Rette, rette Fahrradkette: Unterwegs in Zentralasien.Teil 9: “Iran - Das Land der Extreme”

Rette, rette Fahrradkette

Unterwegs in Zentralasien. Teil 9: “Der Iran – Das Land der Extreme”

Die Schwestern Ana und Ida Lutzenberger aus Augsburg radeln und sammeln Spenden für Seawatch!
Vor zehn Monaten sind Ida und Ana Lutzenberger mit den Fahrrädern von ihrem Elternhaus in Schwaighausen Richtung Peking losgezogen, vor ihnen lagen 15.000 Kilometer. Doch Corona hat ihnen bei ihrer Reiseroute einen Strich durch die Rechnung gemacht. Neben ihrer Abenteuerlust haben die beiden Schwestern und Kunstpädagoginnen mit ”Rette, rette, Fahrradkette” auch eine Spendenaktion für die Seerettungsorganisation ”Seawatch” ins Leben gerufen. Derzeit befinden sich die beiden Globetrotterinnen auf dem Weg an die iranisch-türkische Grenze.
Walter Sianos hat zu ihnen durchgefunkt.

Bei unserem letzten Gespräch vor vier Wochen seid ihr von Teheran mit dem Bus in Richtung Insel Qeshm an den Persischen Golf gefahren. Wie geht es euch und wo treibt ihr euch denn gerade herum?
Bis auf einen leichten Sonnenbrand geht es uns prima. Wir befinden uns derzeit im nördlichen Teil des Iran und hier herrschen augenblicklich frühlingshafte Temperaturen.

Wie ich eure Begeisterungsfähigkeit inzwischen kenne, toppt der Iran alles bisher Dagewesene.
(Lachen). Ja, genau so ist es, was aber auch daran liegt, dass der Iran ein extrem abwechslungsreiches Land ist. Die Landschaft verändert sich ständig und das haben wir in dieser Form bisher auf unserer Tour so tatsächlich noch nicht erlebt. Vor einiger Zeit waren wir in Balutschistan im Westen unweit der pakistanischen Grenze und dort fühlten wir uns wie in eine andere Welt versetzt, überall Wüstendünen und Kamele.

1001 Nacht in Vollkommenheit?
Genau. Vor einigen Tagen erlebten wir dann Temperaturen um den Gefrierpunkt und jetzt im Norden haben wir wunderbarstes Wetter. Alles ist so grün und hügelig, man könnte meinen wir sind mitten im Allgäu.

Aber auch die kulturellen Unterschiede dürften im Iran immens sein, gerade wenn man die Hauptstadt Teheran mit den ländlichen Regionen vergleicht.
Absolut, Teheran tickt fast wie eine europäische Großstadt. Auch da herrschen strenge Regeln, aber die Menschen dort finden immer sehr kreative Wege, diese zu umgehen.

Ich habe mal auf Arte eine Dokumentation über die Techno- und Metal-Szene in Teheran gesehen. Ich konnte gar nicht glauben, was da so alles abgeht.
Das alles findet hinter verschlossenen Türen statt. Alkohol ist beispielsweise streng verboten, aber wir haben nirgends so viel gebechert wie hier. Die Iraner haben eine sehr positive Einstellung zum Leben und sind auch wahre Meister der Improvisation. Und hier gibt es tatsächlich eine sehr lebendige Undergroundkultur. Aber sobald man in die ländlichen Regionen kommt, wandelt sich das Bild. Man fühlt sich dann oftmals wie in ein anderes Jahrhundert versetzt, die Menschen leben zum Teil noch in Palmenhütten. Der Iran ist wirklich die Nation der Extreme und unterscheidet sich sehr von den Ländern, die wir bisher durchquert haben.

Ich tippe mal, dass die iranische Gastfreundschaft ziemlich gewaltig ist.
Wir haben auf unserer langen Reise in diese Richtung bisher fast ausschließlich gute bis sehr Erfahrungen gemacht, aber die persische Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Menschen setzt nochmal neue Maßstäbe.

Trotz allem, die Rolle der Frauen dort dürfte euch nicht gefallen.
Es tut manchmal sogar sehr weh, wenn man mitbekommt, was es hier bedeutet, eine Frau zu sein. Die Männer haben bis zu vier Frauen, zwölfjährige Mädchen werden verheiratet und haben oft mit 13 bereits das erste Kind. Es ist schon schlimm, wenn man so etwas mitbekommt.

Der Iran ist ein von Krieg und Embargos gezeichnetes Land. Macht sich das im Alltag bemerkbar?
Schon, weil ein Großteil der Bevölkerung davon betroffen ist, fast jeder hat im Krieg einen Freund oder ein Familienmitglied verloren.

Als wir gestern telefoniert haben, habt ihr gesagt, dass wir das Interview sehr bald machen müssen, weil ihr danach bis Ende April kein Internet habt. Ihr radelt jetzt nicht noch schnell zum Mond, oder?
Nein (lachen). Alle Touris müssen bei der Einreise ihr Handy registrieren lassen und dann kann man bis zu vier Wochen telefonieren. Weitere vier Wochen hätten 100 Euro gekostet, deswegen haben wir entschieden, nicht zu verlängern und einfach mal einige Wochen auf das Mobiltelefon zu verzichten.

Ist ja auch mal ganz gut, vor allem, wenn man die Nachrichten aus Europa verfolgt. Die Corona-Pandemie will kein Ende nehmen und in der Ukraine tobt der Krieg. Was bekommt ihr davon mit?
Der Krieg ist auch hier in den Nachrichten präsent, aber er ist jetzt nicht das Riesenthema wie beispielsweise in Deutschland.

Seid ihr gedanklich schon auf der Rückreise?
Jaaaaaaaa!

Oha, das kommt aber mit großen Elan an.
Wir freuen uns schon wieder auf die Heimat, aber es schmerzt auch leicht, dass sich unser Trip langsam aber sicher dem Ende zuneigt. Wir haben für unsere Reise eine Auslandsversicherung abgeschlossen und die läuft in zwei Monaten aus, das bedeutet, dass wir Anfang Juni mit unseren Rädern über die deutsche Grenze rollen müssen.

Geht es vom Iran in Richtung Türkei weiter?
Genau, dort wollen wir über die Südküste zuerst nach Griechenland und dann nach Albanien. Wahrscheinlich nehmen wir danach eine Fähre Richtung Italien und von dort aus geht’s wieder nach Hause.

Seid ihr für ein konventionelles Leben überhaupt noch zu gebrauchen?
Das ist eine spannende Frage, aber ganz so dramatisch wird es schon nicht werden, weil es sicher auch schön ist, sich an einem Ort niederzulassen und dort wieder etwas aufzubauen. Aber die Umstellung könnte anfangs schon schwierig werden.

Aber wenn jemand gelernt hat, sich zu akklimatisieren, dann ja wohl ihr. Zehn Monate auf Achse, das bisher größte Abenteuer eures Lebens befindet sich in der Endphase, was wollt ihr der Menschheit zurufen?
Ähmm. Schwierige Frage … Von den Iranern kann man sich wirklich eine Scheibe abschneiden, was ihre Lebenseinstellung betrifft. Trotz aller Schwierigkeiten gelingt ihnen ein bewundernswerter Spagat, ihr Leben zu meistern. Uns Menschen im Westen geht es so gut, dass wir manchmal bestimmte Dinge gar nicht mehr richtig einordnen können. Alles funktioniert, die Kühlschränke sind voll und trotzdem herrscht oft eine Unzufriedenheit.

Interview: Walter Sianos
Fotos: Ana und Ida Lutzenberger
Die Neue Szene begleitet Ana und Ida redaktionell auf ihrer Reise. Auf unserer Website www.neue-szene.de gibt es monatlich einen aktuellen Lagebericht.

Kilometerstand: 11.301 km
Spendenstand: 11.815 (01.04.2022)

Der Link zur Spendeaktion:
www.sea-watch.org/spenden/aktion/?cfd=xh64l#cff
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