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Nachgefragt

Nene, Dede, Das Atelier... Familie als Geschäftsmodell?

Wie fünf Geschwister aus Herkunft, Familie und Unternehmergeist ihre eigenen Orte aufbauen

Furkan und seine Geschwister führen in Augsburg inzwischen vier ganz unterschiedliche Orte: die Cafés Dede und Nene, das Hotel Dede und seit Kurzem einen Co-Working-Ort, Das Atelier. Was als Sehnsuchtsidee begann, ist zu einem Familienunternehmen mit über 40 Mitarbeitenden geworden. 

Von Tanja Moosrainer

Fünf Geschwister, ein Unternehmen, vier Läden: Wie viel Familienharmonie steckt da dahinter?

Ich glaube, es fängt damit an, dass wir zu fünft in einem Kinderzimmer groß geworden sind. Vom Kleinkindalter über die Pubertät bis zum Erwachsenwerden lernt man sich zwangsläufig kennen – und auch zu streiten. Das war eine sehr gute Schule für die Zukunft. Meinungsverschiedenheiten gibt es natürlich immer noch. Bei kleineren Entscheidungen gilt bei uns das Mehrheitsprinzip: Wir sind zu fünft, also gibt es kein Unentschieden. Bei wirklich wichtigen Entscheidungen muss es dagegen einstimmig sein. Und selbst wenn wir uns gestritten haben: Am Ende des Tages sitzen wir bei Mama am Esstisch. 

Fünf Geschwister, fünf Persönlichkeiten: Wer kann was am besten?

Jeder hat seine Stärken. Unser ältester Bruder ist unser „Mr. Fix“. Wenn irgendwo etwas nicht funktioniert, repariert er es. In der Gastro ist das unglaublich wichtig. Ich kümmere mich um Branding, Marketing, Social Media und Öffentlichkeitsarbeit. Einer meiner Brüder macht die Buchhaltung. Da bin ich sehr froh, weil mir schwindelig wird, sobald ich Zahlen sehe. Der andere Bruder kümmert sich um Einkauf und Technik. Und unsere Schwester ist nach ihrer Elternzeit als „Running Girl“ wieder eingestiegen und zuständig für alles, was sonst noch anfällt. 

Als ihr das Café Dede eröffnet habt, wusstet ihr noch nicht, dass ein kleines Familienimperium entstehen würde. Was war eure Motivation beim ersten Café?

Das war eher eine Schnapsidee. Wir dachten, unsere Freunde würden vorbeikommen und wir würden uns mit den Schichten abwechseln. Jeder hatte damals noch seinen eigenen Karriereweg.

Es gab keinen Businessplan, nur das Gefühl, dass wir das versuchen wollen. Dann ist das Ganze ein bisschen ausgeartet.

Was hat euch damals in Augsburg gefehlt, das ihr mit Dede schaffen wolltet?

Es entstand aus einer eigenen Sehnsucht heraus. Augsburg hatte coole Cafés, aber uns fehlte ein Ort, bei dem wir gesagt hätten, hier nehmen wir Besuch aus einer anderen Stadt mit. Wir wollten eine Atmosphäre schaffen, in der man sich wie zu Hause fühlt. Wie bei den Großeltern. Unternehmensberater haben uns sogar geraten, mehr Tische aufzustellen, um mehr Umsatz zu machen. Das wollten wir bewusst nicht. Die Menschen sollen sich wohlfühlen und nicht möglichst dicht nebeneinandersitzen.

Dede und Nene erzählen aber noch eine andere Geschichte: die eurer Großeltern und der Gastarbeitergeneration. Warum war euch das so wichtig?

Wir wollen eine Generation sichtbar machen, die bisher oft unterrepräsentiert war. Das ist für uns keine ausgedachte Startup-Geschichte. Wir hatten immer wieder Gäste aus der ersten Generation bei uns. Oft bringen Enkel ihre Großeltern mit. Wenn diese Menschen dann die Bilder im Café sehen, bekommen sie manchmal feuchte Augen, weil sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben gewürdigt fühlen. Diese Generation hat unglaublich viel geleistet und wir wollen ihre Geschichten weitertragen. An der Rezeption des Hotels steht deshalb auch: „They carried hope. We carry their story.“

Wie wird aus zwei Cafés plötzlich ein Hotel?

Wir haben bemerkt, dass Menschen aus anderen Städten wegen der Cafés nach Augsburg kommen. Da kam uns der Gedanke, dass es vielleicht auch eine Übernachtungsmöglichkeit geben müsste. Wir haben das aber nie konkret verfolgt, weil wir ohnehin genug zu tun hatten. Dann kam eines Tages die Kirche auf uns zu. Ihr gehört das Haus, in dem sich das Hotel befindet, und sie hatte dort schon seit Jahrzehnten ein Gästehaus betrieben. Unsere erste Reaktion war: Auf keinen Fall, das ist viel zu groß für uns. Wir hatten schließlich auch keine Hotelerfahrung. Aber die Gespräche waren so harmonisch, und die Kirche hat uns viel Sicherheit gegeben. Manchmal gibt es Gelegenheiten im Leben, die man einfach ergreifen muss.

Der neueste Streich ist euer Co-Working-Space Das Atelier. Wie entstand die Idee?

Das Atelier ist aus Gesprächen mit unseren Gästen und aus meiner eigenen Erfahrung entstanden. Ich habe für mein Staatsexamen viel zu Hause gelernt. Irgendwann wollte ich einen Tapetenwechsel. In Cafés gibt es dabei immer dieselben Probleme: keine Steckdosen, schlechtes WLAN, manchmal das Gefühl, dass man nicht stundenlang mit seinem Laptop dasitzen und nur ein Getränk konsumieren sollte. Wir haben uns also gefragt, warum es keinen Ort gibt, an dem man ganz selbstverständlich stundenweise arbeiten kann. Im Atelier kostet die Nutzung 2,99 Euro pro Stunde, Kaffee gibt es ab 80 Cent. Wir wollten bewusst kein teures Tages- oder Monatsmodell. 

Das Atelier tanzt optisch ein bisschen aus der Reihe, es ist cleaner und weniger orientalisch angehaucht als die anderen Orte. Was habt ihr euch dabei gedacht?

Wenn man arbeiten und sich konzentrieren möchte, braucht man weniger Ablenkung. Deshalb ist Das Atelier minimalistischer und moderner. Gleichzeitig sollte es natürlich schön und ein bisschen „instagrammable“ sein. Es gibt einen großen Community-Tisch, weitere Räume mit normalen Tischen und einen Innenhof beziehungsweise Wintergarten.

Bei all diesen Konzepten geht es immer wieder um Familie und Herkunft. Was bedeutet Heimat für dich?

Heimat ist für mich plural. Für viele ist Heimat ein Ort. Für mich hat sie viel mit Zugehörigkeit, Familie, Freunden und Identität zu tun. Ich habe während meines Studiums bewusst ein Auslandssemester in Istanbul gemacht, weil ich mich mit der Frage auseinandersetzen wollte: „Bin ich Deutscher oder Türke?“ Irgendwann habe ich verstanden, dass es kein Entweder-oder ist, sondern ein Sowohl-als-auch.

Wenn dein Großvater heute durch das Hotel laufen und sehen könnte, was aus seiner Geschichte entstanden ist – was würdest du ihm sagen?

„Gut, dass du diesen Zug genommen hast.“ Und dann würde ich ihm tausende Fragen stellen. Es gab zwar Gespräche mit ihm, aber leider vergisst man auch vieles. Vor allem würde ich ihm aber sagen: „Du weißt gar nicht, welche Kettenreaktion du damit ausgelöst hast.“ Ich hätte ein ganz anderes Leben in der Türkei gehabt. Ob es ein besseres oder schlechteres gewesen wäre, weiß ich nicht. Aber ich bin sehr dankbar, dass unsere Großeltern diesen Schritt gewagt haben.

Ihr habt aus der Geschichte eurer Großeltern etwas Eigenes aufgebaut. Was verbindet euch heute so stark mit Augsburg?

Wir lieben Augsburg. Und ich glaube wirklich, dass diese Geschichte hier funktioniert hat, weil die Stadt eine gewisse Nähe und Gemeinschaft hat. Wenn wir das in München oder Berlin gemacht hätten, wäre vieles anders gewesen. Als wir mit Dede angefangen haben, hatten wir nicht einmal eine Gastrospülmaschine. Die ersten Monate waren eine Tortur. Aber Augsburg hat uns die Möglichkeit gegeben, zu wachsen und Fehler zu verzeihen.

Die Frage drängt sich auf: Was kommt als Nächstes?

Wir eröffnen demnächst unser zweites Dede in München. Dann ist aber vorerst wirklich Schluss!

 

 

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