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Bayerische Kinder machen Schule im Libanon

Der Verein Zeltschule e.V. stellt sich vor...

Am 23.11. um 18.00 Uhr stellt sich der Verein Zeltschule e.V. auf Eiladung der Law Clinic an der Juristischen Fakultät an der Uni in Augsburg vor. Hier gibt es schon vorab einige Infos über Hilfe vor Ort:

Fast jedes Kind der Münchner Tumblingerschule hat Erwachsene schon darüber reden hören, dass die Flüchtlingskrise ganz falsch angegangen wurde: Wir haben schließlich auch Arme im eigenen Land, die Syrer nehmen den Deutschen ja alle Arbeitsplätze weg, politisch wurden ganz falsche Entscheidungen getroffen, wo soll das nur hinführen, die Integration kann ja nie klappen, der Krieg da unten hört ja nie auf, da kommen immer mehr….. - das ist der Soundtrack, der die „Flüchtlingskrise“ (allein das Wort spricht Bände) für unsere Kinder vertont.
Die Tumblingerschule wollte vor rund eineinhalb Jahren aber einen ganz anderen Ton vorgeben, deswegen haben Eltern und Lehrer gemeinsam den Verein „Zeltschule e.V.“ (www.zeltschule.de) gegründet.

Helfen statt Schimpfen, Anpacken statt Jammern, ist die Devise der Initiative.
Bei unserem Projekt Zeltschule ist der Name auch das Programm: In der Bekaa-Ebene im Libanon werden Schulen in Zelten gebaut - von den Kindern (mittlerweile sind die Tumblingerkinder längst nicht mehr die einzigen, die sich hier einbringen) für die syrischen Flüchtlingskinder. Geht nicht, meinen Sie? Geht nicht gibt’s nicht bei uns. Denn genau der Beweis, dass (fast) alles möglich ist, dass jeder etwas tun und verändern kann, liegt uns Gründern der Zeltschule besonders am Herzen. Nicht ein Gefühl der Machtlosigkeit soll unseren Kindern vorgelebt werden, als wären wir Spielball globaler Entscheidungen, die wir nicht oder nur begrenzt nachvollziehen können; sondern ein Gefühl von privilegiertem Tatendrang: uns geht es gut, wir haben das Glück, in einem Land zu leben, in dem kein Krieg herrscht, in dem wir freien Zugang zu Bildung haben und die Möglichkeit, weniger Begünstigten zu helfen. Mehr noch: die Verpflichtung, zu helfen.

Seit Ausbruch des Krieges sind fast 2 Millionen Syrer in den Libanon geflohen, täglich werden es mehr. In den provisorischen Camps sind die Flüchtlinge lediglich „geduldet“, was bedeutet, dass der Libanon die Flüchtlinge zwar ins Land lässt, sie dort aber dann vollkommen auf sich gestellt sind und mit keinerlei staatlicher Hilfe rechnen können und auch keine Arbeitserlaubnis haben bzw. bekommen können.
Wie so oft trifft es die Kinder am schwersten: über Nacht mussten sie ihr Leben aufgeben, sich von Freunden und Verwandten, von ihrem Bett und ihren Lieblingsspielsachen verabschieden und in eine mehr als vage Zukunft gehen, in der außer dem Ende der Kindheit nichts sicher ist. Für die Größeren ist es am schwierigsten in den Lagern; diejenigen, die sich noch an ihr altes Leben erinnern können, die sich fragen, ob ihr Globus noch auf ihrem Schreibtisch steht, ob ihre Katze wohl von den Nachbarn gefüttert wird, oder ob es Schreibtisch, Katze und Nachbarn schon gar nicht mehr gibt, ob in ihrem Heimatdorf schon alles dem Erdboden gleichgemacht ist, den Luftangriffen nicht standhalten konnte?
Die Kleinen, die schon als Babys in die Lager gekommen sind, können sich an keine andere Realität erinnern, Möbel und Lichtschalter, Fernseher und Puppenwägen, Supermärkte und Schulen sind abstrakte Begriffe ohne jeden Wirklichkeitsbezug.
Für die Eltern ist beides unerträglich: die Kinder zu sehen, die sich zurücksehnen, ihre immensen Verluste jeden Tag betrauern ebenso wie die Kinder, die hineingeboren wurden in den Verlust, sich „gewöhnen“ an eine Kindheit, die sich nahtlos einreiht in die Liste der Verluste, die bereits verloren ist, ehe sie begonnen hat. Eine verlorene Generation.
Über sechs Jahre dauert der Krieg nun schon und es ist kein Ende in Sicht. Seit sechs Jahren leben fast 2 Mio. Menschen in libanesischen Flüchtlingslagern in einer Art verzerrter Realität, die eigentlich gar nicht sein dürfte, an deren Existenz wir uns nicht widerspruchslos gewöhnen dürfen. Darum ging es mir persönlich vor allem bei der Gründung der Zeltschule: um den Widerspruch. Um das Aufbegehren gegen einen unmenschlichen Zustand, der nicht hingenommen werden darf.
Im Libanon leben zwischen 500.000 bis 700.000 Flüchtlingskinder (genaue Zahlen gibt es nicht), nur etwa ein Drittel hat sporadisch Zugang zu einer Schule. Eine ganze Generation syrischer Kinder (wohlgemerkt: Genau die Generation, die nach dem Krieg Syrien wieder aufbauen soll!) wird zu Analphabeten. Eltern sind mit ihren Familien in den Libanon geflohen um festzustellen, dass dort, wo sie sich endlich in Sicherheit wähnten, gar nichts sicher ist, dass weder ihre Nahrungsversorgung, noch ihre medizinische Versorgung noch die Bildung ihrer Kinder gewährleistet ist. Wer noch gesund und kräftig genug ist, versucht deswegen, es nach Europa zu schaffen.
"Mein Papa sagt, die kommen alle zu uns, weil sie reich werden wollen", ist ein Satz, den ich von den Kindern hier öfter gehört habe. Durch die Wiederholung wird er aber nicht wahrer. "Die" wollen nicht reich werden. Die wollen überleben. Die wollen sicher sein. Die wollen durchatmen können. Die wollen, dass wenigstens ihre Kinder eine Chance auf „Normalität mit Abstrichen“ haben. Sie hätten lieber in ihrem eigenen Kulturkreis, in Ländern, die ihnen weniger fremd sind als das unsere, das Ende des Krieges in Syrien abgewartet, doch durch die instabile Lage Libanons und das völlige Versagen der westlichen Politik bezüglich der notwendigen Hilfsleistungen waren sie gezwungen, lebensgefährliche Reisen gen Westen auf sich zu nehmen. Hätte die EU das Ausmaß der Katastrophe nicht jahrelang ignoriert, wäre es zu diesen Massenfluchten nie gekommen.
Eine Freundin von mir, die syrische Künstlerin Diala Brisly, die selbst aus Syrien geflohen ist, lange mit Flüchtlingskindern im Libanon gearbeitet hat und heute im Exil in Frankreich lebt, hat es auf den Punkt gebracht:

"Do you expect people to just stay there and die?
You are not just dying once, you are dying all the time."

Wir sind davon überzeugt, dass den syrischen Flüchtlingen in ihrer eigenen Region geholfen werden muss. Wir bringen daher Zeltschulen genau dorthin, wo sie am dringendsten benötigt werden: in die Camps der Bekaa-Ebene.

Finanziert wird das Projekt nicht etwa von Microsoft oder Apple, der Stadt, der UN oder irgendwelchen Großsponsoren (obwohl wir die natürlich jederzeit willkommen heißen würden! ☺). Nein, finanziert werden wir durch die Familien und Geschäfte im Viertel rund um die Schule, von lokal ansässigen Stiftungen wie „Sternstunden“, der „Findelkind Sozialstiftung“ und der „Phoenix Foundation“ und vor allem durch die zahlreichen Aktionen unserer mittlerweile 14 Partnerschulen in Bayern – also durch die Kinder selbst.
Die Partnerschulen haben sich eine Vielzahl kleine Aktionen einfallen lassen: die Klassen haben Pausenverkäufe veranstaltet, also selbstgebackenes oder im Werkunterricht gebasteltes in der Pause an die jeweils anderen Klassen verkauft. "Books for Books" wurde ins Leben gerufen, eine Aktion, bei der alle Kinder ihre bereits gelesenen Bücher mit in die Schule brachten, wo sie gesammelt, geordnet und dann verkauft wurden, so dass die Schüler sich günstig mit neuem Lesestoff eindecken konnten und der gesamte Erlös der Aktion in Schulbücher für die Zeltschule investiert werden konnte. Projekttage, Adventsbasare, Spendenläufe und Konzerte wurden veranstaltet. Auf diese Weise wurden in den vergangenen eineinhalb Jahren insgesamt 9 Schulen und Unterricht für über 1300 Kinder finanziert.

Selbstverständlich geht es uns vor allem darum, den syrischen Kindern durch unsere Zeltschulen eine Chance auf eine Zukunft zu geben, doch ebenso wichtig ist es für uns, unseren Kindern die Erfahrung zu vermitteln: Wir können etwas tun! Deswegen legen wir großen Wert darauf, dass die Kinder unserer deutschen Partnerschulen genau informiert sind, wie die syrischen Kinder leben und wofür das erbastelte oder erlaufene Geld gebraucht wird.

Gibt es dagegen Widerstände? Klar, aber auch das gehört dazu, Nörgler gibt es überall. Und seien wir ehrlich; wenn man auf das „Bei uns gibt es schließlich auch viele Obdachlose“-Argument mit einem interessierten „Ach ja, und für welche Obdachlosen-Organisation engagierst du dich?“ antwortet, hat man schnell Ruhe.
Ich durfte schon viele schöne Vormittage in Aulen und Turnhallen bayrischer Schulen verbringen, um den deutschen Kindern von unserem Projekt zu berichten. Alle Kinder waren immer sehr interessiert, haben viele Fragen gestellt und von nicht wenigen Eltern wurde ich danach angesprochen, dass der Libanon nun ein regelmäßiges Thema beim Abendessen sei und jetzt oft die Kinder die Eltern darüber aufklärten, wie die Lebenssituation der Flüchtlinge im Libanon ist. So soll es sein, learning by doing, und wenn das „Doing“ etwas ist, was Flüchtlingskindern eine Chance auf Bildung gibt, ist das natürlich umso besser.
Mittlerweile haben wir dafür sogar eine Auszeichnung bekommen und wurden aus über 500 bayrischen Initiativen zum „Guten Beispiel 2017“ gewählt. Darüber haben wir uns nicht nur wegen des Preisgeldes (die 7.500€ haben 3 Kellerschulen in Homs finanziert) gefreut, sondern vor allem auch deshalb, weil wir genau das sein wollen: ein gutes Beispiel, das beweist, dass jeder die Macht hat, etwas zu verändern.
Wer uns hierbei unterstützen möchte, ist herzlich willkommen. Mit Ihrer Hilfe sind unsere 9 bisherigen Schulen nur der Anfang.

Jeder kann etwas tun. Wir machen Schule. Machen Sie mit! (pm/max)

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