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"Du kennst die Heimat und die Heimat kennt dich"

Premiere bei den Filmtagen: Acht Wochen vor Bundesstart zeigte Marcus H. Rosenmüller seinen neuen Streifen "Beste Chance" in Augsburg. Und hatte Zeit für ein Interview...

Premiere auf den Augsburger Filmtagen. Acht Wochen vor Bundesstart zeigte Marcus H. Rosenmüller seinen neuen Film "Beste Chance". Das Augsburger Publikum war begeistert. Nach der Premiere hatte der Regisseur Zeit für ein Interview mit Marcus Ertle.

Neue Szene: Zufrieden mit der Reaktion des Publikums?
Rosenmüller: Ja, ich bin sehr zufrieden und glücklich. Das spürt man gleich, ob es hinhaut oder nicht. Das schaut man sich ja nicht emotionsfrei an, man ist als Regisseur da ja wahnsinnig drin. Das schönste Kompliment ist, wenn jemand sagt, dass er gelacht hat, aber auch tief berührt war.

Wenn ein Film bei der Premiere nicht gut ankommt, kann man ihn gleich vergessen, oder?
Wahrscheinlich!

Wobei der Umkehrschluss auch nicht gilt.
Genau, das wollt ich gerade sagen.

Das ist das Problem.
Das ist kein Problem, es ist ja immer interessant, dass jedes Publikum anders ist. Es ist auch gar nicht schlimm, wenn die Leute kontrovers reagieren. Wenn der eine sagt: Ja, genau! Und der andere: So ein Schmarrn!

Schlecht ist es wohl, wenn die Leute es ganz nett finden.
Ja, das stimmt.

Gibt es eigentlich ein bestimmtes Milieu, das deine Filme bevorzugt anschaut?
Das sind normale Leute, würde ich sagen!

Du selbst stehst ja der SPD nahe, auf Wikipedia steht, du wärst ein Arbeiterkind.
Ich selbst bin jedenfalls kein Kind des Computers und habe keine Ahnung, wer da was über mich schreibt. Aber wer ist denn kein Arbeiterkind?

Zahnarztsöhne, Beamtentöchter.
Die müssen auch arbeiten, das meine ich damit.

Du bist SPD-Mitglied, oder?
Ja.

Wann gewinnt die SPD in Bayern mal eine Landtagswahl?
Darum geht’s doch nicht, ob man gewinnt. Es geht darum, eine Meinung zu haben und dazu zu stehen. Wann die SPD gewinnt, weiß ich nicht. Wenn genug Menschen da sind, die sagen: "Des find i a guat." Und wenn es nicht genug sind, dann werden halt die anderen gewählt, das ist doch das Schöne an der Demokratie. In dem Moment, in dem eine Mehrheit für die SPD da ist, wird die SPD gewinnen. (lacht)

Klingt logisch, aber wirst du das noch erleben?
Das weiß ich nicht! Darum geht’s mir aber auch nicht. Es geht darum, dass man sich für Gleichheit und soziale Gerechtigkeit einsetzt und dafür stehe ich auch ein.

Bist du eigentlich gläubig?
Kommt drauf an, was deine Definition von gläubig ist, an irgendwas glaubt doch jeder.

Na ja, die Frage ist, woran.
Ich habe eine gewisse Festigkeit in dem Wissen, dass wir nicht der Weisheit letzter Schluss sind. Aber ich kann meinen Glauben nicht so endgültig beschreiben. Manchmal glaube ich, dass es Wiedergeburt gibt, manchmal glaube ich, es ist nach dem Tod ganz vorbei, manchmal glaube ich, ich geh zur Erde und komme als irgendwas wieder.

Schon mal gedacht: Das hätte ich in einem früheren Leben sein können?
Du meinst, eine ganz bestimmte Person?

Oder auch eine Art Mensch.
Nein, du?

Das wechselt, man sieht einen Kriegsfilm und denkt, man war in einem früheren Leben Soldat, dann einen Historienschinken und man sieht sich als Mönch, oder ein Drama und man denkt man war Arzt, oder auch Patient.
Da bist du aber sehr wankelmütig, mal das und mal das.

Wie es eben kommt. Bist du vielleicht Agnostiker?
Nein, viel zu kompliziertes Wort für mich, würd’ ich nie so sagen. Ich bin zumindest katholisch erzogen. Da steckt auch bisschen dieses Barocke drin. Man kann gewisse Sachen ja leise erzählen und ich erzähl es halt gern bisschen lauter, das mag ich. Krachig, barock, katholisch!

In "Beste Chance" geht es um Heimat und Erwachsenwerden. Frage dazu: Gehen oder bleiben?
(überlegt) Das ist eine Zeitfrage, ansonsten eher beides. Ich bin da und werde wiederkommen, es wird auch ein Gehen dabei sein, aber es ist nicht so, dass ich weggehe und nicht wiederkomme. Aber dass ich gehe, ist durchaus drin.

Weg aus Bayern?
Das ist durchaus drin.

Aber wohin?
Weiß ich nicht.

Keine Idee?
Mehrere Ideen. In eine deutsche Großstadt, oder nach Amsterdam, Paris, oder auch nach Afrika. Ich habe mir auch mal kurz Uruguay überlegt, darüber hab ich mal was gelesen, ist ein tolles Land. Berlin wäre auch eine coole Stadt.

Aber Bayern sind in Berlin nicht beliebt.
Da habe ich keine Komplexe.

Du nicht, aber die Berliner.
Nein, nein, da, wo ich bin, ist das nicht so oder es ist nach fünf Minuten nicht mehr so. Ich glaube an so was gar nicht. Wir zwei würden doch auch nicht über die blöden Preußen schimpfen, oder?

Wir nicht, aber wir hätten es im Norden trotzdem nicht leicht.
Ach, freilich hätten wir es leicht, das kommt nur auf die Situation an.

Schon mal versucht, hochdeutsch zu sprechen?
In der Schule und im Studium habe ich es mal versucht, das ist mir aber nie gelungen, da bin ich nicht eloquent genug, deswegen hab ich’s irgendwann aufgegeben.

Es hätte sowieso nichts genützt.
Der Verständlichkeit halber hätte es vielleicht schon was genützt.

Ja, aber man würde immer den Bayern raushören, dann kann man es doch gleich lassen.
Stimmt.

Was ist schlimmer: Heimattümelei oder Heimatlosigkeit?
Heimattümelei ist an sich schlimm, Heimatlosigkeit ist für den schlimm, der heimatlos ist, außer er sagt, dass er gern heimatlos ist.

Wobei: Was ist eigentlich Heimattümelei?
Wenn man die Heimat verklärt und schützt ohne sie zu hinterfragen. Ein kritischer und abwägender Blick auf die Heimat und zu wissen, warum man das und das schätzt, ist wohltuend.

Manche sagen ja, Heimat sei kein Ort, sondern ein Gefühl.
Das sind alles Sprüche.

Blöde Sprüche?
Nein, Sprüche eben. Natürlich ist Heimat auch ein Gefühl, manchmal auch einfach ein Ort. Heimat ist ein Nichtfremdsein. Du kennst die Heimat und die Heimat kennt dich.

Sie kennt dich sehr genau, im Dorf wissen die Leute doch alles über einen.
Über den einen mehr, über den anderen weniger. Das kannst du nicht pauschalieren.

Aber die Dorfgemeinschaft ist ja nicht nur schön und heimelig.
Nein, sie hat auch negative Seiten. Man ist immer nackt, wenn etwas von dir offengelegt wurde, weiß es jeder und du hast keine Rückzugsmöglichkeit.

Wenn du einmal der Depp im Dorf warst, bleibst du es.
Außer du kriegst die Gelegenheit, dass du es revidieren kannst.

Beim Feuerwehrjubiläum sich ausziehen und grölend durchs Festzelt rennen, als hypothetisches Beispiel, das kriegt man doch nie mehr im Leben revidiert.
Aber vielleicht kannst du es irgendwann durch eine andere Tat ausgleichen, so dass die Leute sagen: Jetzt is er ja nimmer so!

Wobei er ja immerhin am Dorfleben teilnimmt, er gehört dazu. Lieber nackt auf dem Feuerwehrfest als gar nicht hin.
Das ist jetzt aber sehr philosophisch, was du da sagst.

Heimat, Nest oder Käfig?
Beides!

Kann uns die Welt nicht eigentlich egal sein?
Kann, muss aber nicht! Und sollte auch nicht. Andersrum geht’s ja auch: Können wir der Welt nicht wurscht sein?

Könnte, muss aber nicht sein.
Ja, genau!

"Beste Chance" ist nach "Beste Zeit" und "Beste Gegend" der dritte Teil von Rosenmüllers Heimat-Trilogie und startet am 26. Juni in den Kinos.

Foto: Majestic / Mathias Bothor

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