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„Da hinab“ – Als Luther mit Hilfe der Stadtbevölkerung aus Augsburg entkam

In der Nacht vom 20. auf den 21. Oktober 1518 wurde Augsburg zum Schauplatz einer folgenschweren Flucht.

Im Schutze der Dunkelheit versuchte sich der Mann aus der Stadt zu stehlen, der die Grundfesten der christlichen Welt erschüttert hatte wie kaum einer zuvor: Martin Luther.
Zwei Wochen zuvor war der Reformator eher unscheinbar in Augsburg eingezogen. Im Zuge des dort stattfindenden Reichstags musste sich Luther vor der katholischen Kirche für seine 95 Thesen verantworten, mit denen er im Herbst 1517 die bisherige christliche Lehrmeinung in Frage gestellt hatte. Dass ausgerechnet Augsburg als Verhandlungsort gewählt wurde, war dabei eher ein Kompromiss als der erklärte Wille des Papstes. Eigentlich hätte der Theologieprofessor in Rom vorstellig werden sollen, doch sein Schutz- und Landesherr Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen hatte sich für eine Verhandlung auf deutschem Boden stark gemacht.

So war Luther zu Fuß den langen Weg von Wittenberg in die schwäbische Reichstadt angetreten – mit Todesangst im Gepäck, wie er später selbst niederschrieb: „Mein Gefühl war: Nun muss ich sterben. Und ich stellte mir den hochgeschichteten Scheiterhaufen vor Augen.“ Auch seine Freunde hatten ihm von der Reise abgeraten und das, obwohl ihm zuvor freies Geleit zugesichert worden war. Doch es gab ein mahnendes Beispiel.

Luther erreichte am 07. Oktober die Stadttore auf einem Getreidekarren
100 Jahre zuvor war der böhmischen Reformator Jan Hus unter derselben Zusage von Prag nach Konstanz aufgebrochen. Wie Luther hatte er seine Lehrmeinung vor der Kurie rechtfertigen sollen und war dabei als Ketzer auf dem Scheiterhaufen geendet. Die Reise von Hus war ein echtes Event. In jeder Stadt war der böhmische Theologe prominent und freundlich empfangen worden. Luthers Gesicht war dagegen 1518 noch deutlich unbekannter. Ohne großes Aufsehen, sondern auf einem Getreidekarren erreichte er am 7. Oktober die Augsburger Stadttore, weil ihm kurz vor dem Ziel die Füße versagt hatten. Bis zu seinem Verhör kam er im Augsburger Karmelitenkloster unter.

Zwischen dem 12. und 14. Oktober wurde der Wittenberger Theologieprofessor in dem Fuggerschen Stadtpalast durch den päpstlichen Gesandten Kardinal Thomas Cajetan verhört. Die beiden Theologen gingen sich dabei offenbar heftig an. Die Kurie verlangte von Luther zu widerrufen, der Reformator beharrte jedoch auf seinen Thesen. Am dritten Tag verließ Luther die ergebnislose Anhörung, was Cajetan offenbar mit wüsten Beschimpfungen quittierte. Kurz darauf fasste der Reformator den Entschluss, die Stadt zu verlassen – vermutlich aus Angst vor den päpstlichen Häschern.

Luther hatte bei seiner heimlichen Abreise wohl Hilfe aus der Stadtbevölkerung
So bewegte sich der Theologe in jener Nacht durch Augsburg, auf der Suche nach einer Möglichkeit, die bereits geschlossenen Stadttore zu durchqueren. Die genauen Umstände der Flucht sind ungeklärt. Wahrscheinlich ist jedoch, dass Luther bei seiner heimlichen Abreise Hilfe aus der Stadtbevölkerung hatte. Einer Erzählung nach soll Christoph Langenmantel, der Sohn des damaligen Bürgermeisters, den Reformator zum heute nicht mehr vorhandenen Stephingertor am Gallusbergle geführt haben. Mit den Worten „da hinab“ wies er Luther den Weg aus der Stadt. Heute erinnert dort eine Gedenktafel an dessen Nacht-und-Nebel-Aktion.

Bei den Gegnern Luthers setzte sich dagegen eine andere Version der Geschichte durch. Nicht Langenmantel, sondern der Teufel persönlich sei dem Reformator erschienen und hätte ihm den Weg durch ein verborgenes Tor aus der Stadt gewiesen.

Luther kehrte jedenfalls unversehrt auf einem Pferd nach Wittenberg zurück – nicht jedoch, ohne das Feuer der Reformation auch in Augsburg entfacht zu haben. Wenige Tage später wurde auf sein Geheiß ein Protestschreiben gegen den Papst am Augsburger Domportal angeschlagen. Wer hierbei seine Hände im Spiel hatte, ist bis heute ungewiss. (Moritz Winkler)

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