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(M)ein Tag mit den Beatsteaks
Die wohl beliebteste Alternative-Rockband der Nation machte im Oktober Halt in Augsburg. Neue-Szene Redakteur Max Wallner begleitete exklusiv die Beatsteaks einen Tag in der Kantine...
Wenn es in Deutschland eine Band gibt, die seit nunmehr 20 Jahren unermüdlich an ihrem verdienten Erfolg arbeitet, dann die Beatsteaks. Die Alternative-Rocker aus Berlin touren aktuell für ihr siebtes, selbstbetiteltes Studioalbum durch Deutschland, Österreich und die Schweiz und machten am 01. Oktober einen Stopp in Augsburg. Und welcher Ort könnte dafür besser geeignet sein als die Kantine? Der Liveclub im Kulturpark West hat neben allen anderen Vorzügen noch ein weiteres Ass im Ärmel: Soundguru Tom Körbler ist nicht nur Mischer der Truppe, sondern auch Haustechniker in der Kantine. Heimspiel quasi.
So kommt es also, dass ich als alter Fan (ich schlafe heute noch im Beatsteaks-Shirt aus der siebten Klasse) einen ganzen Tag mit meinen Jugendidolen verbringen darf. Und dieser Tag beginnt (für echte Rockstars) ganz schön früh.
11:30 Let the show begin!
Ich erreiche die Kantine zur frühen Mittagszeit. Die Beatsteaks sind seit zehn Uhr da. Ich begrüße den fußballspielenden Gitarristen Peter Baumann. „Moin, die anderen sin schon rin!“ Auf dem Weg nach drinnen liegt Arnim Teutoburg-Weiß, Sänger und Rampensau, auf dem Boden und macht Sit-ups. Er trägt Sportklamotten und sieht aus, als wäre er schon eine Weile beschäftigt. Okay, begrüßen wir später. Einer nach dem anderen schüttelt mir die Hand, alle wirken entspannt und gutgelaunt. Der „Morgen“ gehört anscheinend jedem Bandmitglied allein. Wäre das anders überhaupt möglich?
12:00 Aufbau
Während die Bandmitglieder mal mehr, mal weniger schlaftrunken in der Kantine herumspazieren oder Sport machen, ist die andere Hälfte der Mannschaft schon fleißig am Arbeiten. Zu einer Clubtour in der Größe der Beatsteaks gehört eine ganze Crew an Helfern, die hinter den Kulissen arbeiten. Insgesamt zähle ich vierzehn Leute. Zwei Manager, fünf Techniker, ein Busfahrer und sechs Musiker. Für die Tour haben sich die Beatsteaks Verstärkung geholt. Dennis Kern spielt Sachen, wofür anderen die Hände ausgehen: Tasten, Percussion, sogar Gitarre. Wo die alle Platz haben? Gute Frage.
Ich laufe der (zum großen Teil schwarzgekleideten) Technikcrew hinterher und lande vor einem riesigen (ebenfalls schwarzen) Doppeldecker-Nightliner mit getönten Scheiben. Die „Aida“ unter den Bussen quasi. Bloß eben nicht bunt. An diesem Schiff hängt zusätzlich ein Anhänger, der den Nightliner noch größer aussehen lässt. „Dit muss alles rin!“ Also anpacken und die Kantine mit Equipment füllen. Kinderspiel.
12:30 Frühstück
Am eigentlichen Tresen der Kantine findet sich ein galaktisches Buffet, das jedem Crewmitglied das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen müsste. „Ist so ein Buffet normal?“ - „Wir achten schon darauf, dass sich unsere Bands wohlfühlen“, meint Kantine-Mitbetreiber Sebastian Karner. „Sieht geil aus, wa?“, fügt Torsten, Bassist der Beatsteaks, hinzu und grinst über beide Ohren. Er sieht noch etwas verschlafen aus. Sänger Arnim gesellt sich zu uns und fängt an, sich sein Frühstück zu holen. Sieht so der Touralltag aus? „Ja, meistens schon. Aber so entspannt wie hier war es länger nicht mehr. Da haben wir schon andere Sachen erlebt.“
Bis die Band wirklich etwas zu tun hat, gestaltet sich jeder seinen eigenen Start in den Tag. „Arnim macht Sport, Bernd schläft, ich überprüfe, was so an Interviews auf uns zukommt. Jeder hat seinen eigenen Vormittag“, erzählt Torsten und schließt sich nicht viel später mit Eric Landman, einem der beiden Manager, kurz. Auch Arnim verlässt den Tisch. „Ich geh mal meine Familie anrufen.“ Da ist sie also. Das letzte Stückchen Privatsphäre auf Tour. Es wird einer der wenigen Momente sein, in denen der Sänger am heutigen Tag nur für sich ist.
13:15 Zeit totschlagen
Es passiert wenig. Die Crew ist in der Routine angelangt und befindet sich mitten im Aufbau. Soundchef Tom Körbler befestigt währenddessen nicht erkennbare Installationen auf der Bühne. Alle anderen treiben sich irgendwo auf dem Gelände herum. Jetzt werde ich von Bernd Kurtzke begrüßt, dem zweiten Gitarristen. Er ist gerade eben aufgestanden und besichtigt erst einmal die Location – so gut das in diesem Zustand eben geht. Nach gut zwei Stunden vor Ort habe ich das Gefühl, dass das heute nicht der einzige Moment bleiben wird, in dem ganz simpel eins angesagt ist: Warten.
13:45 Aufbruch
Weniger unruhig, aber vergleichbar gelangweilt macht sich auch bei Arnim Aufbruchsstimmung breit. Wir philosophieren über Hüte (wir sind beide begeisterte Hutträger) und die entsprechende Tradition in Augsburg. „Tom schuldet mir noch einen Hut! Das hat er mir zum Geburtstag geschenkt!“, fällt Arnim ein. Keine zehn Minuten später holt uns ein Taxi und wir fahren in die Stadt. Rockstar-Shopping.
14:15 Hutfachsimpeln auf hohem Niveau
Im Hutgeschäft Neubarth in der Karlstraße kommen Fachwissen und ein gutes Auge fürs Detail zusammen. So oder so ähnlich. Zumindest sind wir dank guter Beratung und satter Auswahl nach einer halben Stunde um einen Hut reicher. Und die Gästeliste um zwei Plätze. Herbert Jennissen, Hutmacher und Verkäufer, hat sich spontan entschieden, auch zu kommen. „Ich mag Led Zeppelin! Ist das ähnlich?“ - „Mhhhm. Ein bisschen schneller und lauter vielleicht...“
14:55 Interview und Tee
Während wir die Innenstadt zum nächstbesten Café ablaufen führt Arnim per Telefon ein Interview mit einem Radiosender. Der Presseandrang war groß. Da muss dann eben auch mal aufgeteilt werden. So kommt es, dass zeitgleich mehrere Interviews geführt werden. Einer hier, einer da.
Wir sitzen auf der Terrasse eines Cafés. Das Wetter spielt mit, die Sonne steigert die Lust, noch ein bisschen länger in der Stadt zu bleiben. Arnim fängt ganz von sich aus an, aus dem Nähkästchen zu plaudern. Er wirkt fast nostalgisch, wie er die Geschichten seiner Band erzählt. Als ob er jetzt erst realisieren würde, wie weit er es schon gebracht hat. Es geht zurück in die Kantine.
16:04 „Klangprobe“
Es ist soweit. Der gemeinsame „Arbeitstag“ für die Band beginnt. Gut fünf Stunden vor der Show kommen die ersten Klänge aus dem Flammensaal. Mit am Start: Familie Körbler. Die Kinder von Tom, dem Mischer der Beatsteaks, sind vor Ort und freuen sich, ihren Papa mal wieder zu Gesicht zu bekommen. Bei der Ochsentour, wie sie die Berliner machen, ist das schon fast eine Seltenheit. Hier wird schnell klar, dass die Beatsteaks ein eingespieltes Team sind. Die selbsternannte „Klangprobe“ wirkt wie eine hundertfach wiederholte Choreografie, was der Stimmung jedoch nicht schadet. Überall wird gewitzelt, gelacht, gedattelt. Auf einmal sehen die Papas auf der Bühne wieder aus wie sechzehn. Der Unterschied zu den vielen Amateurbands da draußen wird schwindend gering. Blödeleien, Gags, Meckern. Jede Gelegenheit wird genutzt, um ein bisschen auf der Bühne rumzublödeln und Klassiker zu covern. Der Spaß geht den Jungs also nicht flöten. Aber die Ruhe, die alle Crewmitglieder ausstrahlen, lässt sie trotzdem professionell wirken. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen.
18:00 Abendessen
Wie sich es für echte Rockstars gehört, wird vor dem Konzert noch einmal richtig geschlemmt. Im Backstage erwartet die komplette Crew wieder ein herzhaftes Buffett, das keine Wünsche offenlässt. Ob man sich ans Touressen gewöhnt? „An so was muss ich mich nicht gewöhnen, so gut wie das schmeckt!“, meint Thomas grinsend und zeigt dabei auf seinen leeren Teller. Große Trinkerei oder sonstige Klischees werden beim Essen nicht erfüllt. Fast unangenehm ruhig ist es im Backstage. Jeder kaut vor sich hin, das Klirren des Bestecks ist das einzig wahrnehmbare Geräusch im Raum. Lauter wird es erst, als Toms Kinder kommen. Und siehe da: In kürzester Zeit werden aus Rockstars richtige Papas und aus Kindern Stars. Die beiden Kids sind der Mittelpunkt der Runde. Es fühlt sich an wie Weihnachten am großen Tisch, oder wie Zuwachs in der Familie. „Onkel Torsten, holst du bitte noch Sauce?“ - „Aber klar, Kleener! Ick will doch, dass aus dir was wird, wa!“
19:30 Warten #2
Die Band ist jetzt unter sich. In der Luft hängt ein Hauch von Lampenfieber. Ob sich die Nervosität nach den vielen Jahren ändert, frage ich Peter. „Ne, das bleibt eigentlich immer gleich. Egal, ob du vor 500 oder 5000 Leuten spielst. Es ist immer gleich aufregend und immer geil.“ Das Warten nimmt kein Ende...
21:32 Rock'n'Roll
Es ist angerichtet. Mit Glockenläuten werden knapp zweieinhalb Stunden schweißtreibender Punkrock eingeläutet. Die Kantine ist brechend voll, ausverkauft. Schon vor dem Konzert kann man die Luft schneiden. Sie kommen – und die Menge tobt.
Was soll man zu einem solchen Konzert sagen? Wer die Beatsteaks kennt, weiß, dass die vielen Preise als „Bester Live-Act“ jedes Mal zu Recht den richtigen Empfänger bekommen haben. Die Beatsteaks verdanken ihre Karriere nicht zuletzt ihrem guten Ruf als Liveband.
Ich entziehe mich dem Getümmel und betrachte die Show von der Seite. Ich sehe dort eine Band, die sich dem Publikum hingibt, die genau für dieses Publikum lebt, genau dafür Musik macht. Ich sehe eine Band, die nach fast 20 Jahren (2015 feiern sie ihr großes Jubiläum) unermüdlich weitermacht, spielt, schreibt und kämpft. Eine Band, die es verdient, gelobt zu werden, und die es verdient, geliebt zu werden. Wer sich diesem Sog entziehen kann, muss - ganz unabhängig von musikalischen Vorzügen - ein Emotionsproblem haben. Ich stehe also am Rand mit verschränkten Armen und gucke mir die Musiker an, die mich meine komplette Jugend lang begleitet haben und denke mir, als ob es nichts Selbstverständlicheres gäbe: Ach, das sind meine Jungs.
23:39 Letzte Zugabe
Die „Jungs“ kommen ein letztes Mal auf die Bühne. Die Augsburger schaffen es auch beim zweiten Versuch, noch ein Ständchen zu ergattern. „I don't care as long as you sing“ gröhlt es aus hunderten Kehlen. Die Kantine tropft.
00:53 Es ist nass
Die Kantine will sich nicht so recht leeren. Vereinzelt stehen immer noch Fangrüppchen rum, die darauf warten, die Band noch ein letztes Mal zu sehen, nur für ein Autogramm, ein Foto, ein kurzes Gespräch. Doch nach dem letzten Lied verschwinden die sechs Berliner in den Backstage-Raum und sind erst einmal anderthalb Stunden für sich. „Sendepause“ heißt es auch für mich. Die Band braucht jetzt Ruhe. Für ein paar letzte Worte muss ich mich wohl noch ein wenig gedulden...
01:04 Jogginghosen und Bier
Um kurz nach ein Uhr erweist die Band den übrigen Fans noch einmal die Ehre und mischt sich in die Menge. Sie sehen kaputt aus. Und glücklich. Arnim trägt Jogginghose, er wirkt wie der Kumpel von nebenan. Ich klopfe den Jungs auf die Schulter und mache mich aus dem Staub.
Fazit
Am Ende sind es (mal wieder) viele verschwitzte, grinsende Gesichter, welche die Kantine verlassen. Noch immer sind die Wände nass, das Licht blendet. Wie ein großes Luftloch, in das man starrt, mit Schweißgeruch. Ich fühle mich wie nach einem 24-Stunden-Tag und habe dabei doch so wenig gemacht. Ich lasse mir die Erlebnisse noch einmal durch den Kopf gehen und realisiere halb im Traum die vergangenen Stunden. Wenn ich an diesem Abend eines gelernt habe, dann erstens, dass vom Bild des Rockstars in Wirklichkeit nicht viel existiert. Keine Drogen- und Alkoholexzesse, keine Groupies. Und zweitens, dass von diesem Bild auch gar nicht viel existieren muss, um als Band ein authentisches und sympathisches Auftreten zu vermitteln. Außerdem: Auch Papas können echte Rocker sein – gerade dann! Vielleicht sind die Beatsteaks ganz einfach die sympathischste Band, die es gibt. Oder die beste!
(Max Wallner)






