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Musik

"Ich bin selber kein Fan von deutschen Bands"

Am 03. März gastiert Enno Bunger in der Kantine - ein Gespräch über flüssiges Glück, deutsche Texte und Limp Bizkit...

Der im ostfriesischen Leer geborene Liedermacher und Pianist Enno Bunger hat im September 2015 sein drittes Album "Flüssiges Glück" veröffentlicht, die erste richtige Soloplatte. Den Durchbruch schaffte der sympathische 30jährige mit dem Song "Regen" auf der Online-Konzert-Plattform "TV Noir". Am 03. März spielt Enno Bunger in Augsburg, blöderweise am selben Tag wie Element Of Crime, eine seiner Lieblingsbands.


Beim Albumtitel "Flüssiges Glück" hätte ich an deiner Stelle Angst, dass die Leute zunächst an eine neue CD der Dimple Minds denken...
Der Titel ist nachträglich entstanden, ich habe einfach gemerkt, dass in dem Album viele Flüssigkeiten auftauchen, also auch Blut und Tränen natürlich. Glück ist meiner Meinung nach immer in Bewegung, insofern fand ich das passend. An die Verwechslungsgefahr habe ich ehrlich gesagt gar nicht gedacht.

Du hast ein Jahr lang daran geschrieben und ein Jahr lang aufgenommen – respektable Zeitspanne für ein Singer-Songwriter-Album.
Ich habe sehr viel experimentiert, sehr viele Nächte im Studio verbracht, daheim viel daran geschraubt. Es war einfach sehr aufwendig, so detailverliebt zu arbeiten.

Und es ist deine erste Platte ohne Band.
Genau. Das erste Mal ohne Trio, ich hatte komplette künstlerische Freiheit und konnte mir aussuchen, welches Lied welche Instrumentierung braucht. Ich habe einen tollen "Fundus" an Musikerfreunden, die ich einladen konnte, da konnten wir uns sehr gut austoben.

In deinen Konzertankündigungen findet sich oft die Bezeichnung "Musik- und Textkünstler". Wie ist es denn dazu gekommen?
Das hat sich wohl irgendein schlauer Promo-Mensch überlegt. Aber es stimmt schon, und deshalb brauche ich auch so lange beim Songschreiben, ich überlege sehr genau, was die Aussage eines Textes ist und wie ich allgemeingültige Sätze einbauen kann, die für sich stehen können. Ich habe ein Riesenbuch, in das ich permanent Sätze eintrage, die ich spannend finde. Darauf kann ich immer zurückgreifen.

Ich stell mir das sehr schwer vor, deutsche Texte zu schreiben, ohne in Klischees abzurutschen und ständig "nicht" auf "Licht" zu reimen.
Ja, die Gefahr ist riesig und ich bin selber kein Fan von deutschen Bands, ich höre überwiegend englische Musik. Es gibt viel Gutes in dem Bereich, aber das ist meistens nicht so erfolgreich wie das Schlechte. Ich bin zum Beispiel ein Riesenfan von Element Of Crime, die ja leider parallel zu meinem Auftritt in Augsburg spielen. Ich habe schon überlegt, ob ich selber auf mein eigenes Konzert gehen soll...

Als ich das Video zu "Regen" zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich mir: "Ah, okay, bisschen Niels Frevert, bisschen Gisbert zu Knyphausen..." Wie schwer ist es, in dem Genre seine eigene Marke zu entwickeln?
Natürlich schätze ich die beiden sehr, aber ich denke, dass ich musikalisch eher von Acts wie Radiohead, The XX oder The Acid beeinflusst bin. Beim neuen Album waren es dann sogar Künstler wie Bruce Springsteen, Billy Joel oder Bob Dylan, wodurch die Platte sehr unterschiedlich klingt. Das war der eigentliche Plan, dass jeder Song ein eigenes Genre repräsentiert.

In Artikeln über dich wird immer gerne erwähnt, dass du Kirchenorganist und Barpianist warst. Das machst du aber nicht mehr, oder?
Nein, damit bin ich aufgewachsen. Ich habe mit sechs Jahren begonnen, Klavier zu spielen, und wurde dann irgendwann von der Kirche gefragt, ob ich nicht Lust hätte, eine Ausbildung zu machen, weil denen alle Organisten weggestorben sind. Da war ich 14. Zwei Jahre davor habe ich schon angefangen, in kleinen Bars und auf Firmenveranstaltungen Klavier zu spielen, also irgendwelche Popsachen zu covern. Es prägt natürlich, wenn man sich in so jungen Jahren schon ein Repertoire an Barmusik von sechs, sieben Stunden draufschafft. Es war eine gute Schule für mich, um Popmusik zu verstehen und abbilden zu können. Kirchenmusik ist natürlich auch spannend, aus Bach kann man viel rausholen.

Da kannst jetzt aber von deiner Musik leben?
Ja! Sonst würde ich weiter an der Orgel sitzen, was ich auch gerne noch täte, aber es ist natürlich eins der größten "Glücke", mit seiner eigenen Kunst unterwegs sein zu dürfen.

Stimmt es eigentlich, dass du dich erfolglos an der Popakademie Mannheim beworben hast? Die würden dich jetzt vermutlich mit Handkuss nehmen...
Das stimmt. Irgendwann kam auch mal eine Mail aus Mannheim: "Oh, wir haben alte Bewerbungen durchgesehen – schade!" Für mich war's ein Riesenglück, dort nicht genommen zu werden. Ich wollte nie Frontmann sein, ich bin eher ein zurückhaltender Geschichtenerzähler, der anderen die Show überlässt. Ich hatte einfach Texte, aber niemanden, der singen kann. Ich konnte auch nicht singen, aber dann musste ich halt.

In deinem Wikipedia-Eintrag steht, deine Konzerte würden sich auch durch "ironische und kabarettistische Einlagen" auszeichnen...
Ich habe manchmal Anflüge, ein Konzert zu brechen. Vor allem beim letzten Album galt ich als wahnsinnig trauriger Sänger. Da gab’s sogar eine Debatte auf Zeit-Online über die „traurigen jungen Liedermacher“, die keine Ironie mehr verstehen. Andererseits denke ich, dass gerade die melancholischen Leute gleichzeitig lustig sind, oder umgekehrt, wenn man Robin Williams zum Beispiel anguckt. Ich denke, das gehört zusammen. Sensible Leute haben oft viel Humor.

Kommen wir zum letzten Wikipedia-Trivia: Du warst schon mal "persönlicher Barpianist" von Limp Bizkit?
Auch das stimmt. Ich war im Hamburger Stadtpark auf einem Konzert von The National und hatte das Glück, im Backstagebereich zu landen. Da saßen die Veranstalter und haben schon über die nächsten Konzerte beraten. Es ging u.a. darum, dass Limp Bizkit so begeistert waren von Dieter Thomas Kuhn und ob man denen beim nächsten Besuch nicht mal jemanden in den Backstage bringt, der ein bisschen deutschen Schlager spielt. Und plötzlich guckten mich alle so an und meinten: „Hey Enno, du kannst doch so was. Mach doch mal.“ Also habe ich, während sich Limp Bizkit für die Show warmgemacht haben, nebenher auf dem Klavier gespielt. Das Lustigste war aber eigentlich, dass Anthrax, die alten Metalhelden, Vorband waren und einer von denen mich gefragt hat, ob ich Billy Joel spielen könnte. Und dann saßen wir da, er hat Billy Joel gesungen und ich hab ihn begleitet.

Jetzt zu deinem Augsburgkonzert. Dein Gitarrist spielt auch bei Woods Of Birnam, der Band von Christian Friedel. Die spielen einen Tag später im Rahmen des Brechtfestivals hier. Dein Gig hängt damit aber nicht zusammen, oder?
Nein, das wusste ich auch gar nicht! Dann können wir ja vielleicht noch zusammen frühstücken. Aber auf jeden Fall: tolle Band, hingehen!

Warst du eigentlich schon mal in Augsburg?
Ja, 2014, bei einem nichtöffentlichen Gig im Provino Club. Das war sehr schön. Ich habe schon in Schrobenhausen gespielt – und guten Spargel gegessen - und im Hirsch in Lindenberg, aber der Auftritt in der Kantine ist mein erstes "normales" Konzert in Augsburg.

Wie ist das für ich als ausgewiesenes Nordlicht? Sind Konzerte im Süden eine besondere Herausforderung?
Ich bin ja Ostfriese, und Bayern und Ostfriesland verbindet sehr viel, glaube ich. Auch wenn man denen gewisse eine Rivalität nachsagt, ich erkenne da sehr viel wieder, auch aus meiner Familie, dieses leicht Zurückhaltende: Erst mal gucken, aber dann um so herzlicher sein. Ich habe noch nie Probleme gehabt, außer dass mein Publikum hier durchaus noch wachsen kann. Das passiert aber gerade. Bei meinem Debütalbum habe ich das erste Konzert in Nürnberg gespielt in der Mata Hari Bar, eine echt kleine Bar. Ich musste mein Klavier quasi auf den Tresen legen, das Schlagzeug haben wir irgendwie dahinter gequetscht... Es waren aber auch nur zehn Leute da, nichtsdestoweniger war es ein super Abend.

Auf deiner Homepage animierst du dazu, Platten und Merchandise direkt bei dir zu bestellen. Dieses "Kauf beim Künstler" ist dir wichtig, oder?
Ich mache sehr viel selbst und sehe mich schon als Indietypen, der halt hin und wieder Unterstützung braucht von Label und Agentur. Für mich ist es eine Art regionales Einkaufen, quasi beim Künstler selbst und nicht bei den großen Ketten. Es ist mittlerweile sehr schwer, von Musik zu leben. Das möchte ich den Leute schon bewusst machen: Wenn’s geht, kauft beim Künstler selbst.

Ein Zitat von dir aus einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk lautet: „Wir als weiße Hautfarbenträger, die hier zufällig geboren sind, haben das Glück, nicht politisch sein zu müssen.“ Du hast aber mittlerweile doch die Entscheidung getroffen, politisch zu werden, zumindest in einem Song.
Als es losging mit diesen ganzen Pegida-Protesten, habe ich „Wann kommen die Beschwerden“ geschrieben über den immer noch ungeklärten Todesfall Oury Jalloh, der in einer Arrestzelle in Dessau an einem Feuer gestorben ist, dass er selbst gelegt haben soll. Ich habe darauf sehr bewegende Rückmeldungen bekommen und gemerkt, dass es richtig ist, was ich da tue. Ich möchte das auch ausbauen, zum Beispiel durch Benefizkonzerte für Pro Asyl.

Du hast dich an anderer Stelle mal beklagt, zuviel Facebook zu machen und zu wenig Bücher zu lesen. Ist das mit den Büchern mittlerweile besser geworden?
Leider fehlt mir immer noch die Gelegenheit. Ich mache zwar nicht mehr so viel Facebook, aber es nimmt alles so wahnsinnig viel Zeit in Anspruch, gerade wenn man so viel selber macht. Ja, schade, ich lese eigentlich sehr gerne.

Dein Lieblingsschriftsteller?
Tatsächlich bin ich immer noch so traurig, dass Roger Willemsen gestorben ist. Den mag ich sehr. Ich finde aber auch, er hat so viel Gutes gemacht, er hat den Tod überwunden.
(flo)


Enno Bunger spielt am 03. März in der Kantine mit seiner Band aus Onno Dreier (Synth, Bass), Nils Dietrich (Schlagzeug) und Phil Makolies (Gitarre), die gleichzeitig das Vorprogramm bestreiten: Dreier und Dietrich mit Projektor und Makolies mit seinem Soloprojekt Lestat Vermon.

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