The Passenger: Von Afghanistan nach Augsburg

Interview mit dem Augsburger Musiker Farhad “Jooyenda” Sidiqi

Farhad Sidiqi war in Afghanistan ein gefeierter Popstar, doch 2011 musste er aus seiner Heimat fliehen. In Augsburg fand der Musiker, Musikpädagoge und Initiator des jährlich stattfindenden Drachenfestes eine neue Heimat. Mitte Juli erschien sein neues Album “Nafas”, das er zusammen mit 24 Musikern produziert hat.

Farhad, du hast eine bewegte Vergangenheit. Du bist in Kabul aufgewachsen und warst in deiner Heimat Afghanistan ein bekannter Popmusiker.
Nach dem Ende des Taliban-Regimes Anfang der Nullerjahre lag Kabul in Schutt und Asche. Alles war zerstört, es gab jahrelang keinen Strom, kein Radio, kein TV, keine Kultur. Das änderte sich, als die NATO begann, eine neue Infrastruktur aufzubauen. Plötzlich war es wieder möglich, Musik zu hören und auch selber zu machen. Ich bin in einer musikalischen Familie aufgewachsen und mir war schnell klar, was ich wollte. Ich habe begonnen, orientalische mit westlicher Musik zu mixen und hatte damit schnell Erfolg. Aber dadurch wurde ich auch angreifbar.

Inwiefern?
Ich war jung und meine Augen waren nur nach vorne gerichtet, ich war nicht aufzuhalten. Ich war infiziert von der neuen Freiheit, die uns die Deutschen und Amerikaner ins Land gebracht hatten. Ich habe Songs produziert und im Ausland moderne Videoclips gedreht, die im TV liefen. Aber der Erfolg hatte auch eine Kehrseite, ich war einigen Leuten ein Dorn im Auge, denn in vielen Köpfen war die wieder gewonnene Freiheit noch nicht angekommen.

Wurdest du bedroht?
Ja, ich habe mich zwar zuerst nicht einschüchtern lassen, aber als meine Familie mit hineingezogen wurde, änderte sich das. Nachdem mir die amerikanische und deutsche Botschaft nicht helfen konnte, musste ich weg. Über meine Flucht möchte ich hier nicht genauer sprechen, weil es bis heute sehr schmerzvolle Erinnerungen sind.

München war dann deine erste Station in Deutschland?
Genau. Nachdem ich dort im BAMF registriert wurde, haben mir meine Englischkenntnisse weitergeholfen. Ich durfte für die Diakonie arbeiten und habe für afghanische, iranische und pakistanische Geflüchtete übersetzt. Einige Woche später wurde ich nach Augsburg in das Asylheim am Proviantbach verlegt. Ich war zwar in Sicherheit, aber ich fühlte mich überhaupt nicht wohl. Ich durfte nicht arbeiten und musste ein Zimmer mit vier anderen Geflüchteten teilen. Ich bin in dieser Zeit fast durchgedreht, bis ich von der Diakonie den Tipp mit dem Grandhotel Cosmopolis bekam. Als ich diesen Ort zum ersten Mal betrat, geschah etwas Magisches. Ich fühlte mich in diesem Kosmos aus Asylunterkunft und Kreativzentrum sofort wohl und verstanden. Stef Maldener und Georg Heber haben mir völlig unkompliziert ein kleines Wohn-Atelier zur Verfügung gestellt, dort konnte ich auch an der Bar und in der Küche arbeiten. Das Grandhotel war also der Schlüssel zu meiner neuen Welt. Aber es dauerte nicht lange, bis wieder dunkle Wolken aufzogen.

Die drohende Abschiebung?
Genau, ich sollte innerhalb von dreißig Tagen das Land verlassen, für mich brach eine Welt zusammen. Das Grandhotel hat mir in dieser Phase unglaublich geholfen und auch eine Petition gestartet, damit ich eine Aufenthalts- und Arbeitsberechtigung bekomme. Mit Erfolg, fast 4.000 Leute haben mich unterstützt und mir damit ein neues Leben ermöglicht.

Dein Künstlername ist Jooyenda ...
... was so viel bedeutet, wie “wer suchet, der findet”. Als Jooyenda wurde ich in Afghanistan bekannt, aber der Name war nie passender als heute.

Du hast in Deutschland auch dein berufliches und privates Glück gefunden.
Ja, ich bin verheiratet, habe eine kleine Tochter und konnte in München erfolgreich eine Ausbildung zum Musikpädagogen absolvieren.

Kommen wir auf deine Musik zu sprechen.
Im Grandhotel und im Café Neruda lernte ich durch Jamsessions viele Menschen kennen, ich war sehr beeindruckt, wie viele gute Musiker in dieser Stadt beheimatet sind. In der Zeit, als ich nicht wusste, ob und wann ich abgeschoben werde, wollte ich unbedingt einen Song aufnehmen, um etwas aus Augsburg mitnehmen zu können. Girisha Fernando hat mir angeboten, in seinem Studio einen Track zu produzieren und so ist mit ihm, Kilian Bühler und Riccardo Ferrara der Song “Passenger” entstanden. Girisha hat mich gefragt, ob ich noch mehr Songs auf Lager hätte und so kam auch die Idee auf, die Band “Darifar” zu gründen, bei der zu den eben genannten Musikern noch Lilijan Waworka stieß.

“Darifar” ist aber nur eines deiner Projekte.
Wir hatten in der Vergangenheit mehrere Auftritte, u.a. beim Modular-Festival, in verschiedenen deutschen Städten und auch in Italien. Aber “Darifar” ist nicht so ganz billig, deswegen spielen wir auch nicht regelmäßig. Aber ich trete viel solo mit einem Klavier oder als Duo mit meinem italienischen Freund Riccardo auf.

Und jetzt steht mit “Nafas” dein neues Album in den Startlöchern.
Ich trage seit Jahren viele eigene Songs mit mir herum. Corona hat uns Musiker ausgebremst und ich wollte die Zeit sinnvoll nutzen. Und so begann ich nach und nach damit, Lieder aufzunehmen. Eigentlich war ein Soloalbum geplant, aber mit der Zeit gingen immer mehr Gastmusiker ein und aus, letztendlich sind es 24 Künstler aus ganz Deutschland geworden.

Finanziert wurde das Album durch Crowdfunding.
Ich wollte mich nicht zum Nulltarif durch die Studios mogeln, gerade jetzt brauchen Musiker und Studiobesitzer Gagen und jeder soll für seine Leistungen auch angemessen entlohnt werden. Ich bin sehr glücklich, dass ich mein Ziel erreicht habe. Zum Ende hin hat das Projekt finanziell etwas stagniert, auffällig war, dass nachdem die “Neue Szene” in der Juni-Ausgabe über mich berichtet hatte, der Zug noch einmal richtig Fahrt aufgenommen hat. Dafür möchte ich mich bei euch bedanken.

Das freut uns. Was erwartet uns?
15 Lieder auf CD und acht auf Vinyl. Die Platte ist Mitte Juli erscheinen. Die Musik ist ein kunterbunter Mix aus Pop, Rock, orientalischen Klängen, Balladen, HipHop, World-Music, aber auch klassische Instrumente mit Musikern vom Augsburger Staatstheater sind dabei. Wenn man mit so vielen Musikern arbeitet, muss man auch deren Ideen respektieren und wir haben im Studio einfach alles laufen lassen, oft wussten wir selber nicht, wohin die Reise führt.

Was sind deine Wünsche und Hoffnungen für die Zukunft?
Ich bin im Krieg geboren und aufgewachsen, deswegen wünsche ich mir nichts mehr als ein Leben in Frieden und Freiheit, ohne Diskriminierung, ohne Waffen, ohne Grenzen. Und ein Leben mit viel Musik.

www.farhadjooyenda.de

Interview + Fotos: Walter Sianos

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