, die über die Flüchtlingswelle und deren Kosten stöhnen, ausländerfeindliche Brandanschläge. Es herrschen Unruhe und Angst. Doch wer kommt da überhaupt nach Deutschland? Wir haben einen jugendlichen Flüchtling aus Afghanistan getroffen, der uns seine Geschichte erzählt hat. Von Marcus Ertle
Eine Kindheit in Kabul
Ashraf Massoud (Name von der Redaktion geändert) ist 17 Jahre alt, seine Familie ist nicht arm, sie gehört zur gehobenen, aber gefährdeten Schicht eines der gefährlichsten Länder der Welt. Sein Vater ist Regierungsbeamter. In einem „normalen“, westlichen Land wäre das die beste Voraussetzung für eine materiell gesicherte Existenz. In Afghanistan kann ein Posten, wie ihn Ashrafs Vater innehat, das Leben kosten. Die Taliban, die, anders als es die USA und ihre Verbündeten, darunter Deutschland, behaupten, nicht besiegt wurden, sehen in jedem, der für die Regierung oder deren Unterstützer arbeitete, einen Feind. Oft wird die Familie bedroht. Mit diesem Wissen wurde Ashraf groß. So wie Kinder in Deutschland lernen, nicht bei Rot über die Ampel zu gehen, lernte er, jeden Tag andere Wege zur Schule zu gehen, damit Entführer ihm nicht so leicht auflauern können. Ashraf ist ein guter Schüler, er besucht eine weiterführende Schule in einem der besseren Viertel Kabuls. Wenn man ihn sieht, könnte man ihn für einen sehr höflichen, zurückhaltenden spanischen Erasmus-Studenten halten. Er steht kurz vor dem Abschluss, doch dann muss er untertauchen.
Die Taliban haben seinen älteren Bruder Raschid entführt. Er hat für die US-Armee als Dolmetscher gearbeitet. Drei Tage wartet die Familie auf ein Lebenszeichen, manchmal fordern die Taliban ein hohes Lösegeld, manchmal töten sie ihre Geiseln. Am vierten Tag findet man die Leiche Raschids am Stadtrand. Ashrafs Vater berät sich mit Vertrauten: Soll er seinen Posten bei der Regierung aufgeben? Die Taliban würden ihn dennoch als Feind betrachten. Soll er den Rest der Familie in Sicherheit bringen? Er überlegt. Wieder vergehen Tage. Ashraf verlässt das Haus, er hält die drückende Stimmung nicht aus, will frische Luft schnappen. Doch die Taliban haben ihre Informanten im Wohnviertel. Sie entführen auch Ashraf und verschleppen ihn in ein Basislager. Er wird verhört, die Taliban wollen Insiderwissen über die Regierung, über Gebäude, Arbeitsabläufe, Sicherheitsvorrichtungen. Ashraf weiß nichts davon. Er wird gefoltert. Die Narben sieht man noch heute in seinem Gesicht. Wenn man ihn fragt, was genau die Taliban ihm angetan haben, wendet er sich ab und schweigt. Nach zwei Tagen kommt die Rettung, eine afghanische Spezialeinheit stürmt das Lager und befreit ihn.
Die Flucht beginnt
Ashrafs Vater beschließt, dass sein Sohn das Land verlassen soll. Nach Europa, nach Deutschland, in Sicherheit. Wieso Deutschland? Weil Deutschland das sicherste Land ist, sagt Ashraf. Wer Afghanistan mit diesem Ziel verlassen will, muss in aller Regel Schleuser engagieren. Es gibt, wie bei Reisebüros, „gute“ Schleuser und üble Schleuser, zu welcher Sorte die gehören, die man beauftragt, erfahren die Flüchtlinge oft erst während der Flucht. Die guten sind die, die einen gesund bis ans vereinbarte Ziel bringen. Die üblen Schleuser lassen die Flüchtlinge oft im Stich, oder verkaufen sie als Arbeitssklaven, oder vergewaltigen sie, oder fordern Lösegeld von der Familie und wenn sie es nicht zahlen kann, foltern und töten sie ihre Opfer. Dieses Risiko geht jeder Flüchtling ein, in manchen Gegenden und Routen ist die Gefahr größer in anderen kleiner, wirklich berechenbar ist es nie. Ashrafs Vater zahlt den Schleusern 15.000 Dollar. Mitte Februar beginnt die Flucht, mit dem Auto fährt Ashraf zusammen mit drei weiteren Flüchtlingen und zwei Schleusern in Richtung Iran. Sie fahren zwei Tage. Vorbei an unzähligen Polizeiposten, auch an denen von lokalen Warlords, manche wollen Geld, wer da gerade ihren Checkpoint passiert, ist den meisten egal.
Iran
Im Iran muss Ashraf aussteigen. Der Fahrer kehrt um, Richtung Afghanistan. Ashraf und die anderen gehen zwei Wochen zu Fuß durch den Iran. Bis dorthin haben die Schleuser ihr Versprechen gehalten. Er muss sich völlig auf den Mann, der ihn Richtung Türkei führt, verlassen. Nachts ist es in den Bergen bitterkalt, manchmal findet die Gruppe eine Hütte, in der sie Feuer machen, essen und schlafen kann. Im Freien wird kein Feuer gemacht, iranische Sicherheitskräfte würden den Schein kilometerweit sehen, die Gruppe will kein unnötiges Risiko eingehen. Eines Morgens ist einer aus der Gruppe verschwunden, der Schleuser zuckt gleichgültig mit den Schultern und sagt: „Inschallah“ – „So Gott will“. Ashraf sieht seinen Schicksalsgenossen nie wieder. Nach zwei Wochen erreichen sie die Türkei. Ashraf ist glücklich, manche Flüchtlinge sind ein Jahr lang nach Europa unterwegs, müssen auf dem Weg dorthin immer wieder arbeiten, um die nächste Teilroute bezahlen zu können.
Türkei
In der Türkei geht es mit dem Lastwagen weiter, Ashraf sitzt mit einem Dutzend weiterer Flüchtlinge auf der Ladefläche zwischen Kisten voll verdorbenem Obst und chinesischem Kinderspielzeug und fährt durch Anatolien Richtung Griechenland. Der Weg führt über die Ägäis. Nachts wartet er mit zehn anderen Flüchtlingen an irgendeinem leeren Strand an der türkischen Küste, alle sind still, sie warten zwei Stunden, dann hören sie das Röhren eines Bordmotors, in der Ferne blinken zwei Positionslichter auf. Der Schleuser, der die Gruppe begleitet, lässt zweimal kurz seine Taschenlampe aufleuchten, dann nähert sich das Boot dem Strand. Es ist ein einfaches Schlauchboot, Rettungswesten gibt es selbstredend nicht. Ashraf zögert, er kann nicht schwimmen, der Schleuser mahnt zur Eile, er steigt ein. Dichtgedrängt sitzen die Flüchtlinge im Schlauchboot, das von einem nervösen Mittfünfziger mit Kapitänsmütze gelenkt wird. Es ist nicht unüblich, dass Schleuser Schlauchboote benutzen, sie sind billig und auf den Radarschirmen schlecht zu erkennen, was freilich tragische Folgen haben kann, wenn das Boot in Seenot gerät, weil es Luft verliert, oder einfach mit zu vielen Menschen beladen ist, oder unwissentlich von einem Passagierschiff gerammt wird und untergeht. Auch Ashrafs Gefährt verliert Luft, es sammelt sich Wasser zwischen den Füßen der Menschen. Der Kapitän, er nennt sich Mahmoud, fordert die Insassen auf, das Wasser aus dem Boot zu schöpfen. Mit Bechern und Schüsseln kämpfen Ashraf und die anderen gegen das eindringende Wasser an, bis zur Erschöpfung, die ganze Nacht hindurch. Kapitän Mahmoud ist zufrieden. Irgendwann ruft er laut „Greece!“ und zeigt auf einen Küstenstreifen, der sich in der Ferne abzeichnet.
Balkan
Ashraf hat Europa erreicht. Damit liegt der gefährlichste Teil seiner Flucht hinter ihm. Jetzt geht es darum, nach Deutschland zu kommen. Nicht in Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn oder Österreich in einem Flüchtlingslager zu landen. Dabei kommt ihm zugute, dass vor allem die Balkanstaaten kein gesteigertes Interesse daran haben, Flüchtlinge aufzuhalten, die in den Norden Europas wollen. Oft wird der Bus oder das Auto, in dem Ashraf mit weiteren Flüchtlingen unterwegs ist, von der Polizei einfach ignoriert, Grenzübergänge meiden sie trotzdem, stattdessen passieren sie die grüne Grenze zu Fuß, gehen durch Wälder und Wiesen, bis sie an vereinbarten Treffpunkten von Schleusern aufgelesen und weitertransportiert werden.
Bayern
Irgendwann gelangen sie mit dem Auto über die österreichische Grenze und sind in Bayern. Wieder Berge, wie so oft auf ihrer Flucht, aber diesmal in einem sicheren Land. Sie kommen in München an. Der Schleuser lässt sie am Stadtrand aus dem Auto steigen, zeigt ihnen den Weg zum Hauptbahnhof, dort melden sie sich bei der Polizei. Ashraf ist minderjährig, das heißt, dass er nicht wie erwachsene Flüchtlinge in einer normalen Sammelunterkunft untergebracht wird, sondern im Evangelischen Kinder- und Jugendhilfezentrum in Augsburg.
Augsburg
Das erste Mal seit seiner Flucht steht Ashraf nun Menschen gegenüber, denen er trauen kann. Zum Beispiel Mike Wilson, dem Gruppenleiter der Einrichtung. Anders als es die Experten vom Bundesamt zur Anerkennung ausländischer Flüchtlinge bald tun, unterzieht er Ashraf keiner detaillierten Befragung, die das Ziel hat, herauszufinden, ob er in seinem Heimatland wirklich um sein Leben fürchten muss. Das erste Mal seit mehr als einem Monat kann er in einem warmen Bett schlafen ohne den nächsten Tag oder den nächsten Augenblick fürchten zu müssen. Stattdessen lernt er jetzt Deutsch und will studieren. In einem halben Jahr, wenn er 18 Jahre alt ist, muss er einen Asylantrag stellen. Dann wird sich entscheiden, ob die Flucht von Ashraf wirklich zu Ende ist.
Der Text erschien zum ersten Mal in der Augustausgabe der Neuen Szene. Illustration: Johanna Wenger






