15.000 km mit dem Rad nach Peking. Teil 4: Die georgische Affäre!

15.000 Kilometer bis Peking - Rette, rette Fahrradkette. Teil 4: Georgien.
Die Schwestern Ana und Ida Lutzenberger aus Augsburg radeln und sammeln Spenden für Seawatch!

Vor genau drei Monaten sind Ida und Ana Lutzenberger mit den Fahrrädern von ihrem Elternhaus in Schwaighausen Richtung Peking losgezogen, vor ihnen lagen 15.000 Kilometer in sieben Monaten. Aber neben ihrer Abenteuerlust haben die beiden Schwestern und Kunstpädagoginnen mit “Rette, rette, Fahrradkette” auch eine Spendenaktion für die Seerettungsorganisation “Seawatch” ins Leben gerufen. Ida hat in Augsburg studiert und lebt hier seit sechs Jahren. 2020 war sie bei der “Schwabillu” im Glaspalast mit ihren Bildern zu sehen, seit 2016 ist Ida mit ihrer Handpuppe “Graf Schaf” Teil des museumspädagogischen Programms im Gersthofer Ballonmuseum.
Walter Sianos hat die beiden auf ihrer Etappe in Georgien erreicht.



Ihr seid am 26. Mai, also vor genau drei Monaten zu eurem großen Abenteuer gestartet!
Oh Gott, stimmt, daran haben wir gar nicht gedacht! Mensch, drei Monate, Wahnsinn, wie schnell die Zeit an einem vorbeihuscht.

Ihr habt jetzt über 5.230 Kilometer hinter euch und 5.431 Euro an Spenden für Seawatch eingefahren. Hinter euch liegt also etwas mehr als ein Drittel der geplanten Reise nach China. Wo befindet ihr euch gerade?
In Kutassi, das ist im Westen von Georgien. Wir machen gerade wieder einmal Urlaub vom Urlaub und lassen es uns etwas gut gehen. Wir haben unsere Räder in der Hauptstadt Tiflis geparkt und sind jetzt mal zehn Tage so unterwegs. In den nächsten Wochen erwartet uns die große Steppe in Kasachstan, deswegen füllen wir jetzt alle unsere Wohlfühlakus nochmal auf.

Inzwischen verfolgen doch ziemlich viele Menschen eure Posts auf Facebook und Instagram. Ihr habt heiße Liebesbriefe an die Türkei verfasst. Wie hot ist denn Georgien?
Richtig hot und zwar in jeder Beziehung. Obwohl Georgien an die Türkei angrenzt, ist das hier eine völlig andere Kultur, man spürt deutlich, dass man immer mehr in den Osten dringt. Wir haben viele Begegnungen mit Menschen, die alle superherzlich und gastfreundlich sind. Georgien ist quasi unsere neue Affäre!

Ihr seid in einer Hippie-Kommune gelandet.
Das könnte man auf den ersten Blick meinen, aber das ist eine Teefarm mit Guesthouse, man kann dort stundenweise arbeiten und dafür gibt es Kost und Logis gratis. Wir haben von diesem Projekt von einem deutschen Radler erfahren, den wir zufällig in der Türkei getroffen haben.

Wie reagieren denn die Leute, wenn sie mitbekommen, dass ihr aus Deutschland kommt?
Interessant ist, dass sie gar nicht fragen, sondern bereits wissen, dass wir Deutsche sind. Wer fährt denn schon mit dem Rad, Helm, Warnweste und Sandalen durch die Gegend? (lachen)

Ja, das ist definitiv ein eindeutiges Indiz. Ich denke mir, dass euch einige auch für etwas meschugge halten, mit dem Rad nach Peking…
Ja, wir ernten immer wieder erstaunte Blicke. In Georgien scheint tatsächlich kein Mensch mit dem Fahrrad unterwegs zu sein und fahren tun sie hier alle wie die Henker. Wir haben inzwischen einen neuen Fahrstil entwickelt, bei jeder Kurve oder Kreuzung strecken wir Beine und Hände aus und wedeln damit wie die Verrückten. Hupen ist hier sowieso Volkssport, ein Kommunikationsmittel mit mindestens zehn Bedeutungen.

In der Türkei hat man euch vor Bären gewarnt, in Georgien lauern neben Wölfen also auch wilde Autofahrer.
Das stimmt, man muss also immer wachsam bleiben. Wenn wir nachts unser Lager aufschlagen, dann erkundigen wir uns schon immer bei den Locals, ob wir hier übernachten können oder ob wir es uns lieber auf einem Baum gemütlich machen sollen (lachen). Aber bisher ist uns noch kein wildes Geschöpf begegnet. Doch wir hatten eine schöne Begegnung mit Lada.

Lada?
In Georgien gibt es viele Straßenhunde. Lada ist ein Rüde, den wir so getauft haben. Als wir durch ein Dorf fuhren, hat er sich uns einfach so angeschlossen und ist uns zwei Tage nicht von der Seite gewichen. Nach ca. 70 Kilometern konnten seine Beinchen nicht mehr mit uns mithalten und wir mussten ihn leider mit einem tollen Abendmahl ablenken, während wir uns etwas traurig heimlich davonmachten.

Ihr wolltet über Georgien nach Aserbeidschan und von dort mit der Fähre über das Kaspische Meer weiter nach Baku. Die Grenzen zu Aserbaidschan waren aber wegen Corona dicht. Wie ist denn die aktuelle Situation?
Derzeit ist alles um uns herum dicht, außer der Türkei und Armenien. Auch Aserbaidschan, Iran und Russland, also genau die Länder in die wir eigentlich wollten. Wir haben jetzt am 1. September einen Flug von Tiflis nach Aktau in Kasachstan gebucht und lange darüber nachgedacht, aber letztendlich ist es besser, wenn wir den Flieger nehmen, bevor es gar nicht mehr weitergeht. Wir sind jetzt schon so weit in Richtung Osten gefahren, da wäre es schade, wenn wir umdrehen müssten.

Kasachstan ist also noch auf?
Ja und von dort aus wollen wir weiter nach Kirgisistan und Usbekistan. Das große Problem ist, dass derzeit keine Reise nach China möglich ist, weil auch da die Grenzen geschlossen sind.

Oh je… das große Ziel Peking ist also in weite Ferne gerückt?
Wir bleiben weiterhin optimistisch, aber das kann uns leider blühen. Doch wir können es nicht beeinflussen und alles was uns bleibt, ist sehr flexibel auf diese Situation zu reagieren. Es geht auf alle Fälle weiter und vor uns liegt jetzt die kasachische Steppe, auf die wir uns sehr freuen, weil uns da auch ganz andere Bedingungen erwarten. Der Spannungsfaktor ist hoch bei uns.

Ihr seid drei Monate auf Achse und habt in dieser Zeit so viele Eindrücke und Erfahrungen gesammelt, wie andere in ihrem ganzen Leben nicht. Was denkt ihr, wird euch dieser Trip als Menschen verändern? Kann man nach diesem Abenteuer überhaupt noch so leben, wie man es vorher getan hat?
Das ist eine gute Frage, die wir uns selber auch schon gestellt haben. Wir leben derzeit in absoluter Freiheit und können jeden Tag aufs Neue entscheiden, was wir tun wollen. Wir sind selber gespannt, wie das wird, wenn wir wieder zuhause in ein geregeltes Leben eintauchen. Aber vielleicht haben wir auch wieder Bock auf das Sesshafte, denn das hat schon auch seine Vorteile.

Leben die Menschen in Georgien glücklicher als wir in unserer leistungsbezogenen Hi-Tech-Welt?
Ja, auf jeden Fall, auch wenn man das natürlich nicht pauschal auf alle Leute beziehen kann. Aber die Menschen hier wissen sehr gut, wie man leben muss, wie man genießt, ohne sich zu überarbeiten. Wir haben diese Lebensart inzwischen verinnerlicht und merken, wie wir von Woche zu Woche und von Land zu Land relaxter werden. Das beweist auch unser Tagespensum, zuletzt sind wir täglich im Schnitt nur noch an die 30 Kilometer pro Tag geradelt.

Dann wünsche ich euch schon mal einen guten Flug nach Aktau und eine gute Zeit in der kasachischen Steppe. In drei Wochen sprechen wir uns wieder!

Interview: Walter Sianos
Fotos: Ana und Ida Lutzenberger

Die Neue Szene begleitet Ana und Ida redaktionell auf ihrer Reise. Auf unserer Website www.neue-szene.de gibt es ca. alle drei Wochen einen aktuellen Lagebericht.

Kilometerstand: 5230
Spendenstand: 5431 Euro (26.08.2021)

Der Link zur Spendeaktion:
www.sea-watch.org/spenden/aktion/?cfd=xh64l#cff
Rette, rette Fahrradkette bei Facebook und Instagram
www.facebook.com/retterette.fahrradkette
Instagram: rette_rette_fahrradkette

TEIL 1 ZUM NACHLESEN:
https://www.neue-szene.de/magazin/news/mit-dem-fahrrad-15000-kilometer-bis-nach-peking
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https://www.neue-szene.de/magazin/news/teil-2-istanbul-mit-dem-fahrrad-15000-kilometer-bis-nach-peking
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