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Corner Chor - Gegen das Patriarchat!

Interview mit dem aktivistischen FLINTA*-Chor aus Augsburg

Der Corner Chor ist ein aktivistischer FLINTA*-Chor aus Augsburg

Der Corner Chor ist allerspätestens durch den Super-Jodler „Scheiss AfD“, der zu einem treuen Wegbereiter auf Demos geworden ist, stadtbekannt. Jüngst untermalte der Schmähgesang das ARD-Sommerinterview mit Alice Weidel. Aktivist:innen in Berlin brüllten den Jodler so laut, dass die AfD-Chefin stellenweise kaum zu verstehen war. 2024 gab es für den Corner Chor den Augsburger Pop-Preis ROY in der Kategorie „laut“. Suri, eine Sprecherin des Chors, im Interview über dieses besondere Projekt und große Pläne.
Von Tanja Moosrainer

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, einen Chor zu gründen? In München gibt es mit dem „Witches of Westend Choir“ schon seit 2013 einen Vorreiter. Generell sind Frauenchöre grad das Ding.
Frauenchöre ja, mehr davon! Vor allem FLINTA* only- bzw. queere Räume und Banden! Singen ist enorm wichtig für eine Gesellschaft. Singen schafft Gemeinschaft und verbindet. Wir verbinden das mit unserem Aktivismus. FLINTA* only spaces sind im Patriarchat verdammt notwendig, um auch mal sicher und ungestört zu sein, denn FLINTA* Personen sind immer noch verschiedenen Diskriminierungen ausgesetzt – was wir nicht mehr akzeptieren wollen. Wir kämpfen für eine feministische, also gleichberechtigte Zukunft, in der Diskriminierung und Ausgrenzung keinen Platz haben. Wir setzen uns für andere marginalisierte Gruppen ein. Für uns ist der Chor außerdem ein safe space, die sehr vertraute Gruppendynamik ermöglicht Empowerment und dadurch mutige Aktionskunst.

Woher kommt die Musik zu euren Songs?
Wir greifen gern auf bestehendes Liedgut zurück von z.B. Comedian Harmonists, traditionelle Jodler oder auch den Shanty, ein Seemannslied – wir verwenden die Musik und betexten und interpretieren sie neu für uns. Wir komponieren und texten aber auch selbst. Es gibt viele verschiedene Expertisen im Chor. Manche können gut Musik machen, andere texten gern, wieder andere choreografieren besonders gern.

Ihr tretet auf Demos auf, wart auf dem Schöne Felder Weihnachtsmarkt, Brechtfestival, Kontrast Festival, Kunsthalle UG, die Liste ist lang. Was ist euch bei den Auftritten wichtig?
Wir möchten ganz explizit für eine achtsame und diskriminierungsfreie Gesellschaft eintreten, in der jede Person respektiert wird. Beim Regenbogenempfang der Stadt haben wir z.B. intensiv diskutiert, ob wir für eine schwarz regierte Stadt auftreten wollen, ohne uns ggf. instrumentalisieren zu lassen. Uns war aber wichtig, hier für marginalisierte Gruppen einzustehen und auch dort unsere Haltung zu präsentieren und uns nicht zensieren zu lassen.

Bislang hielten sich Kritik und Anfeindungen wahrscheinlich in Grenzen – also vor dem Knaller mit Alice Weidel?
Wir haben vor längerem mal eine schriftliche Kritik bekommen, weil wir analog zum Song „Scheiss AfD“ die Zeile „Scheiss Friedrich Merz“ gesungen haben, als Merz mit der AfD abgestimmt hatte. Wir hören die Kritik, aber stehen immer noch zu unseren Worten.

Was ist seit der Störaktion während des Sommerinterviews mit Alice Weidel passiert? Aus den Lautsprechern einer Protestgruppe wurde euer AfD-Schmählied abgespielt, das das Interview übertönte.
Seit dem Sommerinterview, das am 20. Juli stattfand und live in der ARD übertragen wurde, wird unser Instagram Kanal überflutet mit Nachrichten jeglicher Art – leider auch mit unschönen Anfeindungen. Unsere Freund:innen vom Zentrum für politische Schönheit hatten ihren Adenauer SRP+ Bus (ein professionell aus- und umgebauter Mercedes-Reisebus der Protestgruppe mit einer 100.000-Watt-Lautsprecheranlage, Störsendern und Flakscheinwerfern) direkt gegenüber der Spree, unweit vom Geschehen des Interviews, geparkt. Wir wussten rein gar nichts von der Aktion, stehen aber volle Kanne dahinter.

Mit dem Jodler „Scheiss AfD“ habt ihr voll ins Schwarze und den Zeitgeist getroffen. Wie kam es zu dem Song?
Wir wollten uns letztes Jahr an den „Augsburg gegen Rechts“-Demos beteiligen und mit einer möglichst simplen Aussage klar Stellung beziehen. Der Andachtsjodler ist ein sehr traditionelles Liedgut aus der Alpenregion, wir wollten dieses eher konservative Stück mit unserem eigenen Text besetzen und einfach mal ganz klar sagen, was wir denken. Dass es so steil geht, war uns nicht klar, wir wollen einfach unserem Frust Ausdruck verleihen.

Ihr wart erst für Proben in der Schweiz. Was brütet ihr aus, habt ihr was in Planung?
Oh ja, etwas ganz Großes! Wir proben im Moment für das Projekt „Fasten your seatbelt“, das ab dem 20.11. im Haus Schöne Felder stattfinden wird: Eine musikalische Performance von Corner Chor und performic. Dazu sind wir in regem Austausch mit der Gesamtgesellschaft und recherchieren, was den Menschen Mut bedeutet, wie Mut klingt, wofür wir Mut brauchen. Wir werden sehr interaktiv performen und das Publikum miteinbeziehen, das eigene Erfahrungen machen kann, was Mut individuell bedeutet. Im Rahmen des Internationalen Tags gegen Gewalt an Frauen am 25.11. soll „Fasten your seatbelt" das Publikum mit intimen, ermächtigenden und berührenden Momenten ermutigen.

Nehmt ihr noch Neumitglieder auf?
Wir sind im Moment um die 15 Personen. Wir haben festgestellt, dass das eine sehr gute Gruppengröße für eine intime, vertraute Dynamik ist. Es ist wichtig, dass wir einen Rahmen haben, in dem wir uns mit Körper und Stimme zeigen und fragil sein können. Dafür braucht es eine stabile Gruppe und wenig Fluktuation. Wir können daher im Moment keine Neuen aufnehmen, aber es gibt eine Warteliste und wir freuen uns immer über Anfragen.

Was ist eure Message?
Fick das Patriarchat - Das Übel des Kapitalismus und all der Krisen unserer Zeit! (tm)

Website zum Projekt und Link zum Crowdfunding für „Fasten your seatbelt“:
www.giannaformicone.com/fastenyourseatbelt
www.gofundme.com/f/crowdfunding-fur-fasten-your-seatbelt

Foto: Fabian Schreyer

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