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Zwischen Trash und Surrealismus
Martin Eder aus Augsburg ist einer der bedeutendsten deutschen Künstler der Gegenwart
DIE ZEIT hat ihn als einen der bedeutendsten deutschen Künstler der Gegenwart bezeichnet. Martin Eder stellt weltweit aus und seine Bilder gehen für sechsstellige Summen über den Ladentisch. Angefangen hat alles in den 80er Jahren in Augsburg. Walter Sianos hat Martin Eder im Rahmen der Ausstellung „“Psycho? Augsburg crazy on canvas“ in der Galerie Noah zum Interview getroffen.
Martin, lange bevor man dich mit Kunst in Verbindung gebracht hat, warst du mit deinen Bands „The Boneshakers“ und „The Die Motors“ sehr aktiv in der Augsburger Musikszene. Wie hast du diese Phase noch in Erinnerung?
1984 erschien zur 2000-Jahrfeier der Stadt Augsburg der 2000 Töne Sampler. Ich habe die Platte immer noch im Regal. Das klingt heute noch geil, sogar moderner als modern. Es gab so viel tolle Bands in der Stadt, das war eine Zeit, in der man dachte, Augsburg ist wie Liverpool und gerade Ende der achtziger Jahre war das eine großartige und spannende Zeit.
Du hast sogar an unserem Nachwuchswettbewerb „Band des Jahres“ teilgenommen. Soweit ich mich erinnern kann, hast du mit deinen Combos ziemlich gut abgeschnitten.
Gut abgeschnitten, aber nicht gewonnen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie wir in der Kresslesmühle zu später Stunde an der Bar saßen und ich mich bei dir beschwert habe, weil wir nicht Sieger wurden. Da hast du zu mir gesagt: „Wenn du gewonnen hättest, würdest du jetzt nicht herummaulen. Bands die heulen, sind Loser“ (lacht). Dieser Satz ist bei mir hängengeblieben.
Euer Weg hat euch letztendlich bis in die USA geführt. Ihr habt sogar im legendären CBGBs in New York gespielt.
Und Joey Ramone war im Publikum, wenn auch zufällig. Ich habe nie aufgehört Musik zu machen. Aber ich hatte immer ein großes Problem Demos an Plattenfirmen zu verschicken. Ich weiß nicht ob das ein Anflug von Arroganz ist oder die Angst, abgelehnt zu werden. Ich habe mein ganzes Leben eine Fülle an Songs und Platten gemacht, die ich wie einen Schatz in meinem verschlossenen Kämmerlein hüte. Als ob es etwas Heiliges wäre und dazu brauche ich keine große Bühne.
Man hat dich in dieser Zeit schon auch mit deiner Kunst wahrgenommen. Irgendwie war dein Abgang ziemlich abrupt.
War er auch. Nichts gegen Augsburg, ich mag die Stadt und finde sie heute großartiger denn je, aber als ich Anfang 20 war, hatte ich schon einen gewissen Hass auf einige Dinge hier. Heute ist das sicher anders, aber damals wurde man hier eher runtergezogen und kleingehalten und für mich gab es nur einen Ausweg, nämlich weg hier, auch wenn es für mich zu diesem Zeitpunkt sehr schwer und schmerzhaft war.
Du bist nach Nürnberg gegangen.
Ich wurde an allen Akademien abgelehnt, mein Kollege Peter Lochmüller, den ich immer sehr geschätzt habe, ging nach München. Mit meiner zweiten Bewerbungsmappe hat es dann doch noch in Nürnberg geklappt und nach einiger Zeit bin ich Richtung Kassel weitergezogen. Mein Mentor war der holländische Künstler Rob Scholte, der hatte sogar einen Kurs der „How to star“ hieß. Rob war ein echter Star in der Kunstszene. Auf ihn wurde in Amsterdam ein Attentat verübt, eine Bombe detonierte in seinem Auto und er verlor dabei seine Beine. Das verrückte ist, dass laut Polizeiangaben der Anschlag eigentlich einem Rechtsanwalt galt, beide hatten zufällig dasselbe Fahrzeug.
Wie schafft man es vom talentierten Künstler aus Augsburg, zu einem, der weltweit in Galerien ausstellt?
Keine Ahnung (lacht). Es gibt kein Rezept, aber vielleicht muss man immer das machen, wovor man am meisten Angst hat. Ich komme aus Batzenhofen und bin von meinem kleinen Kaff Richtung New York aufgebrochen und vor diesem Schritt hatte ich unheimlich Schiss. Kennst du den Film „Der verlorene Sohn“ mit Luis Trenker aus dem Jahr 1934? Ein Bauernjunge aus den Bergen immigriert nach New York, wird überall verstoßen und landet letztendlich in der Gosse. Ich war 17 als ich den Streifen sah und da habe ich mir gesagt, das will ich auch mal machen, obwohl ich Angst hatte, dass ich mal total im Arsch sein könnte, heroinabhängig und ohne Geld.
Es ist also ein Adrenalinkick, die eigene Angst zu überwinden?
Es ist wie ein Drogenrausch, aber es läuft nicht immer in die gewünschte Richtung, man kassiert auch Faustschläge und auf diesem Trip muss man auch Rückschläge einkalkulieren.
„It´s a long way to the top, if you wanna Rock & Roll.“
Ja, genau… AC/DC … Die habe ich erst im Berliner Olympiastadion gesehen.
DIE ZEIT hat dich mal in einem großen Portrait als bedeutendsten deutschen Maler der Gegenwart nach Gerhard Richter bezeichnet.
Das muss wohl ein Irrtum gewesen sein (lacht). Keine Ahnung was ich jetzt dazu antworten soll. Letztendlich müssen andere so etwas entscheiden. Mit Richter habe ehrlich gesagt nullkommanull am Hut. Ich will auch gar nicht groß oder deutsch sein, das interessiert mich alles gar nicht. In meinem Lebensbild existieren Dinge wie Status, Macht oder Einfluss gar nicht. Da kommen wir wieder auf deine Musikfrage, ich war immer aktiv, habe das aber nie so hochgefahren, um jetzt groß und berühmt zu werden. Mir ging es immer nur um purity und nie darum mit einem Porsche und dicker Sonnenbrille zu posen.
Du bist aber schon jemand, der es versteht sich selbst zu inszenieren.
Das ist eine Art von Maskierung, die ich ganz gut hinbekomme, aber letztendlich lebe ich sehr zurückgezogen. Ich finde Narzissten total abstoßend, ich mag keine Leute, die in ihrem Leben permanent im Mittelpunkt stehen und bei jedem Dinner alle unterhalten, obwohl sie einen totalen Scheiß erzählen. So bin ich nie gewesen, mein Motto war immer „machen statt labern“. Jetzt ist gleich die Eröffnung der Ausstellung und ehrlich gesagt bin ich froh, dass ich mit dir hier in diesem Raum sitzen kann und nicht durch einen Small Talk-Parcour muss.
Auf deinen Werken sind immer wieder Katzen zu sehen. Woher rührt dieses Faible? Hast du überhaupt welche?
Nein, ich bin katzenfrei. Ich hatte mal ein Interview mit ARTE und die haben mich dasselbe gefragt. Ich habe ihnen erzählt, dass ich in meinem Leben noch nie eine Katze gemalt habe, blöd war nur, dass wir in meinem Berliner Studio saßen und um mich herum alles voller Katzengemälde war. Katzen sind für mich Geister oder Gespenster. Wir alle wünschen uns, dass uns jemand in den Arm nimmt, uns krault, füttert und so… Das sind alles so ganz niedere menschliche Bedürfnisse, die uns tagtäglich in der Partnerschaft oder im Business begegnen. Haustier, Hausfrau, Hausmann, das sind alles Begriffe, die Idylle verkörpern, aber die Katzen, die ich male, sind ziemlich unheimlich. Eine hat nur ein Bein oder einen deformierten Körper und gerade die Objekte, die zwei oder drei Meter groß sind, mutieren zu Monstern. Das sind keine Schnuckis mehr, Katzen bringen ja auch gerne mal eine halbe Ratte mit ans Bett. Das ist eklig und alles andere als niedlich.
Ein Zitat von dir lautet: „Jede Gesellschaft kriegt die Bilder, die sie verdient!“ Was verdienen wir denn?
Gute Frage. Ich glaube, dass wir Bilder brauchen, die alles andere als dekorativ sind. Das ist derzeit ein großer Trend. Kunst muss nicht wehtun, weil die Realität ja schon so wehtut, aber ich finde Kunst hat einen sozialen Auftrag. Wir leben in einer schnellen und vergänglichen Zeit, man ist Irrer oder Prophet, es gibt kein grau mehr, nur schwarz oder weiß. Die Leute haben heute eine aufklärerische Kunst verdient, die hauptsächlich an junge Leute gerichtet ist. Die Alten haben es schon verstanden, die Jungen sind durch Social Media, einer Bilderflut und KI verwirrt. Die Frage ist, welches Bild brauche ich? Über Bilder und Musik dringt man immer noch in die Seele der Menschen.
Musik hat neben der Malerei in deinem Leben immer eine übergeordnete Rolle gespielt. Was macht dein Alter Ego Richard Ruin?
Ich habe jetzt erst das 2005er Album „The Heimlich Manoeuvre“ auf Spotify hochgeladen. Eine neue Platte ist auch fertig geworden, es ist ein schönes, ruhiges und liebevolles Album mit gelegentlichen Ausrastern. Als Richard Ruin konnte ich immer in eine andere Rolle schlüpfen, da darf ich alles richtig oder falsch machen, ohne Konsequenzen erfahren zu müssen.
Auf Instagram posierst du mit dem verstorbenen englischen Musiker und Künstler Genesis P-Orridge. Er war ja ein ziemlich radikaler Künstler. Ein Zitat von ihm lautet: "Wir haben unser Leben nicht verschwendet. Wir haben es maximal ausgelebt".
Wir haben uns über New Yorker Connections kennengelernt. Er war ein Narzisst vor dem Herrn, ein Mensch den man eigentlich nicht mochte, er war sogar ultra unsympathisch. Aber er war ein Phänomen, er wusste, wie er aus seinem Assholism etwas rausholt und es gibt ja auch positive Arschlöcher. Und er war eins. Er hat Bücher geschrieben, Musik gemacht, er hat Größe gezeigt, indem er Schwäche offenbarte und das hat mich so an ihm fasziniert. Nach dem Tod seiner Partnerin lief er in seiner Trauer immer mit einer Puppe herum. Das war die Reinkarnation seiner Frau, die hat ihm ein Voodoo-Priester aus Afrika gebastelt und die trug er immer wie einen Teddybären mit sich.
Wie ist das Verhältnis zu deiner Geburtsstadt?
Wie ich vorhin schon erwähnte, ich habe Augsburg wieder schätzen und lieben gelernt und habe auch vor, in Zukunft öfter hier Zeit zu verbringen.
Welche Namen sind dir geläufig?
Holbein, Mutter Fugger und The Hyde Parkas (lacht).
Und aktuell?
Ich wünschte, ich könnte dir diese Frage beantworten. Keine Ahnung, aber es interessiert mich total. Beim nächsten Interview kann ich da sicher mehr liefern.
Derzeit läuft in der Galerie Noah die Ausstellung “Psycho? Augsburg crazy on canvas!“ Du stellst noch bis Mitte Oktober mit neun weiteren Augsburger Künstler:innen aus. Ist diese Sammelausstellung ein Statement?
Vor zwei Jahren hatte ich, eingeladen von der KVA „Die Ecke e.V.“, in den Kunstsammlungen und Museen Augsburg mit „Moloch“ einen großen Einzelauftritt inklusive Katalog. Dr. Oliver Kautz hat mir dort, zusammen mit der Buchegger Stiftung, ein wundervolles Podium geboten. Letztendlich sind wir alle gleich, wir sind nackt geboren und werden nackt sterben, ich bin happy, dass regionale Künstler:innen wie Monika Schulte, Günther Baumann oder Felix Weinold mit dabei sind. Diese Leute haben vor langer Zeit eine Kerze angezündet und beschützen bis heute diese Flamme. Das bewundere ich total.
Wenn man so viel erreicht hat, von was träumt man da noch?
Ich bin ja erst noch am Anfang. Ich bin sehr ehrgeizig, aber ich würde gerne noch mehr Musik machen. Ich habe in Berlin ein komplett eingerichtetes Studio, dort nehme ich immer wieder mit den verschiedensten Leuten meine Sachen auf. Ich hatte dort auch schon Musiker von den Bad Seeds oder Iggy Pop zu Gast. Wir spielen da auch regelmäßig Konzerte und laden immer um die 50 Leute ein. Die sitzen alle ganz ruhig da, 40 Minuten Maul halten, da kann man die Nadel fallen hören, keiner redet, raucht oder klappert.
Und wann sehen wir dich in Augsburg?
Das wäre was. Kannst ja gerne was organisieren.
Das mache ich. Word! (ws)
Ausstellung „Augsburg crazy on canvas“ noch bis 12. Oktober in der Galerie Noah.
Fotos: Harald Sianos, Gregor Hohenberg






