15.000 km mit dem Rad nach Peking. Teil 6: Usbekistan

Rette, rette Fahrradkette, Teil 6: Usbekistan

15.000 Kilometer bis Peking - Rette, rette Fahrradkette. Teil 6: Usbekistan
Die Schwestern Ana und Ida Lutzenberger aus Augsburg radeln und sammeln Spenden für Seawatch!

Vor einem halben Jahr sind Ida und Ana Lutzenberger mit den Fahrrädern von ihrem Elternhaus in Schwaighausen Richtung Peking losgezogen, vor ihnen lagen 15.000 Kilometer in sieben Monaten. Aber neben ihrer Abenteuerlust haben die beiden Schwestern und Kunstpädagoginnen mit “Rette, rette, Fahrradkette” auch eine Spendenaktion für die Seerettungsorganisation “Seawatch” ins Leben gerufen. Ida hat in Augsburg studiert und lebt hier seit sechs Jahren. 2020 war sie bei der “Schwabillu” im Glaspalast mit ihren Bildern zu sehen, seit 2016 ist Ida mit ihrer Handpuppe “Graf Schaf” Teil des museumspädagogischen Programms im Gersthofer Ballonmuseum.
Walter Sianos hat die beiden auf ihrer Etappe in Usbekistan erreicht.

Als wir das letzte Mal telefoniert haben, ward ihr gerade in Kirgisistan. Wo treibt ihr euch denn aktuell herum?
Wir sind seit vier Wochen in Usbekistan und aktuell auf dem Weg nach Samarkand. Die letzten zwei Wochen haben wir in der Stadt Andijon eine längere Pause eingelegt, die echt dringend nötig war.

Bei eurem letzten Post auf Facebook und Instagram klang so etwas wie Müdigkeit und Heimweh durch. Ich zitiere mal kurz: “Der Kopf überladen mit Eindrücken und die Batterien sind leer vom Pedaledrücken.”
Die letzte richtige Pause haben wir in Istanbul eingelegt, das ist auch schon wieder eine ganz schön lange Zeit her. Wenn man fast nonstop unterwegs ist, dann kommt man schon auch mal in eine Phase, in der das Abenteuer zum Alltag wird und man merkt, dass die Freude und der Spaß nachlassen. Und immer wenn wir einen kurzen Break eingelegt haben, haben wir uns erkältet oder einen Magen-Darm-Virus eingefangen. Unsere Körper haben uns signalisiert, dass es Zeit für eine Erholungsphase ist.

Euch scheint es aber inzwischen wieder ganz gut zu gehen, auf den Bildern bei Insta sieht man euch in einer Rollerdisco oder beim Autoscooter fahren.
Wir haben auf unserer Reise unheimlich viele Bekanntschaften gemacht, aber eben meist nur sehr flüchtige. Es ist schön, einfach mal etwas länger an einer Location zu sein und einen gefühlten Alltag zu erleben. Wir wohnen seit zwei Wochen bei Jochen, einem deutschen Uni-Professor, der seit drei Jahren hier lebt und davor in China Englisch bei Auguren unterrichtet hat. Jochen hat uns freundlicherweise ein Appartement zur Verfügung gestellt, in dem wir es uns gemütlich gemacht haben.

Habt ihr den Professor zufällig kennengelernt?
Wir haben in Kirgisistan einen deutschen Reisenden getroffen und er hat uns diesen Kontakt vermittelt, so sind wir hier gelandet. Jochen arbeitet hier als Dozent an der Uni, hat uns immer wieder mitgenommen und einmal mussten wir dann an der Universität für Landwirtschaft einen Vortrag in einem vollbesetzten Hörsaal machen. Das war ziemlich spannend und hat auch Spaß gemacht. Die usbekischen Studenten waren ziemlich neugierig und haben uns mit Fragen nur so überhäuft.

Was wurde denn gefragt?
Alles Mögliche über Deutschland und auch Dinge über unsere Reise. Die skurrilste Frage war aber: “Wenn sie Hitler wären, was würden sie tun?"

Und was antwortet man da?
Selbstmord!

Gerade war der erste Advent. Wie sehr vermisst ihr vorweihnachtliche Stimmung, Plätzchen, Punsch und Weihnachtslieder?
Usbekistan ist ein islamisches Land, christliche Kultur existiert hier gar nicht und deswegen ist Weihnachten hier überhaupt nicht präsent und deshalb auch in unseren Köpfen sehr weit weg.

Seid ihr keine Weihnachtsfans?
Doch, sehr sogar. Wir lieben es, mit der Familie bei Plätzchen und Glühwein zu feiern. Aber dadurch, dass wir soweit weg sind, vermissen wir es im Moment gar nicht so sehr.

Habt ihr schon eine Idee, wie ihr Heilig Abend verbringen wollt?
Nein, noch gar nicht, mal kucken, aber das wird sicher spannend.

Euch sieht man ständig mit den verschiedensten Leuten herumziehen. Wie ist denn die Coronalage in Zentralasien? Bei uns geht gerade leider wieder alles ziemlich durch die Decke.
Das haben wir mitbekommen. Wir sind beide geimpft, aber Covid 19 scheint hier irgendwie gar nicht zu existieren. Offiziell sind hier zwar viele geimpft, aber die Ausweise sind oft gefälscht und wenn man mal jemand mit Maske herumlaufen sieht, dann fällt das schon auf. Und die Coronazahlen, die hier veröffentlicht werden, haben wohl nichts mit der Realität zu tun.

Jetzt ist es genau ein halbes Jahr her, als ihr von Schweighausen im Allgäu aus zu eurem ganz großen Abenteuer gestartet seid. Was war bisher größer, die Erwartungen oder das Erlebte?
Eindeutig das Erlebte! Man hat zwar eine grobe Vorstellung, auf was man zusteuert, aber letztendlich kommt es dann immer doch ganz anders und unser Trip hat definitiv alle unsere Erwartungen gesprengt.

Wenn man sechs Monate so eng aufeinandersitzt wie ihr, leidet da nicht das Familienleben?
Wir können voller Stolz sagen, dass wir noch keinen einzigen Streit hatten. Ganz im Gegenteil, wir werden sogar immer mehr zusammengeschweißt, gerade weil man viele krasse Situation erlebt. Da ist es schön, wenn man eine vertraute Person an seiner Seite hat, mit der man alles zusammen durchsteht. Wir werden immer mehr voneinander abhängig.

Was meint ihr, wird euch dieser Trip als Menschen verändern?
Das ist eine schwierige Frage ... Das wird uns sicherlich irgendwie prägen, aber inwieweit das passieren wird, kann man wohl erst sagen, wenn wir wieder in der Heimat sind. Was uns in Zentralasien besonders gefällt, ist, dass alles entspannter und nicht so besessen von Regeln abläuft. Man lebt mehr in den Tag hinein und die Menschen sind spontaner in ihren Handlungen. Und Usbekistan ist wirklich Weltmeister in Sachen Gastfreundschaft. Die haben wir ja wirklich in vielen Ländern erlebt, aber das hier toppt wirklich alles. Wenn wir wieder in Deutschland sind, werden wir öfter mal einfach fremde Menschen ganz spontan auf Kaffee und Kuchen einladen.

Ihr habt schon ein Faible für ehemalige Sowjetstaaten.
Das ist inzwischen tatsächlich ein kleiner Fetisch von uns geworden. Die ehemalige UdSSR war für uns so etwas wie ein spannendes und unbekanntes Wesen. Die Menschen wirken auf den ersten Blick rough und alles wirkt anfangs unromantisch und kommt etwas chaotisch rüber. Aber der Eindruck trügt, denn die Menschen sind unglaublich herzlich.

Corona hat eure Route komplett umgestülpt. Wie geht’s denn jetzt weiter, hattet ihr nicht ursprünglich sieben Monate für eure Reise eingeplant?
Ja, aber was sollen wir denn machen, wenn wir uns ständig verfahren (lachen). Mal sehen, wir haben beschlossen weiterzumachen. Nachdem Peking ja wegen geschlossener Grenzübergänge leider nicht mehr möglich ist, mussten wir uns umorientieren. Unser neues Ziel ist der Iran, wir haben ein Visum beantragt und da sieht es gar nicht so schlecht aus. Leider müssten wir dann dorthin allerdings fliegen.

Euer Trip hat auch einen caritativen Beifahrer. Ihr sammelt Spenden für Seawatch. Wie schafft ihr es, dass die Spendenbereitschaft immer noch so hoch ist? Der aktuelle Stand ist 8.581 Euro bei 8.033 gefahrenen Kilometern.
Wir sind auch positiv überrascht und wir hoffen natürlich, dass das so weitergeht. Liebe Leute, wir würden uns sehr freuen, wenn ihr anstatt eines nutzlosen Geschenks einige Euro spenden könntet. Vielen Dank dafür!

Interview: Walter Sianos
Fotos: Ana und Ida Lutzenberger

Die Neue Szene begleitet Ana und Ida redaktionell auf ihrer Reise. Auf unserer Website www.neue-szene.de gibt es monatlich einen aktuellen Lagebericht.
Kilometerstand: 8033 km
Spendenstand: 8581 (01.12.2021)

Der Link zur Spendeaktion:
www.sea-watch.org/spenden/aktion/?cfd=xh64l#cff
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Instagram: rette_rette_fahrradkette

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