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„Hätte ich nicht schon ein Zuhause, dann würde ich nach Augsburg ziehen!“
Am 13.10. spielen die Sportfreunde Stiller im ausverkauften Kongress am Park.
„Happy Birthday“ lautet der Titel ihres aktuellen Albums, das pünktlich zum 30. Bandjubiläum erschienen ist. Am 13. Oktober geben die Sportfreunde Stiller im ausverkauften Kongress am Park ihre Visitenkarte ab. Walter Sianos traf Bassist Rüdiger „Rüde“ Linhof zum Interview, der sich als echter Augsburg-Fan outete.
Rüde, am 13. Oktober spielt ihr mit den Sporties im Kongress am Park. Eure erste Show in Augsburg fand 1997 nur 200 Meter von dort statt. Kannst du dich noch daran erinnern?
Voll, vor allem deswegen, weil das Kerosin eine unglaubliche Ähnlichkeit mit dem Atomic Café in München hatte. Und was die Show betrifft, ich glaube beim ersten Mal waren jetzt nicht so wahnsinnig viele Leute da…
Circa 25… Aber ein Jahr später waren es an gleicher Stelle schon 250 Zuschauer und 1999 war das Ostwerk mit 700 Fans rappelvoll.
Es war schon krass, wie schnell alles zu dieser Zeit an Fahrt aufgenommen hat. Wir haben uns als Band nie groß ernst genommen, haben viel gefeiert und hatten eine gute Zeit, darum ging es erst einmal. Also ganz anders als beispielsweise die Hamburger Schule, die viele Dinge kritisch anprangerte. Das lag uns fern, wir waren da in gewisser Art und Weise auch etwas unbedarft. Aber anscheinend haben wir auch einen Nerv getroffen und waren zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle.
Was verbindest du mit unserer Stadt?
Ganz ehrlich, ich liebe Augsburg und finde es toll, dass es nicht weit von München eine Stadt gibt, deren Zentrum nicht nur aus Telekom-Läden und Mega-Ketten besteht, sondern von vielen supernetten, kleinen Shops in der Altstadt. In Augsburg wird viel an Kultur geboten wie in der Villa Schöne Felder und die freie Kunstszene wird gefördert. Ich sage immer, dass Kultur ein Spiegel der Menschen ist, in München regiert nur noch Geld. Die Stadt ist inzwischen weit weg von ihren Bürgern.
Wenn das mal kein schönes Kompliment ist.
Meine Tochter fährt oft nach Augsburg und wir kennen und lieben Orte wie die Kahnfahrt, den Lech und die Wertach, es gibt sehr viele Stellen, wie den Siebentischwald, Lechpark oder Kuhsee, wo man wunderbar hinradeln und abhängen kann. Hätte ich nicht schon ein Zuhause, dann würde ich nach Augsburg ziehen!
In eurer Karriere ging es bis 2014 immer steil bergauf. Dann folgte eine lange Pause. Was wäre eigentlich passiert, wenn ihr euch 2022 nicht wieder gefunden hättet? Gab es zu dieser Zeit überhaupt einen Plan B in eurem Leben?
Wir waren damals ausgebrannt und konnten nicht mehr miteinander. Wir hatten uns nicht gestritten, hatten aber auch keinen Spaß mehr miteinander. Und so ist erst Mal jeder seinen Weg gegangen. Ich war anfangs ziemlich verloren und musste mich neu orientieren. Es war merkwürdig, ohne diesen Glanz der uns jahrelang umgeben hat, zu leben und es gab auch Situationen, wo ich so etwas wie Genugtuung oder auch Häme bei einigen Leuten gespürt habe. So nach dem Motto „jetzt bist du mal unten“. Aber irgendwann hat sich jeder auf seine Weise neu orientiert und ist in seine Spur gekommen. Wenn ich heute so zurückblicke, dann hat uns diese Phase sehr gutgetan.
Ihr musstest euch quasi neu erfinden.
Genau so war es. Ich bin ein politischer Mensch und habe mich da auch engagiert. Ich habe u.a. mit traumatisierten Kids gearbeitet, Surfcamps organisiert und beruflich im digitalen Bereich einige Projekte ins Laufen gebracht. Flo hat Bücher geschrieben und Peter, auf den wohl am meisten in unseren gemeinsamen Bandjahren eingeprasselt ist, hat endlich seine langersehnte Ruhe im Kreis seiner Familie gefunden. Ich glaube, ich kann sagen, dass unser Verhältnis wieder sehr stabil und die Band zu einem gemeinsamen Schatz geworden ist, der alles befruchtet, was uns wichtig ist.
Ich zitiere Flo aus einem Interview mit uns aus dem Jahr 2022: „Vor allem Peter hat sich in seiner Rolle als hochdekorierter Hausmann sehr wohlgefühlt“.
Ja, das stimmt, aber er ist schon auch glücklich, dass alles so gekommen ist, wie es heute ist. Denn letztendlich kann man nicht mit einer „Hausmann“-Visitenkarte durchs Leben ziehen (lacht).
Bei Flo herrschte damals ein Mix aus Vorfreude, aber auch Skepsis, ob alles funktionieren würde. Wie wir heute wissen, habt ihr alle Erwartungen gesprengt.
Total, wir sind bewusst ohne Erwartungen ins Rennen gegangen. Aber uns blieb ja auch gar nichts anderes übrig, denn keiner wusste, wie unsere Fans auf dieses Comeback reagieren würden. Aber ganz ehrlich, wir hätten nicht mit so einem Erfolg gerechnet. Es ist einfach unglaublich, dass wir nach so vielen Jahren nichts an Popularität eingebüßt haben und dafür sind wir auch sehr dankbar. Wir sind ein Sammelbecken für Menschen mit Optimismus und Optimismus ist der größte Feind des Faschismus. Deswegen richten wir unseren Blick positiv nach vorne.
Ihr habt jetzt drei produktive und turbulente Jahre hinter euch, habt sehr viele Shows und Festivals gespielt und zwei Alben veröffentlicht. Nach „Jeder nur ein X“ folgt zum 30. Bandjubiläum das Album „Happy Birthday“. Zufrieden mit der Ausbeute?
Das erste Album nach dem Comeback war vielleicht noch gewissermaßen eine Suche und bei manchen Songs hat das letzte Fünkchen an Konsequenz gefehlt, aber mit „Happy Birthday“ sind wir – so empfinden wir es zumindest – voll im Flow und das ist total schön.
Mit der Single „Ti amo, italiano“ habt ihr eine Italo-Nummer veröffentlicht. Ihr wollt jetzt aber nicht im gleichen Teich fischen, wie unsere lokalen Pop-Heroen Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys?
Peter hat in den 90er Jahren in Italien studiert und nach „Novanta quattro“ und „Come sara?“ ist dieser Song bereits der dritte auf Italienisch. Aber es ist schon der Hammer, dass aus Augsburg so eine fette Band kommt. Erstaunlicherweise sind wir uns bis heute noch nicht begegnet.
Seit einigen Wochen läuft eure Doku „Mit dem Herz in der Hand“ in der ZDF-Mediathek. Ich finde sie sehr gelungen, weil sie genau diesen Spirit einfängt, der euch auszeichnet. Was ist das für ein Gefühl, wenn einem sein eigenes Leben vorgeführt bekommt.
Das ist eine gute Frage. Ich hatte richtig Schiss vor der finalen Version. Wir haben sie mit der kompletten Crew angeschaut und da gab es auch feuchte Augen, weil alle das Gefühl hatten, dass hier ihre Geschichte erzählt wird. Es ist das größte Geschenk, dass man uns manchen konnte, weil das so treffend dokumentiert wurde.
Nach der Tour ist vor der Tour… Habt ihr für eure weitere Zukunft einen Matchplan oder lasst ihr einfach alles laufen?
So ein Apparat braucht natürlich Struktur und Planung. Deshalb würde ich sagen, dass wir alles organisiert laufen lassen (lacht). (ws)






