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„Hier herrscht totaler Friede zwischen den Kulturen und Künsten!“

Augsburgs Künstlerpapa Fikret Yakaboylu ist im Alter von 69 Jahren gestorben. Ihm zu Ehren veröffentlichen wir ein Interview, das wir vor einigen Jahren mit ihm geführt haben

Das Neruda ist seit vielen Jahren eine Institution in der Augsburger Kulturszene. Fikret Yakaboylu hat diesen bunten Ort der Begegnung geschaffen, an dem die Vielfalt aller Kulturen gefeiert wird und Künstler*innen aus Augsburg und der ganzen Welt zusammenkommen. Als wahrer Tausendsassa engagiert sich Fikret mit Herzblut dafür, diesen Spirit auch über sein Kulturcafé hinaus in der Stadt zu verbreiten. Wir trafen ihn zum Gespräch bei einem Gläschen Wein im Neruda.

Von Lina Frijus-Plessen

Wie hast du eigentlich damals deinen Weg nach Augsburg gefunden?

Ich bin 1980 nach dem türkischen Militärputsch nach Deutschland geflohen, aber nachdem sich die politische Lage wieder etwas entspannt hatte, bin ich erst mal in meine türkische Heimat zurück. 1985 kam ich dann als Künstler für eine Wanderausstellung erneut nach Deutschland. Ich habe dann meine Frau kennengelernt, die zu dem Zeitpunkt in Stuttgart lebte. Ich habe in München gearbeitet und bin ständig hin- und hergependelt. Irgendwann riet mir eine befreundete Schriftstellerin: „Vergiss München und Stuttgart, komm nach Augsburg, die Brechtstadt wird dir gefallen!“. Ich bin sehr glücklich, dass ich ihrer Empfehlung gefolgt bin. Wenn ich mal zwei Wochen in der Türkei bin, um meine Verwandten zu besuchen, vermisse ich Augsburg. Meine Wurzeln sind nach all den Jahren so tief in dieser Stadt verwachsen, dass mich hier nichts mehr wegbringt. 

Was bedeutet das Neruda für dich und für die Stadt? 

Das Neruda ist wie eine große Familie. Die Geschichte vom Neruda fing damit an, dass ich einen Begegnungsort schaffen wollte, an dem Künstler*innen, aber auch Publikum zusammenkommen können. Dahinter steht die Idee des „Bunten Baums“: Ein großer Baum, der an jedem Ast unterschiedliche Früchte trägt. Das ist für mich ein wunderschönes Bild für Vielfalt und Harmonie, denn wir wachsen alle aus demselben Stamm, haben dieselben Wurzeln, auch wenn wir alle unterschiedlich sind. Meine Freund*innen und ich haben es mit dem Neruda geschafft, diesen „Bunten Baum“ in Augsburg zu pflanzen. Hier herrscht totaler Friede zwischen den Kulturen und Künsten, in all den Jahren gab es im Neruda nicht ein einziges Mal Streit.

Und Musik und Kunst werden hier mit großer Leidenschaft zelebriert.

Dass stimmt, viele Künstler*innen nennen das Neruda ihr zweites Wohnzimmer. Tagsüber proben und arbeiten sie hier und abends können sie ihre Kunst mit den Gästen teilen. Das Neruda ist auch ein Ort, an dem du nicht nur ein passiver Zuschauer bist, sondern aktiv am Geschehen teilnehmen kannst, wie bei Brechts epischem Theater. Wenn du ins Neruda kommst, kannst du mit uns Musik oder Kunst machen, du kannst an unseren Projekten mitarbeiten und dich einmischen. 

Von Augsburger Musiker*innen hören wir immer wieder, das Neruda war für sie die erste Anlaufstelle und schließlich auch ein Karrieresprungbrett. Warum liegt es dir so am Herzen, junge Talente aus Augsburg zu fördern?

Ich war ja als junger Mensch selbst sehr aktiv als Künstler, sowohl in der Türkei wie auch später in Deutschland. Ich habe von Anfang an gemerkt, dass es in Augsburg viele junge Musiker*innen gibt, die großes Potenzial haben, aber noch einen Ort und etwas Orientierung brauchen. Dafür ist das Neruda da. Viele Künstler*innen haben sich auch hier erst beim gemeinsamen Jammen kennengelernt und zusammengetan. Wenn ich höre, wie erfolgreich die Leute sind, die hier ihre ersten Auftritte hatten, wie z.B. John Garner, Ala Cya, Art in Crime oder MHA, fühle ich mich wie ein stolzer Künstler-Papa! Wenn die Leute mich fragen, wie viele Kinder ich habe, sage ich zwei leibliche Töchter, aber eigentlich sind es inzwischen mindestens 500 Neruda-Kinder, die mich auch alle Papa nennen (lacht).

Wie sehr die Augsburger*innen das Neruda dafür schätzen, hat sich auch bei eurer Spendenaktion im ersten Corona-Lockdon gezeigt, als innerhalb weniger Wochen über 10.000 Euro für den Erhalt des Kulturcafés zusammenkamen. 

Das war für uns wirklich eine riesige Unterstützung. Zu sehen, dass es den Menschen in Augsburg wichtig ist, dass dieser Ort weiterlebt, war ein wunderbares Gefühl. Ich bin sehr dankbar für den Rückhalt der Leute. Vor ein paar Jahren gab es mal eine Beschwerde von einem neuen Anwohner, woraufhin das Ordnungsamt uns die Genehmigung für Musikveranstaltungen entziehen wollte. Da hat der Kültürverein eine Unterschriftenaktion für das Neruda gestartet, bei der in kurzer Zeit 20.000 Menschen mitgemacht und viele auch tolle Texte geschrieben haben, warum sie finden, dass das Neruda so ein besonderer Kulturort ist.

Und wie sieht es mit dem Rückhalt vonseiten der Stadt aus?

Ich möchte mich nicht beschweren, denn die Behörden machen ja auch nur ihren Job. Aber die Stadt sollte das Neruda nicht nur als Café oder Kneipe sehen, sondern als Kulturstätte. Diese Engstirnigkeit stört mich manchmal. Unser Wunsch ist es, dass die Stadt uns und unsere Kultur ernst nimmt, mit uns in Kontakt tritt und Vertrauen entwickelt. Wir wollen ja keine Unruhe stiften und niemanden mit unserer Kunst stören. Wir fordern nicht viel von den städtischen Behörden, nur Verständnis und Erlaubnis für unsere Projekte. Aber wir sind zumindest schon mal froh, dass wir vor Kurzem endlich eine Genehmigung für die Bestuhlung auf dem Bürgersteig vor dem Neruda bekommen haben.

Du bist auch Gründungsmitglied des Kültürvereins Augsburg. Gibt es einen Zukunftswunsch, den du dir gerne noch erfüllen möchtest?

Ich möchte noch viel mehr Kultur in Augsburg machen. Im Neruda fühlen wir uns wohl und alles läuft wunderbar, aber wir müssen öfter aus dem Wohnzimmer in die Welt hinaus, um mehr Menschen zu erreichen und Kultur auch zu denen zu bringen, die nicht so einfach zu uns kommen können. In der Stadt gibt es zum Beispiel so viele Grünflächen, auf denen man kleine Akustik-Konzerte und Jam-Sessions organisieren könnte. An der Stelle ist dann wieder eine gute Zusammenarbeit mit der Stadt gefragt. 

Ruhe in Frieden, lieber Fikret, du hinterlässt in der Stadt eine große Lücke.

 

 

 

 

 

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