Niels Frevert spielt am 04.12. in der SOHO Stage

Interview mit dem Liedermacher und Chansonnier. Von Reinhard Franke

Herr Frevert, was bedeutet „Putzlicht“, der Titel Ihres aktuellen Albums?
Das ist ein Begriff aus der Gastronomie. Er wird auch im Theater benutzt. Das ist das Licht, das angeht, wenn die Vorstellung, das Konzert oder die Party vorbei ist. Wenn der Club schließt, dann geht das sehr nüchterne Neonlicht an. Dann wird aufgeräumt und aufgeklart. Die Leute gehen nach Hause oder ziehen weiter. Es ist das Ende, aber auch der Anfang von etwas Neuem.

Auf dem Cover der neuen CD sieht man einen Nachtfalter. Was hat es damit auf sich?
Er kommt auch im Text von Putzlicht vor. Das ist die berühmte Motte, die ins Licht fliegt.

Was ist für Sie das Besondere am neuen Album?
Der größte Unterschied zu den letzten drei Alben ist, dass ich anders gearbeitet habe. Die zurückliegenden Werke sind rein mit akustischen Instrumenten entstanden. Dieses Mal haben wir viele elektrische Gitarren dabei, auch ein paar Keyboards, alte Synthesizer, Vintage Synthesizer, natürlich in Maßen. Es ist dieses Mal einfach ein anderes Sound-Bild entstanden. Und es gibt deutlich weniger Balladen, nämlich nur zwei, der Rest sind eigentlich Uptempo-Nummern. Außerdem habe ich dieses Mal mit Philipp Steinke, einem neuen Produzenten gearbeitet. Die letzten drei Alben gingen eigentlich mehr über das Arrangement und das Zusammenspielen. Dieses Mal habe ich bei mir zu Hause Demos gemacht. Mit Bass und Schlagzeug und zwei Gitarren, so wie früher.
Und dann haben wir aus diesen Demos eine Vor-Produktion gemacht. Wir haben an den Liedern lange gearbeitet. Ich habe bei jedem Song, einfach um das Beste rauszuholen, auch Kollegen konsultiert, ihnen die Songs vorgespielt und geschaut, ob noch was geht, um die Sache spannender zu machen. Erst, als wir die Vor-Produktion fertig hatten, haben wir den Schlagzeuger angerufen. Und dann haben wir im Grunde noch mal von vorne angefangen.

Von Ihnen stammt der Satz „Ich möchte nicht zu viel sein“. Wie ist das zu verstehen?
(Lacht) Ich möchte aber auch nicht zu wenig sein. Der Satz fiel in einem bestimmten Zusammenhang. Ich wurde gefragt, warum ich nicht so oft in Hamburg spiele. Doch ich habe es schon immer so gehalten, dass ein Konzert etwas Besonderes sein soll. Ich wollte nie ein lokaler Held sein. Deswegen halte ich mich in Hamburg eher zurück. Ich halte mich auch bei Social Media eher zurück. Ich bin tatsächlich der etwas zurückhaltende Typ. Das ist mein Naturell. Das heißt aber nicht, dass ich vom Erdboden verschluckt werden will.

Sie nutzen aber Social Media, oder?
Ja, darauf kann ich als Künstler natürlich nicht verzichten. Ich muss aber auch gestehen, dass ich bei Instagram erst acht bis zehn Wochen unterwegs bin und ich noch ein wenig auf der Suche bin, wie mein Weg da aussehen soll. Ich schaue natürlich ein bisschen, was die Kollegen machen und versuche aber meinen eigenen Weg zu gehen. Ich werde bestimmte Sachen nicht machen, möchte da nicht zu privat werden. Und ich möchte mich auch nicht bei meinem Publikum anbiedern. Aber ich möchte schon präsent sein. Die Leute sollen mich dort finden. Das lässt sich gar nicht umgehen.
Es gibt bei Social Media natürlich viele abschreckende und erschreckende Beispiele. Und ich bin manchmal auch über bestimmte Sachen erstaunt, die vor zehn Jahren noch echt uncool gewesen wären, jetzt aber anscheinend nicht mehr uncool sind. Da komme ich manchmal nicht so ganz mit. Es gibt aber eine Möglichkeit Instagram so zu gestalten, wie man es selbst für richtig hält und dass auch etwas Tolles und Schönes dabei herauskommt. Ich sehe zum Beispiel Instagram-Seiten von Künstlern, die super schön gestaltet sind und deren Profil fast ein kleines Kunstwerk ist. Es ist natürlich immer die Frage, was man da transportieren möchte. Es ist auch eine Generationsfrage. Die Jugendlichen sind ganz anders damit aufgewachsen und haben viel weniger Berührungsängste. Das muss man nicht unbedingt nachmachen, aber ich werde es auch nicht verurteilen. Die Zeiten ändern sich einfach.

Wie zufrieden sind Sie mit ihren Jahren als Solokünstler? Sie haben 1997 begonnen.
Manchmal bin ich ganz zufrieden, manchmal nicht so sehr. Ich bin nicht so zufrieden damit, dass ich jetzt fünf Jahre gebraucht habe bis zur Veröffentlichung der neuen Platte. Wenn ich aber vor zwei oder drei Jahren schon ins Studio gegangen wäre, dann hätte die Platte so etwas Leidendes gehabt. Und das wollte ich nicht. Ich wollte eine starke, kräftige Platte auf die Beine stellen. Ich wünsche mir aber, dass ein paar mehr Leute zu meinen Konzerten kommen. Ich bin selbst ganz erstaunt, dass ich einer der wenigen Künstler in Deutschland bin, der mehr Platten verkauft als Konzerttickets. Ich weiß gar nicht, woran das liegt. Klar wünsche ich mir manchmal auch mehr Unterstützung von Seiten der Medien, speziell der Radiosender. Ich würde lügen, wenn ich mich da nicht manchmal wundern würde. Manchmal habe ich das Gefühl bei mir passieren die Dinge mit Verspätung. Wenn ich zurückdenke an die Veröffentlichung von „Du kannst mich an der Ecke rauslassen“ (2008, d. Red.), da hat kaum eine Zeitschrift über diese Platte geschrieben. Die Platte hat sich dann aber weiterhin verkauft und verkauft und verkauft. Das hörte gar nicht mehr auf. Zehn Jahre später sehe ich in den Zeitschriften, die die Platte damals nicht erwähnt hatten, dass dieses Album in den Listen der 50 besten Platten aller Zeiten auftaucht, die aus Deutschland kommen. Das finde ich natürlich ganz erstaunlich. Ich will hier jetzt auch nicht kokettieren, aber manchmal braucht es dann vielleicht auch etwas Zeit, bis manche Sachen wahrgenommen werden.

Wie sehr glauben Sie mit der neuen Platte an den nächsten Schritt? Sie haben mit Grönland Records das Label von Herbert Grönemeyer im Rücken.
Und da bin ich auch sehr happy und fühle mich sehr wohl. Den nächsten Schritt zum kommerziellen Erfolg kann ich momentan gar nicht richtig einschätzen. Wir haben uns von der letzten Platte („Paradies der gefälschten Dinge“, d. Red.) alle etwas mehr erhofft. Im Nachhinein kann ich es verstehen, dass dieses Album nicht so der Renner war. Es ist keine einfache Platte. Sie hört sich heute selbst für mich etwas hin- und hergerissen an. Ich weiß auch, woran das liegt. Ich war persönlich mit ein paar Dingen beschäftigt, die es mir damals nicht leicht gemacht haben die Platte zu Ende aufzunehmen und auf Promo-Tour zu gehen. Die großen Drama-Balladen sind super geworden. Die Songs, die etwas mehr Leichtigkeit transportieren sollten, sind mir nicht so leicht von der Hand gegangen. Das ist der größte Unterschied. Ich hatte zwei große Vorgaben für die neue Platte. Für mich selbst. Erstens, dass ich genügend Uptempo-Nummern mit Single-Potenzial auf der Platte habe. Diese liegen mir wirklich am Herzen. Ich denke mit denen kann ich mich draußen sehen lassen. Und zweitens, dass ich auch jeden einzelnen Song alleine auf der Gitarre spielen kann. Weil ich dann auch mal wieder alleine durch Österreich und die Schweiz touren und da schöne Solo-Konzerte spielen kann. Da freue ich mich schon drauf. Das hat mir gefehlt. Ich denke der Plan mit den beiden Vorgaben ist ganz gut aufgegangen. Beides wurde erfüllt.

Wie groß ist ihre Sehnsucht nach einem nächsten Hit?
Der wichtigste Song auf dem neuen Album ist „Immer noch die Musik“. Es würde mich schon enttäuschen, wenn er sang- und klanglos untergehen würde und nicht von den Radiosendern wahrgenommen werden würde. Ich glaube nämlich, dass in dem Song alles drin ist. Aber für die Radiostationen, die ein bisschen alternativ angehaucht sind, müsste „Immer noch die Musik“ interessant sein.

Wie wichtig ist Ihnen Kritik in den Medien? Setzen Sie sich damit auseinander?
Ich lese mir natürlich die großen und wichtigsten Sachen durch. Da bin ich zu neugierig. Und dafür hat man auch zu viel Zeit und Liebe in die Songs reingesteckt. Ich will das schon wissen, wie es aufgenommen wird. Aber ich lese mir nicht jeden Kommentar bei YouTube durch.
Für mich ist Musik-Journalismus auch ein Handwerk. Und ich interessiere mich dafür, wenn jemand das Handwerk beherrscht. Dann ist es interessant. Es tummeln sich aber in jeder Branche auch Menschen, die das Handwerk nicht so verstehen und das auch nicht so wichtig finden. Ich möchte aber jetzt auch nicht zu viel meckern.

Eines der schönsten Zitate auf dem neuen Album ist: „Ich sehe keine dunklen Wolken mehr, da ist kein dunkles Wolkenmeer“. Fallen Ihnen solche Wortspiele einfach zu? Auch die Textzeile mit den Fransen vom Nachtisch-Lampenschirm...
Ich bin tatsächlich immer offen für gute Wortspiele und schreibe diese dann auf. Im Fall der Fransen vom Nachttisch-Lampenschirm hatte ich es danach durchgelesen und mich gefragt, ob ich das schreiben kann. Wenn ich mir diese Frage aber schon stelle, dann weiß ich auch, dass ich es aufnehmen muss. Ich weiß, dass es am Ende meine Lieblingszeilen sind.

Konnten Sie das letzte Album nicht richtig einschätzen? Heute beurteilen Sie es innerlich zerrissen.
Ich möchte jetzt niemanden, der an der Produktion des letzten Albums beteiligt war und es schön findet, verletzen. Die Platte bedeutet mir schon auch sehr viel. Aber es ist tatsächlich von allen bisherigen Alben, die ich bisher solo aufgenommen habe, das Werk, dass ich tatsächlich am wenigsten einschätzen kann. Es hängt auch damit zusammen, dass es eine komische Zeit für mich war. Und dass ich mich im Grunde genommen am Prozess der Aufnahmen auch ein bisschen festgehalten und einfach weiter gemacht habe. Ich höre eine innere Zerrissenheit. Es ist überhaupt kein schlechtes, sondern ein gutes Album. Aber irgendwie in sich nicht ganz stimmig. Ich sehe da irgendwie ein paar Beulen und es ist als Album über die ganze Strecke nicht ganz klar. Das sind Songs dabei wie „Schwör“ oder „Morgen ist egal“, die habe ich vorher so noch nicht hingekriegt. Das Album hat Schlangenlinien, es geht ein bisschen auf und ab. Jede Platte hat auch sein Innenleben. Ich hoffe, dass die neue CD als ein starkes kraftvolles Album wahrgenommen wird.

„Putzlicht“ klingt harmonisch und leicht. Fühlen Sie sich gerade so?
Mir geht es gut. Die Zusammenarbeit mit Philipp Steinke war eine tolle Erfahrung. Ich habe unheimlich viel gelernt und glaube auch, dass sich dies für mich im Song-Writing nochmal widerspiegelt. Das war eine spannende Zeit, denn wir sind wirklich sehr ins Detail gegangen. Es hat viel Energie gekostet. Ich habe fast den kompletten Winter und das halbe Frühjahr in Berlin verbracht, habe dort in einer sehr kleinen Wohnung gelebt, mit kaltem Wasser und mit einem Kohleofen. Ich fand es super und es hat mich irgendwie weitergebracht. Ich bin auch so, dass ich mit Luxus in Form eines Sterne-Hotels nicht so viel anfangen kann. Das hat bei meinem Platten-Aufnahmen nichts zu suchen. Ich brauche das ein bisschen, die Basis zu spüren.

Der Song „Putzlicht“ stellt eine Abwechslung zu all den Uptempo-Nummern auf der Platte dar. Was hat der Titel für einen Stellenwert?
„Putzlicht“ ist die große Ballade auf dem Album. Ich dachte mir, wenn der Hörer nach den ersten fünf Nummern eine solche Ballade hört, dann glaubt er es ist ein gutes Album. Spätestens dann. Ich glaube das ganze Album ist in sich stimmig.

Stimmt es, dass Sie Ihre Gitarre anderthalb Jahre nicht angefasst haben?
Ja. Ich habe es immer mal versucht. Auch Dinge für mich festgehalten, aber ich habe das alles in die Tonne getreten. Es klang mir zu leidend.

Und wann haben Sie die Arbeit am neuen Album dann aufgenommen?
Der erste Song war im Sommer 2017 fertig. Im Dezember 2017 war die Hälfte der Songs geschrieben. Und ab dann habe ich konkret mit den Planungen begonnen. Ich dachte ich würde im Winter 2018 fertig sein. Wir haben aber erst im Herbst / Winter angefangen. Wir waren dann Ostern 2019 mit allem fertig. Es dauert dann bei mir einfach immer länger. Ich bin tatsächlich ein bisschen langsam. Aber fünf Jahre sind zu lange. Ich habe da auch keine Zeit zu verlieren. Das hat mir auch weh getan. Dass ein bis zwei Jahre einfach so vergangen sind, das fand ich nicht so toll.

Warum machen Sie nach der Tour im Oktober jetzt noch eine Akustik-Tour?
Ich freue mich, wenn wir in diesem Jahr noch so viele Termine wie möglich spielen können. Es wird sicherlich 2020 weitergehen. Es ist auch noch nicht 100 % sicher, mit welcher Besetzung wir im Dezember bei der Akustik-Tour auftreten werden. Ich werde da nicht solo auftreten. Jetzt habe ich erst mal die erste Tour vor der Brust und hoffe, dass alles gut wird. Dann kommt der nächste Schritt.

Und die Gründung einer eigenen Band ist für die Zukunft ausgeschlossen?
Das weiß ich nicht, würde es nicht ausschließen. Es hat alles seine Vor- und Nachteile. Als Solokünstler kannst du selbst entscheiden, aber du bist auch für alles zuständig. Momentan ist es mit der Live-Band einfach großartig. Ich bin bei den Open-Air-Konzerten jedes Mal mit so einem guten Gefühl auf die Bühne gegangen. Es ist wirklich toll mit dieser Band. Es gibt mir Halt und macht riesigen Spaß.

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