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Musik

Die Lilien in der Gosse

Das britische Kultrio Tiger Lillies gastierte am Dienstag im Rahmen des Brechtfestivals in der Brechtbühne...

Einer Legende verzeiht man einiges. Außer Steuerhinterziehung natürlich, aber das ist ein anderes Thema. Das britische Trio The Tiger Lilies ist seit 1989 unterwegs und gilt spätestens seit der Mitwirkung am Kultmusical "Shockheaded Peter" im Jahr 1998 als Vorreiter des Genres, welches gerne als "Brechtian Punk Cabaret" bezeichnet wird, wobei "Brechtian Blues" die Sache wohl besser treffen würde.

Sänger Martyn Jacques verwendet mittlerweile einen Tabletcomputer, um seine Texte abzulesen, und nach einer kurzen Verzögerung zu Beginn hat man während des Konzerts immer ein bisschen Angst, die ein oder andere Lilie könnte ausgerechnet auf der Brechtbühne Schiffbruch erleiden. Sie tut es, von einem kleinen Verspieler gegen Ende abgesehen, nicht, das Hin-und-Her-Wischen auf der digitalen Gedächtnisstütze wird bald zu einem Running Gag der Show - und ist bei einem Œuvre von über 30 Alben auch irgendwie nachvollziehbar.

Ehrlich gesagt würde man den drei Schlitzohren sogar zutrauen, dass sie den Bühnennebel selber mitgebracht haben, der quasi direktemang von der Themse aus ihren Taschen kriecht. Klavier und Akkordeon, ein elektrifizierter Kontrabass (gespielt von Adrian Stout) und ein Schlagzeug (Mike Pickering), das mit mehr Gimmicks bestückt ist als ein chinesischer Kuriositätenshop, dazu die musikalischen Kuriositäten singende Säge und Theremin – Auge und Ohr bekommen hier einiges geboten. Und sogar der obenerwähnte Punk zieht (sehr sanft) doch noch zum Finale ein, bei dem das Trio gutgelaunt Publikumswünsche erfüllt.

Im Mittelpunkt steht natürlich Jacques’ Falsettgesang und wenn der Bandgründer in seltenen Momenten die Augen in dem weiß und schwarz geschminkten Clownsgesicht öffnet, bekommt auch die Legende, er habe sieben Jahre lang über einem Bordell in Soho Operngesang geübt, die nötige Glaubwürdigkeit. Anyway, ob nun "prewar Berlin" oder Soho gemeint sind, Themse oder Spree, Jack The Ripper oder Mackie Messer, die Songs und Texte machen nun wirklich keine Gefangenen, außer dem Publikum, versteht sich. Und dann geht's einem plötzlich wie damals beim Zahnarzt, wenn der ausnahmsweise mal nicht gebohrt hat: "Mama, Mama, er hat gar keinen Brechtsong gespielt!" Danke, ihr tapferen Briten. Und cheers! (flo)

Fotos: Tiger Lillies 2013 in Rudolstadt (Wikipedia/Schorle)

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