„Ich soll für meine Meinung getötet werden. Wenn das kein Faschismus ist, was dann?“

Interview mit Hamed Abdel-Samad

Bei unserem ersten Interview trafen wir uns im Winter 2010 im verschneiten München in der Lobby eines einfachen Hotels mit zu lauter Hintergrundmusik. Es war kurz vor dem „Arabischen Frühling“ , von denen die wenigsten Beobachter etwas ahnten, Abdel-Samad schon. Heute hat sich die Euphorie gelegt, in zu vielen Ländern gelangten nach dem Umsturz keine Demokraten, sondern Fundamentalisten an die Macht. Es folgt ein Gespräch, das zwischen Zweifel und Hoffnung schwankt.

Herr Abdel-Samad, Islamisten haben Sie zum Tode verurteilt. Haben Sie Angst?
Wenn hochrangige Gelehrte meine Tötung fordern und es weltweit Millionen Fundamentalisten gibt, die Ungläubige töten wollen, bin ich halt ein Ziel und habe deswegen auch Polizeischutz. Ich versuche aber, ohne Angst damit umzugehen, ich passe auf mich auf. Die wollen, dass ich schweige, den Gefallen tue ich ihnen aber nicht. Es ist ein Beleg für den faschistoiden Charakter des Islams, ich soll für meine Meinung getötet werden. Wenn das kein Faschismus ist, was dann?

Haben Sie noch nie gedacht: Hätte ich bloß nichts gesagt, dann hätte ich jetzt ein entspanntes Leben?
Nein, das Wichtigste in meinem Leben ist die Freiheit, ohne Freiheit will ich dieses Leben nicht.

Wie wurde begründet, dass Sie den Tod verdient haben?
Weil ich den Propheten beleidigt haben soll. Was so gar nicht stimmt. Ich habe gesagt, dass die faschistoiden Züge des Islams mit Mohammed anfingen. Das sehen die radikalen Gelehrten als Beleidigung des Propheten. Wir könnten ja einen Deal machen: Die Sharia und der Djihad ziehen sich aus dem 21. Jahrhundert zurück und der Begriff des Faschismus als Beschreibung des Islam entfällt dafür.

Was haben Islam und Faschismus Ihrer Meinung nach gemeinsam?
Vergleicht man die Ideologie, die Organisationsstrukturen und die Ziele, so erkennt man zahlreiche Parallelen. Die Ideologie, die von einer absoluten Wahrheit und der Auserwähltheit der eigenen Gruppe ausgeht und die Welt in Gut und Böse aufteilt. Die Ideologie, die Gewalt und das Martyrium verherrlicht. Beide Ideologien vergiften ihre Anhänger mit Hass. Beide Ideologien sind antisemitisch. Was die Organisation angeht, so steht der charismatische Führer in der Mitte, der mit einem heiligen Auftrag ausgestattet ist, um die Nation zu einen und die Feinde zu besiegen. Was die Ziele angeht, streben beide Ideologien nach Weltherrschaft.

Wobei Kritiker Ihrer These sagen, dass die Theorie, die dem Faschismus zugrunde liegt, rundum menschenverachtend ist, was man vom Koran als theoretischer Grundlage so nicht sagen kann.
Der Koran hat menschenverachtende Züge, er hat auch menschenfreundliche Züge. Aber wenn man den Koran politisch umsetzt und den Lauf der Geschichte betrachtet, dann verwandelten sich die Gesellschaften in denen der Koran herrschte immer in Freiluftgefängnisse.

Gutes Drehbuch, schlechte Umsetzung?
Das ist die Ausrede vieler Muslime! Das Drehbuch ist gut, der Islam perfekt, aber die Umsetzung eben schlecht. Aber nach so vielen Jahrhunderten der schlechten Umsetzung muss eine andere Diagnose gestellt werden. Die Wurzel der Krankheit findet sich ohne Zweifel im Islam selbst.

Ist die Wurzel dann innerhalb des Islams zu finden oder ist er selbst die Krankheit?
Die politische und juristische Seiten des Islam haben einen faschistischen Charakter. Ein Islam plus Scharia führt die Gesellschaften in Richtung politischer und wirtschaftlicher Verwahrlosung und damit in Richtung Bürgerkrieg. Aber das Denken der Muslime ist reformierbar, jeder Mensch ist sozusagen reformierbar, darauf müssen wir hoffen.

Sind diese Gedanken für eine breite Mehrheit der Moslems nicht reine Ketzerei?
Ja, aber das interessiert mich nicht. Ich will nicht jedem gefallen. Ich nenne das Kind nur beim Namen. Ich erhebe nicht den Anspruch, die absolute Wahrheit zu besitzen, aber es ist meine Meinung und darauf sollte man mit Worten antworten, nicht mit Steinen, Gewehrkugeln und Todesurteilen.

Sie waren selbst einmal Anhänger der islamistischen Muslimbrüderschaft. Sind Sie heute noch gläubig?
Nein, ich bin nicht gläubig und nicht Atheist. Ich definiere mich auch nicht über Religion, weder positiv noch negativ. Ich bin ein denkender Mensch mit einer eigenen Spiritualität, über die ich aber nicht gerne rede.

Mitte der 90er haben Sie Ägypten in Richtung Augsburg verlassen. Ein Kulturschock?
Zunächst habe ich überlegt, ob ich in die USA gehe, aber Deutschland erschien mir aufregender als Amerika.

Wieso?
Das war kurz nach dem Fall der Berliner Mauer, ich hatte das Gefühl, dass sich hier etwas bewegt, es viele Brüche und Umbrüche gibt, die zu mir und meinen eigenen Brüchen gut passen.

Wie empfinden Sie Deutschland heute?
Ich lebe gerne hier, habe aber erkannt, dass mein idealisiertes Bild von Deutschland nicht wirklich existiert. Deutschland besteht nicht nur aus Dichtern, Philosophen und großartigen Musikern, es ist ein normales Land, in dem man frei leben und sich ausdrücken kann. Ich kritisiere auch hier, wenn mir etwas nicht passt.

Was nervt Sie an Deutschland?
Die Mülltrennung, Dativ und Genitiv. Viel mehr fällt mir gar nicht ein, das ist eigentlich ein gutes Zeichen. Ach ja, was mich noch nervt, sind die Kommentare in den Leserforen der Zeitungen. Da ist viel Wut und wenig Reflektiertheit. Das sind vielleicht die Wutbürger.

Wie haben Sie sich vom Islam gelöst?
Durch kritisches Denken, durch Erfahrungen mit mir selbst und anderen Muslimen. Ich habe irgendwann gemerkt, dass der Islam die jungen Menschen hemmt. Er hemmt sie daran, frei zu leben, zu denken, ohne Hemmungen auf Menschen zuzugehen, die andersgläubig oder auch ohne Glauben sind. Ich war auf der Suche nach Freiheit und habe gemerkt, dass die Religion mich unfrei macht, erst nachdem ich mich davon gelöst habe, war ich frei.

Wie sah dieser Zwang und die Hemmung aus?
Was meinen Umgang mit Sexualität anging, meinen Umgang mit Alkohol, den Umgang mit Andersdenkenden. Ich durfte keinen Alkohol trinken, ich durfte nicht einmal dort sitzen, wo Alkohol getrunken wurde. Ich durfte keine schöne Frau anschauen ohne ein schlechtes Gewissen zu haben und wenn ich dieser schönen Frau nähergekommen wäre, hätte natürlich Angst vor der Hölle haben müssen. Das war alles in meinem Kopf und das führt zwangsläufig dazu, dass man unehrlich zu sich selbst ist, die Ansprüche der Religion sind einfach nicht menschlich.

Haben Sie auch an das Paradies mit den Jungfrauen geglaubt?
Früher schon, das ist für junge Menschen, die politisch, wirtschaftlich und noch dazu sexuell frustriert sind, eine wunderbare Aussicht. Man muss die Erfüllung nicht hier auf Erden erleben, man muss für die Sache Gottes sterben und dann hat man im Paradies alles zum Nulltarif.

Wären wir ohne Religionen besser dran?
Wenn Religionen verschwinden, tauchen eben Ersatzreligionen auf, der Mensch braucht immer eine Orientierung. Aber wenn die Religionen sich aus der Gesetzgebung und der Politik zurückziehen würden, wären wir mit Religionen sogar reicher.

Ist der Arabische Frühling gescheitert?
(überlegt) In Zeiten der Verzweiflung denke ich das. Der Arabische Frühling ist im Sand verlaufen, weil keine demokratische Substanz in den Gesellschaften vorhanden ist. Es kommt in den arabischen Gesellschaften immer zum Machtkampf zwischen Islamisten und Militärs und die demokratische Mitte ist viel zu schwach, um eine Alternative zu bieten. Wir drehen uns im Kreis. Die Massen gehen auf die Straße, um Mubarak und seine Militärs zu entmachten, dann kommen die Muslimbrüder an die Macht, dann gehen die Menschen wieder auf die Straße und rufen das Militär zu Hilfe, um die Muslimbrüder zu stürzen. Es ist ein Teufelskreis.

Wie kann man daraus ausbrechen?
Die politische Elite muss Wirtschaft und Bildung fördern, es muss eine neue Generation geben, die anders mit Religion und Politik umgeht. Aber solange die Geisteshaltung der Zivilgesellschaft sich nicht ändert, nutzt es nichts, die alten Machthaber zu stürzen. Das sind aber Prozesse, die nicht von heute auf morgen funktionieren.

Werden wir das Ende dieser Prozesse noch erleben?
Ich weiß es nicht, ich hoffe... Ich tue, was ich kann, ich kann nur schreiben, den Rest müssen die Menschen tun.

Sie denken an eine Art schleichende, zivilisatorische Revolution?
Das Problem ist, dass dazu die Zeit fehlt.

Wieso?
Weil die wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten so rasant wachsen, dass dadurch nicht die Demokraten im Aufwind sind, sondern die Radikalen.

Ein düsteres Bild.
Aber ein realistisches Bild. Demokratie entsteht nicht im luftleeren Raum und nur weil ein paar Aktivisten auf Facebook und Twitter sich dafür einsetzen. Es ist eine Geisteshaltung, die über Jahrhunderte aus Erfahrungen und Katastrophen wächst.

Was ist Ihr globales Worst-Case-Szenario?
Dass die islamischen Länder die wirtschaftliche und politische Kurve nicht kriegen, dass es eine starke Polarisierung zwischen Islamisten und Modernisten gibt, dazu Bürgerkriege, Religionskriege durch welche die gesamte Welt in Mitleidenschaft gezogen wird.

Wenn das Öl aus Arabien einmal nicht mehr so wichtig sein wird, kann die westliche Welt dann nicht sagen: Sollen die sich da unten die Köpfe einschlagen, was kümmert es uns?
Erdöl wird noch circa dreißig Jahre lang wichtig sein, aber selbst wenn das nicht so wäre: Was in der islamischen Welt passiert, bleibt nicht in der islamischen Welt. Es werden Scharen von Flüchtlingen nach Europa kommen, wie soll man damit umgehen? Wie soll man mit den islamischen Fundamentalisten umgehen, die in Europa leben?

Kann der Islam denn für jemanden in der freizügigen, westlichen Welt überhaupt attraktiv sein?
Für die Loser der Gesellschaft schon. Damit will man dann sagen: Ich bin anders, ich bin gern Opfer, ich bin wichtig, ich bin Gotteskrieger und ich mach euch Angst. Für vernünftige Menschen kann der Islam nicht attraktiv sein.

Sie sagten mal, das Gegenteil von Zukunft sei Herkunft. Was meinten Sie damit?
Unsere eigenen Wurzeln, unsere Geschichte kontrolliert und bestimmt uns sehr, deswegen hängt unsere Zukunft immer auch von unserer Herkunft ab. Diese kann auch eine Basis für unsere Identität sein, aber wenn aus unserer Herkunft eine Art Haus ohne Fenster und Türen wird, dann wird sie zum Gefängnis.

Bio: Hamed Abdel-Samad, geboren 1972 bei Kairo, verließ 1995 Ägypten, lebte einige Jahre lang in Augsburg. Er zählt heute zu den profiliertesten islamkritischen Intellektuellen. Weil er angeblich den Propheten beleidigte, verhängten islamische Gelehrte die Todesstrafe (Fatwa) über ihn. Im April 2014 erschien sein Buch „Der islamische Faschismus: Eine Analyse“.

Interview: Marcus Ertle

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